Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Grausiger Fund

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Moby-Dick™ empfiehlt auf gar keinen Fall:

Max Reinowski: Wal, Wal! Käppen Bornholdts glücklichste Reise ins Eismeer. Mit Zeichnungen des Verfassers. Hörnemann Verlag, Bonn-Röttgen 1973.

(Im Original entgegen dem Amazon-Eintrag mit Ausrufezeichen in der Überschrift.)

Walfang im Grönlandeis, Niederlande 1690Glückstadt, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts- Das kleine, malerische Städtchen in Schleswig-Holstein lebt vom Walfang und vom Handel. Handel treibt auch Hinnik Voß, in dessen Haus der junge Jens Pieter Aufnahme fand, seit sein Vater im Eismeer blieb. Doch nun hält es den jungen Mann nicht mehr an Land, er will auf eigenen Füßen stehen. Heimlich mustert er auf dem Walfänger “Hoffnung” an und läuft mit ihm aus zur gefährlichen Jagd.

Jahr für Jahr gehen einige der kleinen, hölzernen Segelschiffe in Eis und Sturm verloren, in manchen Jahren ganze Flotten. Trotzdem setzen immer wieder viele junge Menschen ihr Leben aufs Spiel: gute Fänge sind äußerst lohnend. Wie damals der Walfang betrieben wurde, was ein Seemann an Bord und in den Schaluppen zu tun hatte und erleben konnte, schildert Max Reinowski authentisch und äußerst spannend.

Klappentext

Gut, dass Sie das wahrscheinlich nicht mal auftrieben, wenn Sie wollten.

Mit der letzten Ebbe erreichte Jan Rüter die Bastion von Glückstadt. Er hatte Trantonnen aus Altona geholt, so viele, daß sie den Frachtraum hüfthoch überragten. Beim Wenden war der Großbaum nur mit Mühe über die Tonnen herüberzuschwenken, aber endlich fiel das Großsegel im harten Ost wieder voll. Die Lumme trieb an drei dänischen Kriegsschiffen vorüber, die Stadt und Elbe bewachten, und er hatte Zeit, auch das Focksegel in den Wind zu bringen. Der Hafenkommandant rief ihn an: “Hallo, Jan Rüter, schon zurück mit deinen Tonnen?” “Hallo Kommandant! Ja, 240 Stück aus Altona für Hinnik Voß. Willst du sie zählen?” Der winkte ab: “Laß nur. Ich kenne meine Schmuggler.”

“Schönen Dank! So kriege ich doch ‘ne halbe Stunde früher ein ordentliches Essen in den Bauch.”

Er segelte mit seinem Zweimaster hafenein, vorüber an zwanzig Walfangschiffen, die steuerbords am Kai vertäut lagen. Sie waren auf den Werften vom Kiel bis zum Top überholt worden wie nach jeder Reise ins Eismeer und warteten darauf, daß der Winter vorüberging.

Anfang, Seite 7 f.

Aus den 223 Seiten spült einem vor allem eins entgegen: die Jugend eines richtigen Jungen der 1970er Jahre, der dummerweise gern liest und dann, wenn schon, ein gutes Buch in die Hand bekommen soll, damit er wenigstens daraus was fürs Leben lernt. Den Betrug hat er erst nach der Jugendausgabe der Sagen des klassischen Altertums gemerkt, die er zur Kommunion gekriegt hat, nach denen aber wirklich keine Ausrede mehr half. Wahrscheinlich musste er auch die Stafette lesen.

Der Schiffer zog sich den Wollpudel über die Ohren und schlug den Jackenkragen hoch. Es war doch bannig kalt im Ostwind! Dann stapfte er davon, zu sehen, ob seine Minna ihm etwas Gutes vorzusetzen hatte.

Als er zurückkam, ein bißchen müde, jedoch rundum satt, gingen am Hafen zwei junge Mädchen vor ihm her. Ehe er sie erreicht hatte, wandten sie sich um.

“Jan, unsre Männer sind schon fertig, warst du in Kollmar?” fragte die größere.

