Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

8 oder 9 oder 80 oder 90 Eimer und 2 E-Mails

with 9 comments

Schon wieder ein Update zu Als sei der gewaltige Nichtstuer der kunstvolle Werber und schon mal ein Vorgriff auf Kapitel 78: Brunnen und Eimer:

Blogger werden unterteilt in selbstüberzeugte Schreihälse und Asperger-Opfer. Und eine Residualkategorie, die Forschungsergebnisse hervorbringt. Jessebird vom Planet 9 hat an Friedhelm Rathjen geschrieben.

Warum? Es gab da eine Unstimmigkeit in seiner Moby-Dick-Übersetzung:

Bei den Recherchen zum letzten Artikel “Die Größe des Wals” fiel mir etwas auf: im Original (sowohl online als auch in meiner Penguin-Ausgabe) wird von “the eightieth or ninetieth bucket” geschrieben. Mummendey und Jendis übersetzen das (wie mir scheint logisch) mit “achtzigste oder neunzigste Pütz” (bzw. “Eimer” bei Mummendey) – nur Herr Rathjen schreibt “achte oder neunte Pütz”! Wie kommt’s? Weiß Rathjen etwas, was andere nicht wissen? Hat er eine andere Ausgabe als Grundlage für seine Übersetzung? Ich finde die Übersetzung von Rathjen so außerordentlich gut, daß ich mir nicht denken kann, es sei einfach nur ein Fehler. Obwohl – möglich wäre auch das. Irgendwelche Ideen?

Natürlich keine Ideen, die helfen. Jessebird hat sich ein Herz gefasst:

Da in der Frage der Moby-Dick-Übersetzung irgendwie keine befriedigende Lösung zu finden war, und da ich in solchen Fällen dazu neige, an der Quelle selbst nachzuforschen, habe ich genau das getan: Herrn Rathjen eine mail geschrieben. Gestern abend. Und heute morgen eine Antwort erhalten! Damit steigt Herr Rathjen gleich noch ein bisschen mehr in meiner Achtung…

Das schreibt er zur Sache:

Lieber Herr …,

Friedhelm Rathjen, GASL-Mitglieddieser komische Rathjen macht manchmal Sachen, die andere nicht machen, aber er weiß eigentlich selten etwas, was andere nicht wissen, schon gar nicht als “Moby-Dick”-Übersetzer. Ich fürchte, es ist in der Tat “einfach nur ein Fehler”; die einfachste Erklärung ist in der Regel bekanntlich auch die wahrscheinlichste.

Ich hab meine Northwestern-Ausgabe des Wals so weit unten in einem Bücherstapel eingebuddelt, daß ich im Moment schwer rankomme, nehme aber kaum an, daß da etwas anderes steht als “the eightieth or ninetieth bucket”, sonst würde ja auch bei Jendis etwas anderes stehen. Die Northwestern-Ausgabe ist bekanntlich Textgrundlage meiner Übersetzung; als ich die erstellte, arbeitete ich allerdings noch mit der Ausgabe der “Penguin Classics” (aus dem höchst profanen Grund, daß der Hanser-Verlag zwar zugesagt hatte, mir die Northwestern-Ausgabe schleunigst zu schicken, aber auch für die Umsetzung dieser vergleichsweise simplen Zusage Jahre brauchte und damit länger, als ich brauchte, um den Text zu übersetzen) und mußte anschließend dann nachträglich die Textvarianten einbauen; theoretisch könnte es also sein, daß in besagter “Penguin-Classics”-Ausgabe fälschlich “the eighth or ninth bucket” steht und ich die Variante bei der nachträglichen Prüfung nicht als solche bemerkt habe; praktisch ist es aber nicht so, die “Penguin Classics” haben korrekt “the eightieth or ninetieth bucket”, der Fehler ist also meiner.

