Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Schneller weiter klüger

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Update zu Das Land der Deutschen mit der Seele suchen:

Haben wir je geklärt, in welcher literarischen Epoche wir uns mit Herman Melville bewegen?

1851, zum Erscheinen von Moby-Dick, herrschte in Deutschland gerade Romantik. Goethe, die Epoche der Klassik in Person, wurde noch geschätzt, aber nicht nachgeahmt, eher im Gegenteil: Man respektiert seinen Vater, will aber alles anders machen als der Alte. Die Nationalkulturen, die Deutschland umgaben und beeinflussten, waren schneller damit: Französische und vor allem englische Romantik sind zwei, drei Jahrzehnte früher anzusetzen.

Washington IrvingAuf die USA ist das so 1:1 nicht zu übertragen. Das war eine junge Kultur, die anderes zu tun hatte als von Sonnenuntergängen auf das Weben der Liebe zu schließen. Die Siedler, die sich als erste und bevorrechtigte Einwohner dieses überwältigend weitläufigen Landes begriffen, mussten Lebensraum für sich und ihre zu erwartenden Erben urbar machen und dabei ein paar lästige Indianer beiseite räumen. Wenn sie Bücher besaßen, dann die Bibel und ein paar Vertreter der florierenden christlichen Erbauungsliteratur, deren literarischer Wert heute vernachlässigt werden darf. Der Stauraum in Blockhütten und Planwägen ist bemessen.

Als erster vollwertiger Schriftsteller der USA gilt Washington Irving. “Vollwertig” heißt hier: überdauernde, bleibende Werte schaffend, die seinen Lesern dauerhaft bedeutsam bleiben; “der USA” heißt hier: genügend typisch für das Land, dass solche Hervorbringungen nur hier gedeihen konnten. Bis dahin ahmten die literarischen Bemühungen Amerikas zwangsläufig die Strömungen im Mutterland England nach, mit Washington Irving kann man vom Anfang einer Nationalliteratur sprechen.

Washington Irving wurde 1809 mit einer humoristischen History of New York als Diedrich Knickerbocker berühmt. Der Rip van Winkle von 1819, die Geschichte eines holländischen Siedlers, der in den Bergen 20 Jahre lang eine komplette Generation und die amerikanische Unabhängigkeit gleich mit verschläft, hat dann endlich mythologische Dimension und stiftet nationale Identität: eine amerikanische Nibelungensage. The Legend of Sleepy Hollow erfährt bis heute Bearbeitungen.

Herman Melville hat spät im Leben die Erzählung als Mischform aus Prosa und Lyrik paraphrasiert — was nicht gleich “geklaut” bedeuten muss. Rip van Winkle’s Lilac fand sich in Melvilles Nachlass und ist nicht genau zu datieren. Spätwerk, also aus den 1880ern, erreichbar im Bryant.

James Fenimore CooperDer nächste ur-amerikanische Schreiber war James Fenimore Cooper, der mit dem Lederstrumpf: Gleich wieder ein ausgewachsenes Nationalepos, späterhin als Kinderbuch missbraucht — fast wie Moby-Dick. Der letzte der fünf Lederstrumpf-Romane, The Deerslayer, den wir als Wildtöter kennen, ist von 1841. Da war Melville 22 und muss schon die vorigen Bände benutzt haben wie unsere Väter den Karl May.

(Wer sich hier und heute die Lederstrumpf-Romane antun will, nehme gleich die richtige Ausgabe vom insel-Verlag, es gibt nichts Vergleichbares.)

Und dann kam schon Poe, der praktisch die moderne Literatur aus dem Boden gestampft hat, Mark Twain lappt schon ins 20. Jahrhundert, fand jedenfalls nach Melville statt. Ein Husarenritt von Literaturgeschichte; keine Zeit, Epochen zu bilden.

Edgar Allan PoeEine Kultur, die als erste eigene Philosphierichtung eine Gegenbewegung zu allzu hastigem Fortschritt ausbildet — Transzendentalismus —, feiert auch nach ihren ersten zweieinhalb Klassikern gleich ihre Renaissance: Die Zeit, als in USA endlich in einer breiteren Bevölkerung die Muße möglich wurde, was außer Büffeljagd und Wälderroden noch so anliegt, definierte um Leute wie Emerson, Thoreau, Hawthorne, Whitman und Margaret Fuller die Amerikanische Renaissance, und der deutsche Wiki-Artikel darüber ist (bis jetzt) ausführlicher als der englische. Melville selbst war erst im Gefolge seines Busenfreundes Hawthorne glühender Anhänger, später Spötter des Transzendentalismus.

Lassen wir das mal als Stoffsammlung so stehen. Vorerst gibt’s in den meisten Fällen auch “nur” die Wikipedia-Links. Das wird uns die kommenden Jahre noch oft und tief beschäftigen (hey: Warum sollte man wohl ein Weblog anfangen, wenn man es jemals wieder beenden wollte?).

Bilder: allesamt Wikimedia Commons, Lizenz: Public Domain.

Written by Wolf

11. October 2007 at 11:49 am

Posted in Rabe Wolf

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