Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Vorabendvorstellung

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Update zur Seeräuber-Jenny:

Erreichte um 8 Uhr abends Heidleburgh. […] Bestieg um 2 Uhr mittags den Zug nach Frankfort am Maine. […] Nahm um halb elf den Zug nach Wiesbaden, stieg aber versehentlich in Mayence aus — um 2 Uhr. Weiter mit dem Schiff nach Cologne. […] Fuhr durch das Land des Rheinweins. […] Stand um 5 Uhr auf, frühstückte & ging zum Amsterdamer Bahnhof auf der anderen Flußseite. Durch Duselldorff & Utrecht. […] Darüber ließe sich wohl etwas Gutes schreiben, im ironischen Stil.

Herman Melville: Reisetagebuch, 21.—23. April 1857,
nach: Ein Leben, 2004, Seite 478ff.

Was den Film Cabaret von anderen Musikfilmen wohltuend abhebt, ist das Setting im, ja, eben: Cabaret, damit die Figuren ihre Lieder auf einer Bühne singen können, wie sich das gehört, und nicht dauernd unversehens in Gesang ausbrechen müssen. So schaurige Schießbudenfiguren ihn bevölkern, hält ihn das geradezu realistisch.

Das eindrucksvollste Lied des Films ist trotzdem das einzige, das nicht auf einer Bühne performt wird, sondern gerade doch in einem Biergarten geschmettert. Frischen Sie mal Ihr Gedächtnis auf, aber machen Sie sich auf alles gefasst: Es tut heute weher als vor dreißig Jahren, als Sie extra lange aufbleiben durften und sich nur über Liza Minnellis Schimpfkaskaden gefreut haben:

Tomorrow Belongs to Me wurde aus der Musical-Vorlage von 1966 für den 1972er Film übernommen und stammt demnach von John Kander (Musik) und Fred Ebb (Text), dem Team hinter New York, New York.

Die Melodie orientiert sich an der Wacht am Rhein und dem Horst-Wessel-Lied, zwei durchaus schmissigen Gebrauchsliedern der Nationalsozialisten, so dass der Vorwurf an die beiden Schöpfer laut wurde, sie könnten ihre Nazihymne einen Tick zu ernst gemeint haben. Letztendlich ein Kompliment an ihr Lied, aber genauer besehen haltlos, weil sie von der späten Geburt begnadete Juden waren. Dafür, dass die als neonazistisch eingestufte Kapelle Skrewdriver es für sich entdeckte, konnten sie schon nichts mehr.

Nach der lebhaften Legendenbildung Hollywoods soll die Broadway-Kapazität Mark Lambert das Lied schon eingesungen, nachher aber ihren Auftritt verweigert haben, weil sie sich die Haare nicht blondieren lassen wollte. Im Film erscheint deshalb ein angeblich echter deutscher Statist namens Oliver Collignon. Die deutsche Synchronisation ist sowieso auch technisch ein Graus.

Was erwarten wir von Deutschen in amerikanischen Filmen? Dass sie als dümmlich oder gefährlich dargestellt werden, am besten beides. In dieser auf mehreren Ebenen zermürbenden Dramaturgie bedeutet das einen Gewinn. Nehmen wir es dieses eine Mal hin, die Deppen abzugeben: Zeit und Ort der Handlung sind dort angesiedelt, wo ziemlich viele Deutsche drauf und dran waren, ziemlich viel falsch zu machen.

Das Lied ist auf eine gespenstische Weise mitreißend. Als Ohrwurm ist es wahrhaft gemein.

Der Beste ist sowieso die überschminkte Schwuchtel auf dem Rücksitz am Schluss. Das ist Joel Grey als Conferencier, eine Art spukhafter Begleitmephisto durch den Film. Das war einen der acht Oscars und den Tony Award wert.

Morgen vor 75 Jahren war Machtergreifung. Das können Sie feiern, wenn Sie müssen, aber ohne mich.

Tomorrow Belongs to Me, Cabaret, 1972, Joel Grey

Film: ABC; Bild: Xah Lee.

Written by Wolf

29. January 2008 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

10 Responses

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  1. Nicht ganz einfach, die Kurve von Moby-Dick zur Machtergreifung zu kriegen – aber gut gelungen. Einer der skurrileren (und damit geistreicheren) Beiträge zum Jahrestag…

    jessebird

    29. January 2008 at 1:40 pm

  2. Wird dieser tolle Jahrestag eigentlich groß begangen? Ich bin über ein Datum in den Eckermann-Gesprächen mit Goethe drüber gestolpert – und entsinne mich, wie vor 25 Jahren des Gedenkens gar kein Ende war… Heuer hab ich nur was vom Jahrestag der Auschwitz-Befreiung mitgekriegt. Irgendwie ein erfreulicheres Datum, aber noch nicht mal eine runde Zahl… Verschobene Prioritäten? Eine Vorsicht davor, die falschen Leute in Feierlaune zu versetzen? Dann wär’s ja gut.

