Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Zwischen Elephant Island und den Jagdgründen von Mocha Dick

with one comment

Elke kennt sich da aus und gibt Stephan Antwort:

Who is the third who walks always beside you?
When I count, there are only you and I together
But when I look ahead up the white road
There is always another one walking beside you
Gliding wrapt in a brown mantle, hooded
I do not know whether a man or a woman
— But who is that on the other side of you?

T.S. Eliot in: The Waste Land, 1922.
Die Strophe ist Shackletons Marsch
über das Südgeorgische Gebirge gewidmet.

Elke HegewaldDas Stichwort Endurance und noch mehr die Erwähnung Sir Ernest Henry Shackletons, des exzessiven Antarktis-Fahrers, haben mich an etwas erinnert: Ich habe ihn vor gar nicht so langer Zeit nämlich auch gesehen, den Dokumentarfilm Verschollen im Packeis (Originaltitel: Shackleton’s Legendary Antarctic Expedition – USA 2000) und fand ihn atemberaubend. Das heißt, so es denn gestattet ist, den tiefen und anhaltenden Eindruck einer Dokumentation in bewegten Bildern so zu umschreiben.

Und ich kann Stephan verstehen. Denn die Story fühlt sich an wie das perfekte Szenario zu einem dramatischen Abenteuerfilm, das man nicht spannender hätte ersinnen können. Und doch ist es eine von den Geschichten, die das (Forscher-)Leben schreibt, auch wenn man sie kaum glauben mag:

Shackletons Expedition, die drei Tage vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges begann und die erste Überquerung des antarktischen Kontinents werden sollte, scheitert. Nach 327 Expeditionstagen wird die Endurance am 27. Oktober 1915 vom Packeis zerdrückt. Die Besatzung ist zu diesem Zeitpunkt tausende Kilometer von jeder Zivilisation entfernt. Sie erreicht mit ein paar geretteten Booten, die sie auf einem Marsch voller Strapazen mit Manneskraft übers Eis gezogen und zwischen Eisschollen hindurch manövriert hat, am 15. April 1916 Elephant Island auf den südlichen Shetlandinseln.

Ernest Shackleton, Shackleton's Antarctic Journey, EnduranceVon dort aus bricht Shackleton mit fünf Männern auf, um Hilfe zu holen, und es gelingt ihm und dem Skipper der Endurance, Frank Worsley, in einer seemännischen und navigatorischen Meisterleistung nach 15 Seetagen am 10. Mai das 1200 km entfernte Südgeorgien zu erreichen. Nach einem kräftezehrenden Fußmarsch über das Gebirge erreichen sie am 20. Mai die Walstation Stromness an der bewohnten Ostküste der Insel. Und endlich glückt am 30. August 1916, erst im vierten Anlauf, die spektakuläre Rettungsaktion, und Shackleton holt seine Männer nach Hause.

Sein Ruhm ist in den heißen Kriegszeiten groß genug, ihn zum Nationalhelden zu machen, und kann dazu herhalten, die Frontkämpfer zu motivieren. Viele seiner Männer melden sich freiwillig an die Front – und fallen.

Das Buch zum Film schrieb die Amerikanerin Caroline Alexander, die einige Jahre zuvor bereits einen Bildband über die Shackleton-Expedition veröffentlicht hatte. Ihr Verdienst dabei ist vor allem eine lebendige Zeichnung der Charaktere der Crew mit Hilfe der alten Bordbücher und Dokumente:

… eine Besetzung von altgedienten Forschungsreisenden, Wissenschaftlern und der Schiffsmannschaft. Wir erfahren beispielsweise, daß der Zimmermann und Schiffbauer Henry McNish — oder “Chippy”, wie er genannt wurde — “weder verträglich noch tolerant”, und Mrs. Chippy, seine Katze, “voller Charakter” war. Beschreibungen dieser Art aus erster Hand, gepaart mit 170 von Frank Hurleys intimen Fotografien (hier zum ersten Mal umfassend zusammengetragen), durchdringen den Rumpf der Endurance und die rauhen Schalen dieser zähen Männer. Sie bringen das kaum bekannte häusliche Leben einer Expedition zum Vorschein — das Liedersingen, die Festgelage, die Vorträge und die Kameradschaft — so daß uns diese Leute über die stereotype Gestalt der Forscher hinaus vertraut sind, als die Entbehrungen einsetzen und wir um ihre Sicherheit bangen.

Alexander stellt Shackleton als einen inspirierenden Optimisten dar, als “einen Führer, dessen Mannschaft für ihn stets an erster Stelle kommt”. Durch die zermürbende Tortur hindurch zeigen Shackleton und seine Männer, was Durchhaltevermögen und Größe sind. Endurance ist ein intimes Porträt einer Expedition und des Überlebens. Der Leser wird Respekt vor diesen kühnen Seelen gewinnen und ihre unvorstellbare Mühe und ihren halbvergessenen Ruhm besser kennenlernen.

