Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Das Land der Deutschen mit der Seele suchen

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Eric T. Hansen, Planet GermanyHeld Dietrich schlug Herrn Ecken
Zu Tod, den kühnen Mann,
Nun lassen wir uns schmecken
Das Blut, das ihm entrann.

Karl Simrock

Es ist ja nicht nur so, dass der blindgeschlagene Deutsche an sich dauernd irgendwelchen kulturlosen Besatzern nacheifert. Beispiele wie der USA-Erklärer Scot W. Stevenson zeugen davon, dass es auch umgekehrt geht, und der Mann tut seinen Job ja hervorragend. Sein Hawaiianer Landsmann Eric T. Hansen hat ihn schon 2004 ergriffen (den Job, nicht den Stevenson).

Planet Germany. Eine Expedition in die Heimat des Hawaii-Toasts unter Mitarbeit von Astrid Ule, Fischer Taschenbuch Verlag 2006, geht über die üblichen Selbstkasteiungen, wie typisch deutsch der typische Deutsche doch sei, weit hinaus; wie in Stevensons Weblog rührt die Qualität nicht daher, dass überraschenderweise doch Amis klug und Deutsche doof sind, sondern die Distanz schaffende, jeoch teilnehmende Sicht von außen.

Herman Melville liest die Gespräche mit Goethe von Eckermann! Amerikanische Jungs wissen sich ihrer Vorliebe zu deutschen Mädchen nur zu erwehren, indem sie welche heiraten! Erwachsen geworden, schreiben sie Bücher mit einer Aufmerksamkeitsspanne von über 15 Sekunden! Hawaiianer wohnen freiwillig im verregneten Deutschland!

Ein Stück von geradenwegs zärtlicher Anteilnahme auf der Suche nach dem Inbegriff deutschen Wesens, die sich dem zumal deutschen Leser rückwirkend wiedermitteilt, schafft Hansen in Die deutschen machen aus ein paar toten Dichtern dermaßen Kult, dass man fast meint, sie würden sie auch lesen.

Ich zitiere den in sich abgeschlossenen Absatz am Schluss. Mit Copyright können wir erwachsene Leute ja umgehen, nicht wahr?

Karl Joseph SimrockAm Ende einer steilen, von Bäumen gesäumten Straße hoch über dem Rhein steht ein zweistöckiges Haus, das im spätklassizistischen Stil auf dem Gewölbe einer uralten Kellerei der Minoritenmönche gebaut wurde. Die Villa heißt Haus Parzival. Hier hat der Germanist, Übersetzer, Dichter und Vollblutromantiker Karl Simrock seine Sommer verbracht.

Simrock hatte bei Schlegel und Arndt studiert, empfing ab und zu Besuch von den Grimms und Ludwig Uhland und verfasste schwärmerische Gedichte über die Schönheit des Rheins. Bekannt wurde er als Übersetzer zahlreicher Werke des Mittelalters und des germanischen Altertums, von der Edda über die Gedichte Walthers von der Vogelweide bis hin zu Wolframs Parzival. Sein größtes Verdienst war, das Nibelungenlied mit einer schwungvollen und lesbaren Übersetzung populär zu machen, ja es gar zu einer Art deutschem Ersatz-Gründungsmythos zu erheben. Er gehörte zum harten Kern der deutschen Identitätsbastler.

Sein Haus Parzival liegt ein paar Meter ab von der Straße hinter einem schwarzblauen, verschnörkelten Eisenzaun. Das Haus ist gelb, dieses typisch deutsche Buttergelb. Das sanft ansteigende Gelände ist voller Pflanzen – gepflegte Blumenbeete, Wildgräser, selbst das Unkraut ist malerisch. Dazwischen ein Teich, ein Vogelbad, ein hölzerner Tisch mit Stühlen. Ein Ahorn, eine Esche, eine Trauerweide machen den Garten schattig.

Haus Parzival von untenIch stand eine Weile da und betrachtete den Garten. Er strömte Ruhe aus, und ich bildete mir ein, dass man von hier aus den Rhein riechen konnte. Alles war leicht. Hier war jeden Tag Sommer.

Ich stellte mir vor, wie Simrock im Garten spazieren geht. Zwischendurch greift er zum Gartenwerkzeug und kümmert sich um seine neuen Spargelbeete. Er hat ein Buch dabei, einen dieser alten Lederbände, die von außen kaum identifizierbar sind, weil der Umschlag keine bunte Abbildung enthält. Es ist sicher der Iwein. Nach einer Weile setzt er sich hin und liest. Wenn der Tag zur Neige geht, nimmt er ein Glas Wein dazu.

