Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Aspects of Abraham

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Ganz bestimmt kein Update zu Losing My Religion:

mathew Brady, Abraham mit Tad LincolnWer sich mit der Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs befasst, lernt alsbald:

Abraham Lincoln war ein hünenhafter Bauernsohn aus einer Quäkerfamilie in Kentucky mit langen Armen, auffallend großen Händen und noch größeren Füßen und Ohren wie Dumbo. Mit seinen grundsätzlich abgenutzten, immer verknitterten schwarzen Anzügen mit zu kurzen Ärmeln und Hosenbeinen und dem Ausdruck von Melancholie, der nie aus seinem Gesicht wich, erinnerte er an einen Leichenbestatter.

Dabei war er berüchtigt für seinen derben Humor, den vor allem er selbst komisch fand, während er seinen Gesprächspartnern meist die Sprache verschlug. Eine Karikatur von John Cameron stellt noch 1864 bei fortgeschrittenem Bürgerkrieg dar, wie ihm in einer Regierungsversammlung als erstes ein kapitaler Witz einfällt.

Abgesehen davon nahm er durch die Einfachheit und Güte seiner knorrigen Gesichtszüge ein. Durch seine Mischung aus Bodenständigkeit, Frömmigkeit, Gutherzigkeit, Leutseligkeit und einer fundamentalen Ehrlichkeit vermittelte er eine geheimnisvolle innere Größe, gerade auch, weil er sich im Gegensatz zu seinen aktionistischen Mit-abolitionists gern zur Kontemplation zurückzog, um aus einer nicht näher ergründbaren Kraftquelle in seinem Unbewussten zu schöpfen.

Bei öffentlichen Auftritten überragte sein zerfurchtes Gesicht auf dem Geierhals die Menge, sein Rednerpult erklomm er etwas ungelenk. Beim Sprechen hatte er die wenig elegante Angewohnheit, in die Knie zu gehen und sich an den wichtigen Stellen ruckartig zu seiner vollen Länge zu strecken.

Im Lincoln Memorial in Washington thront der Marmorne mit einem mysteriösen Gesicht auf dem Hinterkopf und vor allem: in absichtlich verzerrte Körperproportionen gemeißelt – weil er sonst, aus der Sicht seiner Bewunderer von unten, erst recht verzerrt wahrgenommen würde. Die tiefere Bedeutung dieser Information dürfen Sie jetzt erst mal auf sich wirken lassen.

Die thematische Parallele für Verschwörungstheoretiker: Melville und Lincoln: beide vier Kinder, beide mutmaßlich schwul.

Warum werden solche Käuze mit einer eindeutigen, wenngleich undogmatischen Message heute keine Präsidenten mehr? – Die Zeiten sind visuell. Mit so einem valentinesken Gestell konnte man es mal auf den Fünf-Dollar-Schein und in den Mount Rushmore schaffen, weil man 1861 weder in Fernsehduellen beurteilt noch hinterrücks von Handy-Kameras an die Bildzeitung gesimst wurde. Darum geht Honest Abe Lincoln heute noch als richtig cooler Hund durch.

Come to think of it, hätte ich nicht ein Arbeitsleben lang ausschließlich unverknitterte Anzüge getragen (und mich etwas strebsamer um eine Arbeitsgenehmigung da drüben bemüht), hätte ich’s wer weiß noch zum amerikanischen Präsi bringen können.

Bilder: Wiki, Superfreaky Memories; Lizenz: Creative Commons.

Written by Wolf

7. June 2007 at 12:34 am

Posted in Moses Wolf

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