Aus der Amazon-Beschreibung

Die Filmemacher hatten das Glück, dass sie hunderte Originalfotos und umfangreiches Filmmaterial verwursten konnten. Hinterlassen von einem Teilnehmer der Unternehmung, dem australischen Kameramann Frank Hurley, ohne den es diese faszinierende Dokumentation wohl nicht geben würde.

Randall Enos, Mocha DickWas für Assoziationen uns hier zu Moby-Dick hintreiben?

Nun, eigentlich graben wir (danke, Stephan!) in der Nähe der Herkunftswurzeln des Weißen Wals, sogar in zweierlei Richtung.

Denn dass erstens Owen Chases Bericht zum Untergang der Essex eine der Steilvorlagen für Melvilles Roman war, ist unbestritten. Und die Strapazen der (zugegeben kannibalischen) schiffbrüchigen Walfänger von 1821 mit denen der Shackleton-Männer zu vergleichen, scheint mir so weit hergeholt nicht.

Und zweitens lassen uns diese – zu guter Letzt doch noch mehr oder weniger glücklich (oder glimpflich?) ausgegangenen – Schicksale der Besatzungen doch wiederum tiefer nachsinnen über Melvilles drastisch geänderte Schreiberpläne und -wendungen. Die ihn zuletzt bewogen haben, nur den armen Ismael überleben zu lassen im Kampf der Gewalten: “Und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.” (Hiob 1,15, 16, 17 und 19) Dass er es mal anders vorhatte, weiß der Herr Nachwörtler Göske (und bestimmt auch der gute Hawthorne):

Auch Melville nahm nun auf das Schicksal der Essex Bezug, aber er wollte im archetypischen Kampf zwischen Wal und Mensch keine Überlebenden. Während ursprünglich wohl wichtige Nebenfiguren… einen frühen Tod finden sollten, entschloss er sich nun, die Männer auf der Pequod am Ende in einer einzigen, dramatischen Katastrophe zusammen ins Verderben zu schicken.

Göske, Seite 881

Bliebe noch Stephans Frage, ob es noch weitere belegte Walangriffe auf große Schiffe gegeben habe.

Kurz nach der Beendigung seines Romans erfuhr Melville aus den Zeitungen vom Untergang der Ann Alexander im August 1851. Ein Pottwal hatte sie gerammt und versenkt (siehe Göske/Jendis, Seite 884). Er war erschüttert und schrieb in einem Brief nach New York:

“Nachdem ich die letzten Tage mit Axt, Spaltkeil & Schlegel im Walde gewirtschaftet hatte, war mir der Wal fast vollständig entglitten (& ich war froh drum), und krach! kommt Moby Dick höchstselbst… herbei & erinnert mich an das, was ich in den letzten ein oder zwei Jahren getrieben habe…. – Ihr Götter! Was für ein Kommentator ist doch dieser Wal der Ann Alexander!… Ich frage mich, ob meine böse Kunst [evil art] dies Ungeheuer aufgestört hat.

Ebenda, Seite 884

Und dann ist da mindestens noch der legendäre und unfassbare Mocha Dick, kein Geringerer als der Namensgeber “unseres” Wals. Und in der Tat, ein bisschen unfassbar ist er immer noch. Der Abschnitt zu Mocha Dick unter Walfang in der Wikipedia ist – verlautbart – mangels ausreichender Belegbarkeit von der Löschung bedroht. Umso erstaunlicher, als laut und deutlich ein Zeitungsartikel im New York Knickerbocker Magazine vom Mai 1839 als Beleg angeführt wird. Der m.E. nicht mehr vage sein kann als eben jener Mocha Dick selbst. Aber es handelt sich hier offenbar um den auch längst immer wieder durch unsere eigenen Aufzeichnungen geisternden J. Reynolds, dessen einziger Makel zu sein scheint, dass er, weiß der Geier warum, niemals nicht ins Deutsche übersetzt ward. Oder? Wolf, erleuchte uns!

[Der Reynolds wurde erstmals von Friedhelm Rathjen für seine Moby-Dick-Ausgabe verdeutscht und ist 2004 dort im Anhang erschienen. – Anm. Wolf]

Ein Artikel in der mare 15 nimmt ebenfalls auf den Geisterwal Bezug. Nu ja, aber ob man den nun belegt nennen soll?

So, und ehe mein Traktat hier nun gänzlich ausufert, nur noch eine leise kleine Anmerkung: Auf der kürzlich bei mir zu Hause eingelaufenen Essex des Owen Chase bin ich gerade noch in Sturm- und Wellengebraus unterwegs. Sollte diese Reise ein glückliches Ende finden, erfahrt ihr hier umgehend davon.

Title Page of First Edition of Moby-Dick

Bilder: Frank Hurley, Randall Enos, Peabody Essex Museum, Salem, Massachusetts; Lizenz: Creative Commons, Public Domain.

Written by Wolf

12. July 2007 at 12:01 am

Posted in Krähe Elke

One Response

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