Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Würde ist dem Konjunktiv sein scharlachrotes Wachkoma

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Update zu Schneller weiter klüger:

Hester and Pearl Prynne, The Scarlet Letter, 1850Was treibt Übersetzer eigentlich dazu, grundsätzlich die Wendung haben würde zu benutzen? Was genau spricht gegen das Wort hätte?

Tippen wir gleich anfangs des zweiten Kapitels The Market-Place in The Scarlet Letter von Nathaniel Hawthorne auf die Stelle:

Amongst any other population, or at a later period in the history of New England, the grim rigidity that petrified the bearded physiognomies of these good people would have augured some awful business in hand. It could have betokened nothing short of the anticipated execution of some noted culprit, on whom the sentence of a legal tribunal had but confirmed the verdict of public sentiment.

Das heißt in der Übersetzung Der scharlachrote Buchstabe von Franz Blei, die nach Lebenslauf und Diktion um 1930 entstanden sein muss:

Bei jedem andern Volke oder zu jedern spätern Periode der Geschichte von Neuengland würde die düstere Starrheit, welche die bärtigen Physiognomien dieser guten Leute versteinerte, verkündet haben, daß irgend etwas Entsetzliches bevorstehe: hätte nichts Geringeres als die erwartete Hinrichtung eines bekannten Verbrechers bezeichnen können, bei dem der Spruch eines Tribunals nur den der öffentlichen Meinung bestätigt hätte.

Na bitte, er kennt das Wort hätte ja. Die selige Erika Fuchs hat ein Arbeitsleben drangesetzt, in die Donald-Duck-Comics den richtigen Konjunktiv einzuführen, deren es mindestens zweie gibt, und ein Franz Blei glaubt, would stünde fester gemeißelt als zwei Hawthorne-Sätze, die man ja ruhig zu einem einzigen zusammenknüllen kann. — Später an gleicher Stelle:

When such personages could constitute a part of the spectacle, without risking the majesty or reverence of rank and office, it was safely to be inferred that the infliction of a legal sentence would have an earnest and effectual meaning.

heißt bei Franz Blei:

Wenn solche Personen einen Teil des Schauspiels bilden konnten, ohne die Majestät oder Ehrwürdigkeit ihres Ranges und Amtes auf das Spiel zu setzen, so war mit Sicherheit zu schließen, daß die Vollstreckung eines Richterspruches eine eindringliche, wirksame Bedeutung haben würde.

Was liegt vor gegen haben sollte, damit das Futur zur Geltung kommt? Mit Franz Blei reden wir hier nicht über einen dilettierenden Nobody, der sich ein paar Kröten dazuverdient, weil’s mit den Dachstubengedichten nicht so läuft, sondern einen ungemein produktiven Fachmann und literarischen Guru, der immerhin eine Art Jünger an seinen Stammtisch zu scharen verstand. Sprachzicken wie mir, die lieber anderer Leuten Zahnbürste als Sprachschatz in den Mund nehmen, wurden schon ansonsten möglicherweise ganz zurechnungsfähige Bücher verleidet, weil auf der ersten Seite gleich ein haben würde vorkommt. Das sind die Sachen, die einen in den Originalfassungsfaschismus treiben.

Es gibt eine tolle Studienausgabe von The Scarlet Letter, außerdem ist das Ding inzwischen dreizehnmal verfilmt.

Scarlet Letter, Accountant

Bilder: Hester Prynne, Carol Hartley.

Written by Wolf

22. January 2008 at 4:28 am

Posted in Reeperbahn

6 Responses

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  1. Um mir das ganze in Ruhe zu Gemüte zu führen, habe ich’s mal ausgedruckt und werde gründlich drüber nachdenken. Auf jeden Fall: Originalfassungsfaschismus ist ein dolles Wort…

    jessebird

    23. January 2008 at 7:56 pm

  2. Deriviert aus den unter Cineasten zahlreichen “Originalfassungsnazis”, die über jede Synchronisation wenn schon sonst nichts zu mosern haben, dann dass sie eine Synchronisation ist.

    Das mit dem “haben würde” und – fast noch besser – “sein würde” wird nach hinten eher noch auffälliger…

    Wolf

    23. January 2008 at 10:49 pm

  3. Wohow und hach, die Hawthorne-in-Salem-Seite ist ja himmlüsch! Ich sollt’ wohl mal wieder öfter in der Blogrolle spazieren gehn…

    Und am Scarlet Letter hab ich noch ‘n dickes Ausrufezeichen von der Radiosendung aus den Kinderzeiten des Moby-Blogs. Weißt noch?

    Stümmt. Das mit dem Konjunktiv sei’m Wachkoma. Doch mal Hand aufs Herz, so unter uns alten Übersetzern ;o) und ohne sich gleich mit dem Bleiernen messen zu wollen: kennst du das auch? Jeder hat doch so seine Vorlieben an Formulierungen und Verwendungen von Konjunk- und anderen Tiiiefen – und klebt dann oft auch irgendwie dran, manchmal ziemlich unfreiwillig sogar. Hm? Oder ist diese ‘Verfehlung’ Schlimmeres und gehört nicht zu solchen? Ach du, musst du einen immer gleich so ins Grübeln bringen!? ;o)

    hochhaushex

    25. January 2008 at 2:56 am

  4. Sagt irgend jemand “haben würde”? Ist das eine dialektale Marotte, ist das stilistisch zu begründen, ist es ein Gewinn oder wenigstens eine Einfärbung, bei der sich ein Übersetzer etwas gedacht haben könnte?

    Es fällt in durchaus etlichen Büchern auf. Vor zwanzig Jahren hab ich noch nicht so reflexartig die Augen darüber verdreht…

    Wolf

    25. January 2008 at 3:13 am

  5. Am Wahrscheinlichsten ists wohl so eine Art persönliche ‘Macke’. Und eigentlich musst du mich ja gar nicht erst überzeugen. Hab doch auch was gegen derlei diffuse und sich zierende, wenn nicht gar gequälte Konjunktivwendungen.

    Und das fängt nicht erst bei literarischer Geschliffenheit an, sondern schon mit düsterem Bauchgrummeln beim Umfabulieren von fremder Leute Bewerbungsbriefen. Du weißt, wie gern, ja eindringlich man da ein Futur zur Geltung brächte… ;o)

    hochhaushex

    26. January 2008 at 2:39 am

  6. […] Mensch Mordgedanken bei schlampigen Übersetzungen oder Grammatik- und Rechtschreibfehlern. [Aber hallo! Ich hab sogar den Stöckchentext korrigiert. Es ist stärker als […]


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