Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Herz des Positivismus

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Update zu Was man überhaupt noch glauben soll:

Das Garn der Seeleute ist von einer rückhaltlosen Einfältigkeit, deren ganzer Sinn in einer aufgeknackten Nußschale liegt. Aber Marlow war nicht typisch (wenn man von seiner Neigung, ein Garn zu spinnen, absieht), und für ihn lag der Sinn einer Begebenheit nicht in dieser eingeschlossen wie der Nußkern, sondern draußen, rings um die Geschichte, die ihn lediglich sichtbar machte, so wie eine Feuersglut einen Dunst sichtbar macht — ähnlich einem jener Schleierhöfe, die mitunter im gespenstischen Licht des Mondscheins sichtbar werden.

Joseph Conrad: Herz der Finsternis 1899/1902,
Übersetzung von Urs Widmer 2004.

Joseph Conrad, rätselhafte ZeichnungMarlow darf Conrad den vorgeschobenen Rahmenerzähler machen, all seinen Rassismus schultern und sich dann noch einfältig schimpfen lassen. Gut, dass Novellenfiguren so wehrlos sind und ihrem Schreiber nur dann was husten können, wenn er es entweder so einbaut oder Flann O’Brien ist.

Mal ganz langsam mitdenken.

Der Sinn einer Begebenheit wohnt ihr nicht inne, sondern umwabert sie.

Der Sinn wäre demnach nicht kleiner, sondern größer als eine Begebenheit.

Der Sinn einer Begebenheit ergibt sich also nicht zwingend aus ihr, vielmehr ist eine Begebenheit einer von vielen Wegen, die zu ihrem Sinn führen.

Der Sonderfall, den eine Begebenheit darstellt, führt zu einem Allgemeinen, ihrem Sinn. In der Lehre von der Folgerichtigkeit des Denkens, vulgo Logik, nennt man das Induktion.

Im Positivismusstreit von 1961, den vor allem Karl Popper gegen Theodor W. Adorno anzettelte, wollte Popper neue Theorien innerhalb der Sozialwissenschaften ausschließlich anhand des Kritischen Rationalismus gebildet sehen. Grob gesagt, darf danach innerhalb der Sozialwissenschaften, sofern sie den Status einer Theorien bildenden Wissenschaft einnehmen wollen, ausschließlich induziert, niemals deduziert werden. Man sagt entlang der klassischen Syllogistik:

Praemissa maior: James Wait ist ein Nigger.
Praemissa minor: James Wait ist doof.
Conclusio: Nigger sind doof.

Timthy Lantz, Her Heart of Darkness, 2007Das wäre anhand des Beispiels einer anderen Novelle von Joseph Conrad, die mit selbstverständlich rein stilistisch gemeinter Gottgegebenheit das böse N-Wort für stark pigmentierte Leute verwendet, eine zulässige Induktion. Der Klassiker “In Holland erscheint mindestens eine Kuh mindestens drei Menschen von mindestens einer Seite schwarz” hätte auch funktioniert, aber es geht ja um Joseph Conrad und Karl Popper. Hören wir dem letzteren zu:

Sechste These (Hauptthese):
a) Die Methode der Sozialwissenschaften wie auch die der Naturwissenschaften besteht darin, Lösungsversuche für ihre Probleme — die Probleme von denen sie ausgeht — auszuprobieren.
Lösungen werden vorgeschlagen und kritisiert. Wenn ein Lösungsversuch der sachlichen Kritik nicht zugänglich ist, so wird er eben deshalb als unwissenschaftlich ausgeschaltet, wenn auch vielleicht nur vorläufig.
b) Wenn er einer sachlichen Kritik zugänglich ist, dann versuchen wir, ihn zu widerlegen; denn alle Kritik besteht in Widerlegungsversuchen.
c) Wenn ein Lösungsversuch durch unsere Kritik widerlegt wird, so versuchen wir es mit einem anderen.
d) Wenn er der Kritik standhält, dann akzeptieren wir ihn vorläufig; und zwar akzeptieren wir ihn vor allem als würdig, weiter diskutiert und kritisiert zu werden.
e) Die Methode der Wissenschaft ist also die des tentativen Lösungsversuches (oder Einfalls), der von der schärfsten Kritik kontrolliert wird. Es ist eine kritische Fortbildung der Methode des Versuchs und Irrtums (“trial and error”).
f) Die sogenannte Objektivität der Wissenschaft besteht in der Objektivität der kritischen Methode; das heißt aber vor allem darin, daß keine Theorie von der Kritik befreit ist, und auch darin, daß die logischen Hilfsmittel der Kritik — die Kategorie des logischen Widerspruchs — objektiv sind.
Man könnte die Grundidee, die hinter meiner Hauptthese steht, vielleicht auch folgendermaßen zusammenfassen.
Siebente These:
Die Spannung zwischen Wissen und Nichtwissen führt zum Problem und zu den Lösungsversuchen. Aber sie wird niemals überwunden. Denn es stellt sich heraus, daß unser Wissen immer nur in vorläufige[n] und versuchsweisen Lösungsvorschlägen besteht und daher prinzipiell die Möglichkeit einschließt, daß es sich als irrtümlich und also als Nichtwissen herausstellen wird. Und die einzige Form der Rechtfertigung unseres Wissens ist wieder nur vorläufig: Sie besteht in der Kritik, oder genauer darin, daß unsere Lösungsversuche bisher auch unserer scharfsinnigsten Kritik standzuhalten scheinen.
Eine darüber hinausgehende positive Rechtfertigung gibt es nicht. Insbesondere können sich unsere Lösungsversuche nicht als wahrscheinlich (im Sinne der Wahrscheinlichkeitsrechnung) erweisen.
Man könnte diesen Standpunkt vielleicht als kritizistisch bezeichnen.

Karl R. Popper: Die Logik der Sozialwissenschaften,
in: Der Positivismustreit in der deutschen Soziologie,
1961/1993, Seite 105f.

Und ob man das könnte. Alles was man sich zu wissen einbildet, sei einer fortgesetzten Selbstfrustration unterworfen, werde so lange kritisiert, bis es widerlegt ist, ansonsten sei es Nichtwissen. Induktion. Die einzig zulässige Art des Wissens. Kein Wunder, dass man so, ohne sich auf jemand anders außer sich selbst zu berufen, Streit anzettelt.

Marlow aus dem Herz der Finsternis, der unbedarfte Seebär, weiß davon nichts, er induziert einfach so, weil es ihm liegt. Das macht ihn jedenfalls nicht ganz so einfältig wie Poppers Widerpart Adorno. Eine wie depressive Persönlichkeitsstruktur man jedoch dafür braucht, beginnen wir nach Poppers Hauptthese ganz vage zu ahnen.

Induktiver Logiktest:

Praemissa maior: Sokrates war ein Mensch.
Praemissa minor: Synchronschwimmer sind Menschen.
Conclusio: Sokrates war Synchronschwimmer.

Gut, lassen wir Popper den einen Punkt. Mir schwindelt. Zu Ende denken können Sie ab hier selbst. Wenn mich jemand sucht, ich bin was Unverfängliches gucken.

Bilder: Joseph Conrad: gemeinfrei;
Her Heart of Darkness: Timothy Lantz, 2007;
Film: Steamboat Willie, die Erscheinung der Maus, 1928.

Written by Wolf

17. December 2007 at 4:07 am

Posted in Rabe Wolf

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