Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Das Wesen des Mannes auf seine Essenz verdichtet

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Christian hat Kapitel 26: Ritter und Knappen gelesen:

Christian WestheideSchöne Beschreibung des Starbuck-Charakters über seine physischen Merkmale, irgendwo zwischen reanimierter Mumie und drahtigem Körper (ich stelle ihn mir Iggy-Pop-artig vor, diesen Starbuck-Leib, kein Gramm Fett, durch alle Extreme der Existenz gestählt und doch vor allem verfolgt von den inneren, eigenen Dämonen). „… das Wesen des Mannes auf seine Essenz verdichtet“ – so beschreibt Melville ihn zunächst. Dann aber wird er uns als überlegter, rationaler Mann näher gebracht, lediglich mit einem Aberglauben ausgestattet, „welcher in manchen Gemütern eher der klugen Einsicht entspringt, als dem Unwissen.“

Glauben ist also Unwissen und wahrer Glauben (wie er uns im folgenden dann auch geschildert wird) Wissen? Dazu fällt mir nur, ganz Atheist, folgender Satz ein: „Glaube ist nicht verifizierbares Wissen.“ Er trifft für mich ziemlich genau die Gewissheit, mit der Gläubige von ihrem Gott oder „jenem höheren Wesen, das wir verehren“ (Heinrich Böll in der witzigen Geschichte „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“) sprechen.

Kara Starbuck ThraceNun – von Gott spricht Melville sehr viel, wenn auch die genaue Bedeutung, wenn er z.B. vom „großen demokratischen Gott“ sich wohl eher der Walt Whitmans bezieht, und seinen Gedichten wie z.B. in „Für Dich o Demokratie“ oder in „Von Paumanok kommend“, immer wieder. Das Volk und Starbuck als ein Mann aus dem Volke und die Demokratie als ihre höchste Form, sie werden in diesem Kapitel besungen. Eine Demokratie allerdings, die gerade auf einem Schiff nicht herrscht, sondern besonders unter Ahab, aber eigentlich immer zur See, eher einer streng hierarchischen Diktatur ähnelt. Der Kapitän als Alleinherrscher und absoluter Gehorsam, alles andere ist Meuterei.

Aus Cape Cod kommt der gute Starbuck, damals wohl ein kleines Fischernest, heute ein Retreat für Bostoner und New Yorker, mit Strandvillen, SUVs, Segelbötchen rosa Pulli um die Schultern gelegt – na eben white & rich America mit einer Prise Kennedy-Liberalismus. Einen Mann wie Starbuck kann man sich dort nur schwer vorstellen, keine Iggy-Pop-Körper – eher fette in kurzen Shorts seh ich da. Sei’s drum, die Zeiten ändern sich eben.

Kara Starbuck ThraceStarbuck auch ein typischer Rationalist, wenn er beschrieben wird als mutiger Mann, der aber „Wale für seinen Lebensunterhalt“ umbringen will, nicht umgekehrt. Kein Fanatiker wie Ahab, kein Getriebener, sondern einer, der Geld verdienen muss für sich und seine Familie und beim Walfang landete.

Dann hebt Melville an zu einem Gesang auf die Tapferkeit der einfachen Leute, auch eine ganz und gar whitmansche und fast uramerikanische Art. Das ganze gewürzt mit einem fast sozialistisch-internationalistisch klingenden Ton, wenn er schreibt: „Menschen mögen im Verbund von Aktiengesellschaften und Nationen abscheulich wirken; …“ Wenn er von der „unbefleckten Mannhaftigkeit“, dem Glanz und der Würde der Arbeiter („der seine Hacke schwingt oder Nägel einschlägt“) schreibt, um schließlich bei der „demokratischen Würde“ zu landen, die ohne Unterlass von Gott auf alle abstrahlt. America the Chosen Nation (heute immer noch ein Gründungsmythos, aber auch Antrieb für solche Dummköpfe wie George W.B. und einige Präsidenten vor ihm, andere Länder zu „befreien“). Das Neue Jerusalem, erwählt, die Welt mit Demokratie zu beglücken und Ebenbild einer gottgewollten Ordnung. „Volksherrschaft,… unsere göttliche Gleichheit“ – davon träumt Ismael (Melville), und sie sieht er in Männern wie Starbuck verkörpert.

Starbuck in Cape CodDer letzte Absatz des Kapitels eine Art Gebet an den Gott der Demokratie, der auch der Gott der Welt ist. Beeindruckend, wie eine Staatsform, für die so viele heute nur noch Spott und Verachtung übrig haben (ich meine nicht Al Qaida, sondern in unserem Land das ganze Gerede von „mangelnder Führung“ und die Frustration über die Langsamkeit demokratischer Entscheidungsprozesse. Und bei manchem, nicht nur rechtem Gesindel, die Sehnsucht nach dem starken Mann oder der starken Frau, die endlich aufräumt mit der „Quasselbude“ in Berlin und all den Kompromissen und dem undurchschaubaren Europa etc. Wie schön ist es da, solch einem idealistischem, beseelten Mann zuzuhören, der in der Demokratie die höchste Form menschlicher Organisation erkennt – trotz der vielen schlechten Menschen, die er auch in Kapitel 26 nicht unerwähnt lässt. Ob er allerdings mit Demokratie auch das meinte, was wir in Amerika immer wieder erschüttert betrachten müssen in Kriegszeiten, das wage ich zu bezweifeln. Starbuck jedenfalls ist der Prototyp des fleißigen, entbehrungsfähigen Demokraten und Denkers, der aber Mensch ist, weil er auch Aberglauben und Zweifel in sich trägt. Schon in dieser kurzen Charakterskizze in Kapitel 26 wird ja klar, wie sehr er zum Antagonisten für Ahab werden muss…

Edward Hopper, Cape Cod Morning

Bilder: Katee Sackhoff: Battlestar Wiki; Starbuck bei Starbucks in Cape Cod: Buckland Blues Costumes; Edward Hopper: Le Blog de Posuto, 1950; Lizenz: Fair Use, Creative Commons.

Written by Wolf

10. August 2007 at 12:01 am

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