Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Wir sind hier nicht in der Wall Street, Dirk

with 3 comments

Update zu Dös peitscht mi jetzt ned so sonderlich:

Digital ist besser 1995, Front-CoverDie gute Nachricht: Tocotronic haben eine neue CD namens Kapitulation gemacht.

Die schlechte Nachricht: Wenn Dirk von Lowtzow sich dazu interviewen lässt, raucht er vorher anscheinend ganz komische Sachen. In der Schule hat er wohl irgendwie mal Melville gehabt:

Etwas nicht zu tun und die Waffen zu strecken, das ist auf jeden Fall eine Strategie. Weil man sich so den Anforderungen, die an einen gestellt werden, entzieht. Das ist ja so eine Bartleby-Idee.

Und wenn man dann kapituliert hat und wie der Schreiber Bartleby immer wieder gesagt hat “I would prefer not to”, wie geht es dann weiter?

Das ist ja jetzt erst mal nicht unsere Aufgabe zu sagen, wie es da noch weitergeht. Jetzt sind wir ja erst mal froh, dass wir kapituliert haben. Und dann kann man kucken, wie man von da weiterkommt. Aber grundsätzlich: Wir haben mit der Platte eine künstlerische Äußerung getätigt, die erst mal keinen pragmatischen Nutzen hat. Dieses Album ist kein Lebensratgeber, sondern eine Rockplatte, also im Feld der Ästhetik angesiedelt.

Interview in der taz: Dieses ganze scheiß Harmlosistan, 2. Juli 2007

Och Herr von Lowtzow, das können Sie doch besser. Wenn Sie schon den schönen Bartleby darauf runterkochen müssen, dass da einer hach-wie-künstlerisch die Arbeit verweigert, hätten Sie sich wenigstens merken können, wie das Ding ausgeht.

1995 ballerten Tocotronic mit einem Küchentisch-Sound auf gehobenem Spielzeug einer Epoche, in der die Kinderzimmer endlich alle mit Steckdosen ausgestattet waren, in die Radiosender und Feuilletons, ließen einen nicht in Ruhe mit der Frage, ob dieses missmutige (na, jedenfalls deutsche!) Genöle Unbekümmertheit oder juveniler Wohlstands-Ennui sein sollte, wurden die Mütter des deutschen Indie-Geschrammels und gingen nie wieder weg. Haben Tocotronic deutschlandweit wirklich so viel weniger geleistet als The Velvet Underground weltweit?

Schon zur Zeit der ersten beiden Tocotronic-Platten, denen wir in ihrer Rotzigkeit nicht viel weniger als eine eigenwillige, dennoch klassische Schönheit zusprechen dürfen, traf von Lowtzow Aussagen wie Was nicht ist, kann niemals sein (Digital Ist Besser, 1995). Das hatte aber wenigstens einen surrealistischen Charme.

Was Herr von Lowtzow dazu sagen würde? Wahrscheinlich, was er immer sagt: Man wird sich als Band wohl noch weiterentwickeln dürfen. Pure Vernunft darf niemals siegen.

Tocotronic bei der Arbeit

Bild: taz, 2. Juli 2007.

Written by Wolf

6. July 2007 at 1:35 am

Posted in Rabe Wolf

3 Responses

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  1. Hallo Mannschaft,
    nach langem, seeeeeehr langem leise Atmen im dunklen Bauch des Schiffs, versteckt zwischen Tampen und Harpunen und Walfett, damit ihr alle vergesst, einen blinden Passagier überhaupt an Bord zu haben, nach dieser langen Zeit der Stille, des Nicht-Lesen Eurer melvillsch verknoteten Blog-Pfade und Beiträge, nach einer Zeit der fast totalen Introspektive in den letzten Monaten, möchte ich mich zurückmelden. Ich bin noch an Bord und bemühe mich in den nächsten Tagen mit Lebertran und viel Lesen wieder zu Kräften und auf den Stand der Dinge zu kommen.

    Und dass ich auf den Beitrag zu der grandiosen Platte der Herren v. Toco antworte hat gleich zwei Gründe. Zum einen Recht geben: die schwurbeln zu viel in ihren Interviews, aber die Platte ist zumindest zur Hälfte toll und vor allem die Zeile: “Sag alle ab, geh einfach weg, halt die Maschine an und frag nicht nach dem Zweck”, die ich mir nun zu Herzen nehmen will und hören und sehen, was Melville sagen kann dazu. Die Sonne hier oben auf Deck wird mir sicher auch gut tun, und wenn keiner von Euch mich bald wieder unter Deck schickt, freue ich mich auf Austausch.
    Der Christian

    Christian

    18. July 2007 at 10:38 pm

  2. Ja der Kolleesche! Welch Glanz! Introspektion sollte man trotzdem viel öfter treiben, da ist deine Auszeit bis jetzt noch das Minimum dafür. Auf der Mannschaft-Seite stehst du noch, also immer rüber mit der Weisheit.

    Momentan zet Be im dritten Thread seiner Art.

    Wolf

    18. July 2007 at 11:40 pm

  3. Hach, der Christian is wieder da. Das nenn ich doch einen blinden Passagier von echtem Schrot und Korn. Was ‘ne Freude! Genieße die Sonne auf Deck, bist ja schon ganz blass. ;o) Und statt Lebertran – brrrrr! – gibts ‘ne groooße lecker Chowderbowl.
    Willkommen zurück, wollt ich sagen.

    hochhaushex

    19. July 2007 at 1:49 am


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