Haus Parzival, EingangEs war das perfekte deutsche Leben. Das Leben, das die meisten Deutschen heimlich leben wollen – damals wie heute. Ein großes Haus – weder eine Mietwohnung noch eine protzige Villa, eher ein … Anwesen. Genug Geld, um finanziell unabhängig zu sein, aber nicht so viel, dass man als reich beschimpft wird. Im Haus hat man eine Küche mit offenem Kamin. Keine Mikrowelle, kein Plastik. Alles strahlt Ursprünglichkeit aus: Stahl, Stein, Holz. Im Salon ein altes Klavier, ein echter Perser, ein echtes Hausmädchen. Ein Arbeitszimmer – pardon, eine Privatbibliothek natürlich, mit bequemen Stühlen und einem breiten Schreibtisch, denn „arbeiten“ heißt, man befasst sich mit dem Griechischen und mit Latein. Der ideale Deutsche arbeitet mit den Dingen des Geistes. Nicht des Hirns, sondern des Geistes. Er hat Muße. Dass er kein Snob ist, zeigt, dass er nebenbei ein Handwerk ausübt. Er respektiert die Arbeit mit den Händen und verbringt deshalb viel Zeit im Garten, er kocht selbst in der Küche, wenn Gäste kommen, oder, wie Simrock es tat, er legt einen kleinen, edlen Weingarten an und nennt seinen Wein nach einer Figur aus den alten Schriften, mit denen er sich gerade beschäftigt: Eckenblut, nach dem Riesen in der Dietrichssage. Wenn Freunde vorbeikommen, geht man am Rhein spazieren und diskutiert die Arbeit am griechischen Text und die Entwicklungen in Frankreich oder den anderen wichtigen Regionen der Welt.

So will jeder Deutsche sein, dachte ich mir, als ich da stand. Was vor mir liegt, ist nichts weniger als die deutsche Seele selbst. Meine Chance war gekommen. Ich musste mich nur ein Stündchen an diesen Tisch in den Garten setzen, dann würde sie sich schon blicken lassen. Wenn ich die jetzigen Bewohner nett fragte, würden sie es sicher erlauben.

Ich klingelte. Aber es machte keiner auf. Niemand war zu Hause.

Menzenberger Eckenblut

Bilder: Portrait Karl Joseph Simrock: Wikimedia Commons, Lizenz: Public Domain; Haus Parzival: Haus Parzival, Lizenz: Creative Commons; Weinetikett Menzenberger Eckenblut: Karl-Simrock-Forschung Bonn, Lizenz: Public Domain. Text Eric T. Hansen: Fischer Verlage 2006.

Written by Wolf

29. July 2007 at 12:33 pm

Posted in Laderaum

3 Responses

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  1. Das ist mal wirklich ein schönes Buch. Und einen Lehrstuhl für Nörgelei an deutschen Univesitäten einzurichten, ist ein Unterfangen, das ich mit ganzem Herzen unterstütze. War ja klar, dass es erst einen Amerikaner brauchte, um darauf zu kommen, hierzulande herrscht ja gähnende Leere, was gute Ideen angeht. Und das Wetter war früher auch besser. ;-)

    phrixuscoyote

    30. July 2007 at 11:49 am

  2. Genau was Hansen sagt: Diese teilnehmende Beobachtung an anderen Völkern ist ja schon fast eine, jawohl: typisch deutsche Disziplin; angefangen von der Goethischen Italienischen Reise bis zu den neueren Fernsehtrips von Herbert Feuerstein (macht der die noch?). Über Marco Polo sehen wir mal großmütig hinweg, der war monolithisch. “Wer hat’s erfunden?” Die Amis nicht. Drum gibt’s ja auch Fordismus und keine bahlsenity.

    Wolf

    30. July 2007 at 10:27 pm

  3. Ungeschlagen: “Pastewka in… Indien & Japan” oder auch “Gibt es intelligentes Leben?”, eine weltweite Suche von Dieter Nuhr mit vielen schönen Fotos. Aber ja: eine sehr schöne deutsche Disziplin. Mit verschiedensten Verwirrtheitsgraden.

    phrixuscoyote

    3. August 2007 at 2:15 am


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