    Wolf

    29. January 2008 at 2:08 pm

  3. Nun, vergessen sollte man ihn wohl besser nicht. Ihn überschwänglich begehen allerdings besser auch nicht. Auf Grund der Abwesenheit von Gründen für Überschwang. Finde ich jedenfalls.

    Auch eine Vorsicht scheint mir durchaus angebracht. Und falls jemandem nicht genügend Gründe gegen einschlägige Feierlaune einfallen sollten, hätte ich fürs erste wenigstens einen triftigen solchen vorzubringen: dass einem im konkreten Fall schon vor der Party schlecht wird und man nicht erst hinterher kotzen muss – wenn man nämlich einige der Kommentare unter dem youtube-Opus liest…

    Was selbstredend in keinster Weise gegen deinen Post geht, Wolf. Im Gegentum: ohne mich bitte auch!

    hochhaushex

    30. January 2008 at 1:05 am

  4. Was unter dem Liedl steht, hab ich gar nicht mitverglichen, aber für eine Sammlung von Youtube-Kommentaren geht’s erstaunlich tief – und wie überall, wo genug Leute diskutieren, ist ein gewisser Prozentsatz von Arschlöchern dabei. Ein Rätsel, warum der Hanswurst mit den drei Versalien in der Mitte trotz wiederholten Randalierens immer noch nicht IP-gesperrt ist, andere haben dagegen richtig was verstanden:

    “First of all, this is one of the most powerful scene in movies. It’s shows all horror of Nazi in three minutes. It’s no important who wrote this song or who sing it. Important thing is how great artists can put all that in three minutes of movie to make you fell scare in your bones when listen and see it. This is about art, not about Nazi…”

    und Antwort:

    “I don’t know that it shows the horror, the horror comes in other parts of the movie. This part is scary in a whole different way. I think the disturbing part is thinking how attractive it all would have looked to someone who loved Germany, and anyone might have fallen into the trap of supporting it.”

    Über das Englisch kann man extra diskutieren, aber sonst: Sachichdoch :o)

    Wolf

    30. January 2008 at 11:56 am

  5. Stimmt, und die gespenstische Beklemmung wird nicht weniger, weil deren biergärtnerische Gänsehaut der Begeisterung in der Szene da zur Gänsehaut des leisen Grauens im eigenen Nacken wird. Weil man eine Ahnung davon kriegt, wies funktioniert (hat) – bis hin zur ekstastischen Massenverzückung bei fanatisch skandierten Führerreden…

    hochhaushex

    31. January 2008 at 4:04 am

  6. Biergartenbeschallung als Antikriegspropaganda. Wenn das keine Kunst ist :o)

    Haben wir nicht Einstein sagen hören:

    Wenn einer mit Vergnügen in Reih und Glied zu einer Musik marschieren kann, dann verachte ich ihn schon; er hat sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde. Diesen Schandfleck der Zivilisation sollte man so schnell wie möglich zum Verschwinden bringen. Heldentum auf Kommando, sinnlose Gewalttat und die leidige Vaterländerei, wie glühend hasse ich sie, wie gemein und verächtlich erscheint mir der Krieg; ich möchte mich lieber in Stücke schlagen lassen, als mich an einem so elenden Tun beteiligen! Ich denke immerhin so gut von der Menschheit, dass ich glaube, dieser Spuk wäre schon längst verschwunden, wenn der gesunde Sinn der Völker nicht von geschäftlichen und politischen Interessenten durch Schule und Presse systematisch korrumpiert würde.

    ?

    Von Musik so nahtlos und zwangsläufig auf sinnlose Gewalttat und Krieg zu kommen, damit finde ich den Guten etwas streng. Musik ist eine hohe Verstandesleistung, die nun mal das Rückenmark anspricht, dafür hat man die. In einer Gemeinschaft einen Takt einzuhalten ist etwas zutiefst Menschliches, selbst Zusammengehörigkeitsgefühl ist dem Menschen so eigen wie, ich möchte so drastisch werden: das Scheißen.

    Dann geht’s allerdings los mit dem Verstand: Wenn die Leute massenweise dumm genug sind, eben doch Gewalt und Krieg daraus abzuleiten, war selbst das Rückenmark zu schade. Man scheißt ja gefälligst auch nicht überall hin, nä.

    Wolf

    31. January 2008 at 2:22 pm

  7. Schön finde ich den alten Herrn, der NICHT singt und aufsteht. Der hat davon wohl schon zuviel mitgemacht um nochmal auf die gleiche Geschichte reinzufallen. Das macht auch ein bisschen Hoffnung…

    jessebird

    31. January 2008 at 8:23 pm

  8. Den mag ich auch – und er sieht frappierend aus wie Karl Valentin. Könnte eine Art Personenzitat sein…

    Wolf

    31. January 2008 at 8:27 pm

  9. […] einen Kommentar » Update zu Vorabendvorstellung: Hast du Tripper, Syph und Schanker, bis du noch lang kein Kranker. Erst wenn das Dingens kracht […]

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