Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Chez Pierre

with one comment

An infixing stillness, now thrust a long rivet through the night, and fast nailed it to that side of the world.

Herman Melville: Pierre

Da durchschlug ein Keil von Stille die Nacht und nagelte sie wie mit einem langen Bolzen fest an diese Seite der Welt.

Übersetzung: Christa Schuenke

Es ging nicht gut. Ein Absturz, der mit dem Straucheln Mardi eingeleitet und mit Moby-Dick angefangen wurde, nahm mit Pierre seinen Lauf.

Herman Melvilles Buch #7 Pierre oder die Doppeldeutigkeiten von 1852, das ist: ein Jahr nach Moby-Dick, war sein größter Skandal. Die Handlung und ihre moralische Bewertung, oder vielmehr der Mangel daran, braucht kein puritanisch-viktorianisches 19. Jahrhundert, um skandalös zu wirken. Laut Daniel Göske ein radikales Experiment.

Die andere Besonderheit: Es ist derjenige von Melvilles Romanen, der am wenigsten mit Seefahrt zu tun hat – und in dem Frauen tragende Rollen spielen. Es geht um das Leben der gehobenen Gesellschaft von New York, und die Frauen sind nicht die gewohnten dramaturgischen Elemente, in die sich verschiedene Handlungsträger zu verlieben haben, sondern ausgebildete Charakter, eigentlich dominierender als die männlichen Figuren. Drittens: Melville zeichnet in der Hauptfigur ein verfremdetes Selbstportrait.

Pierres Verlobte Lucy – das, was es im unaristokratischen Amerika statt Hoher Töchter gibt – ist anfangs ein konventionelles Heimchen, wie es bei Austen und den Brontës neuerdings geleugnet wird, wächst jedoch im Verlauf zu einer eigenen Größe heran. Dann nämlich, als sie ihrem abtrünnigen Pierre nachzieht, der mit der finsteren Schönheit Isabel, Lucys Gegenteil, nach New York durchgegangen ist.

Das Isabel sich nebenbei als Pierres Halbschwester herausstellt, ist nur der Anfang einer wüsten Geschichte um Inzest mit Mutter, Schwester, Vater gar. Die leichthin unterhalende, dabei nur unterschwellig moralisierende Darstellung solcher Ungeheuerlichkeiten begründete Melvilles Ruf, ernsthaft geistesgestört zu sein, was ihm noch länger anhängen sollte.

Wenn David Lynch je Charlotte Brontë verfilmen sollte, kommt Pierre dabei raus. Etwas in der Richtung ist schon lange fällig. Ein veritabler Jammer, dass Herman Melville keine Filme gedreht hat.

Code Civil

Written by Wolf

30. June 2007 at 11:09 pm

Posted in Rabe Wolf

One Response

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  1. […] » Update zu Elizabeth Shaw Melville unterbindet den ersten Manuskriptentwurf (1850) und Chez Pierre: Water, water, every where, Nor any drop to […]


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