Bleibt noch die (nur für mich selbst relevante) Frage, wann und wo der Fehler sich eingeschlichen hat. Ich hab die komplette Übersetzung seinerzeit von Hand erstellt und mußte dann anschließend die Fronarbeit des Abtippens erledigen, in mindestens einem Fall hat dabei ein kleiner Fehler den Weg in meinen Text gefunden, ganz einfach, weil ich meine gelegentlich sehr schludrige Handschrift falsch entziffert hab. Ich hab gerade in meinem Ur-Manuskript (das ich aus Gründen der Finanzebbe immer schon mal zum Verkauf anbieten wollte, nur gut, daß ich es nicht tat) nachgeschaut; wie Sie dem zur Veranschaulichung an diese Mail angehängten Schnappschuß entnehmen können, steht der Fehler tatsächlich schon darin, ist also kein anschließender Lese- oder Tippfehler. Folglich echter Ur-Rathjen, aber keineswegs beabsichtigt. Dies sind die Dinge, die immer wieder vorkommen, von denen man aber hofft, daß sie von einem aufmerksamen Lektorat bemerkt und ausgebessert werden; Jendis hat’s in der der Tat bemerkt und ausgebessert (aber leider auch allzu viel anderes, was er meines Erachtens nicht hätte “ausbessern” sollen); Norbert Wehr und seine Korrektorin haben’s leider nicht bemerkt. Um so besser, daß Sie drüber gestolpert sind; ich werde mir den Pützpatzer notieren, vielleicht ergibt sich Gelegenheit, in einer Nachauflage Nachbesserung zu betreiben. (Der oben erwähnte Tippfehler wurde in der zweiten Auflage der Zweitausendeins-Normalausgabe schon getilgt, ich verrate Ihnen aber nicht ohne Not, um welche Textstelle es geht!)

Ihr
Friedhelm Rathjen

Damit wäre das also geklärt. Und Herr Rathjen muß allein schon deshalb als genial gelten, weil er aus einem solchen handschriftlichen Manuskript irgendetwas lesbares produzieren konnte… :)

Ich war noch nie so gespannt auf eine Folgeauflage.

Friedhelm Rathjen, die Ur-Übersetzung, Handschrift

Bilder: Friedhelm Rathjen, GASL, privat.

Written by Wolf

12. January 2008 at 12:01 am

Posted in Reeperbahn

9 Responses

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  1. Ich habs beim Buchhändler stillvergnügt verfolgt. Reschpekt, schreibt der einfach an den Rathjen. Und kriegt auch noch Antwort. Schon spannend das.

    hochhaushex

    12. January 2008 at 1:39 am

  2. Interessante Geschichte und alle Achtung an Herrn Jessebird!

    Billy Budd

    12. January 2008 at 9:46 am

  3. Jou. Wäre meine Aufgabe gewesen… Ob die Herren Rathjen und/oder Jendis von uns wissen?

    Wolf

    12. January 2008 at 11:24 am

  4. Wäre interessant zu wissen und spielt doch irgendwie keine Rolle. Ihr macht das hier für Euch und uns und das ist fabelhaft und gibt all dem etwas Gemütliches und Beruhigendes.

    Billy Budd

    12. January 2008 at 1:00 pm

  5. […] » Wieder mal ein Update zu Als sei der gewaltige Nichtstuer der kunstvolle Werber und 8 oder 9 oder 80 oder 90 Eimer und 2 E-Mails und zur Bücherliste […]

  6. […] leave a comment » Update zu 8 oder 9 oder 80 oder 90 Eimer und 2 E-Mails. […]

  7. I have followed you for some time. Good work. I thought this might be of interest: http://img5.glowfoto.com/images/2010/07/13-0431433424M.jpg

    Scot Casey

    15. July 2010 at 11:20 am

  8. The Lachende Knochen! Of course I follow you one the blogspot side — and good work.

    This picture sure is of interest. I have started thinking about an article that will not be illustrated by any other visual…

    Wolf

    15. July 2010 at 4:04 pm

  9. […] des A Portrait of the Artist as a Young Man, ebenfalls ab Mai 2012 — und von wem anders als unserem guten Friedhelm Rathjen […]


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