“Hallo, Inge Maren aus dem Hause Voß und Bürgermeisters Dürte! Was streunt ihr in der Dämmerung im Hafen herum?”

“Wir waren musizieren, Jan. Hast du Tante Hanne in Kollmar besucht?”

“Ja, Mädchen. Sie hat mir einen feinen Teepunsch gemacht.”

Hast du sie mitgebracht?”

“Nee, Hanne Jensen ist in Kollmar geblieben. Was soll sie hier?”

Ach, du, ich meinte doch…” Sie stockte.

Jan merkte, daß sie vor Bürgermeisters Dürte nicht sprechen wollte. “Ich habe alles mitgebracht, auch einen schönen Gruß an dich und die Eltern, und noch einen an Jens Pieter.”

“Das ist gut, das ist fein! Tschüß, Jan, ich muß die Grüße ausrichten!” Und die Mädchen gingen davon.

Seite 9 f.

Die Dialogtechnik wird in den “Automatischen Kulturkritiken” der Riesenmaschine treffend mit “Da kommt Franz, der, wie du weißt, dein Vater ist” wiedergegeben; über das Frauenbild diskutieren die dort gar nicht erst.

Meine kleine Puppenwelt“Du hast mir grade noch gefehlt, Bornholdt! Warum muß er denn ausgerechnet Käppen werden?”

“Weil er das Zeug dazu hat. Mit dem Patent in der Tasche kann er sich dann immer noch überlegen, ob er lieber handelt oder fischt.” Er lachte: “Dann steht er wirklich auf eigenen Füßen, ob er nun im Kontor sitzt oder auf der Brücke steht. Er braucht sich von niemandem schief angucken zu lassen, weil jeder weiß: bist du nicht freunlich zu ihm, läßt er dich sitzen.”

“Ach, Mann, ich bin meintag nicht unfreundlich zu ihm gewesen, was Jens Pieter?”

“Nie, Ohm”, sagte sein Neffe.

“Na also, Hinnik. Dann fang auch nun nicht damit an.

“Tu ich ja nicht. Bleibst du hier, Jens Pieter?”

Der staunte seinen Ohm an. Wie war das möglich? “Ich möchte meinen Kapitän machen, Ohm!”

Da wurde Hinnik Voß böse: “Dann mach ihn doch in Dreideubelsnamen, aber die übrigen acht Monate hältst du das Haus Voß in Gang, für vierhundert Mark, klar?”

“Klar, Ohm”, antwortete Jens Pieter, vor Überraschung stotternd. Sein Ohm blickte argwöhnisch die Tochter an. Sie guckte, als sähe sie ihn zum ersten Mal: “Und du, Deern, was sagst du dazu? Wir haben uns doch nun so lange fein vertragen.

“Ich, Vater?” Sie strahlte ihn an, “ich finde, daß ihr großartige Kerle seid, alle drei!”

Schluss, Seite 210 f.

Der Fortschritt gegenüber lehrhafter deutscher Jugendlektüre der 1930er Jahre liegt darin, dass die großartigen Kerle nicht mehr als famose Kerle adressiert werden und vielleicht sogar darin, dass die Mädels überhaupt gefragt werden. Die Vorgangsbeschreibungen der eigentlichen Walfängerei, deren Hauptsache in dem achtseitigen Glossar nach der Handlung (bannig, hieven, Schiet) hinreichend ausgebreitet geblieben wäre, erspare ich uns allen.

Der Umschlag ist aber richtig gut: Sehr einfach in den drei Grundfarben koloriert, und zwar derart kräftig draufgebuttert, dass man schon nach Sekunden eine Art psychedelischen Flash kriegt, und mit einer hübschen lizenzfreien Illu aus der 1839er Natural History of the Sperm Whale oder etwas in der Art. Innen gibt es immerhin drei brauchbare Zeichnungen von Schiffen mit beschrifteter Takelung. “Wal, Wal!” war nämlich bestimmt viel billiger als das Nautische Lexikon in Bildern von Tre Tryckare 1963, wo sie das raus haben.

Written by Wolf

23. September 2007 at 12:01 am

Posted in Meeresgrund

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