Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Tucher Braü’s Note

with 8 comments

Update zu Mutter, lass mich dein Söhnchen sein
und Kapitel 9: Die Predigt:

Emily Brontë by Patrick Branwell BrontëEs kommt jetzt gleich etwas weniger zur Geltung als sonst, aber in Wahrheit bin ich ein ganz und gar hämefreier Mensch. Meine satirischen Äußerungen sind die wohlwollendsten seit Heinz Erhardt, meine Zurechtweisungen richten sich insgeheim mehr gegen mich als gegen Dritte. Ich verstehe jede Neurose, ich habe sie alle. Das Vorführen von Druckfehlern liegt mir aber schon gleich sowas von fern. Normalerweise. Es folgt deshalb weniger ein Boah Määääänsch, sind die blöööööt als vielmehr ein Hihi, das passiert anderen also auch.

Vor ungefähr hundert Jahren haben mich meine Herren Eltern gerne mal in den Landgasthof Löhner zum Sonntagsessen mitgenommen; das Kind, das ich mal gewesen sein muss, war wenig wehrhaft. Bei Löhners an die Wand genagelt, weiß ich noch, hing ein antiker abgesägter Bierfassboden der Brauerei Tucher, vulgo Tucher Bräu zu Nürnberg. Was mich daran so faszinierte, war die Inschrift:

TUCHER BRAÜ

Genau so.

Vielleicht bei unserem dritten Lokalbesuch fragte meine Mutter, was ich denn dauernd an die eine Wand da zu stieren hätte.

“Das Fass”, sagte ich und deutete, “da steht Tucher Braü drauf.”

“Freilich”, sagte mein Vater, “was soll sonst draufstehen, wird halt vom Tucher Bräu sein.”

“Aber…” Für eine genauere Ausführung, was mich so an der Antiquität fesselte, fehlte mir das sprachliche Rüstzeug. Zur Hoffnungslosigkeit der historischen Einordnung kann ich nur vorbringen: Offenbar konnte ich lesen, aber nicht reden, was sich bis heute nicht wesentlich geändert hat.

Viele Jahre später hatte ich die Ehre, für die Brauerei Tucher Werbetexte zu schreiben, wobei ich meinen Ehrgeiz darein setzte, ausschließlich korrekt buchstabierte Werbemittel freizugeben. Was irgendwie sinnvoll an Werbung oder gar am Korrekturlesen sein soll, konnte ich meinen Eltern bis heute nicht vermitteln.

Darum hat es für mich etwas geradezu Wehmütiges, wenn die Leute Charlotte Brontë “Brönte” schreiben. Wo auf der Tastatur das ë sein soll, kostet mich nämlich selber jedes Mal mehr Zeit, als einen Firmennamen in einen Eichenfassboden zu schnitzen.

Buch: Emily Brontë: Wuthering Heights, Page xxix:
Currer Bell, i.e. Charlotte Brontë: Biographical Notice of Ellis and Acton Bell. Penguin Classics, 1847/1850/1995;
Bilder: Patrick Branwell Brontë in der National Portrait Gallery London, 1833
via Kingwood College Library;
meins, 2. Februar 2008.

Written by Wolf

3. February 2008 at 12:01 am

Posted in Meeresgrund

8 Responses

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  1. Ich weiß, dass sollte ich jetzt nicht sagen, aber ich schreibe, zumindest am PC, immer Bronte

    Aoife

    3. February 2008 at 9:16 am

  2. Nix gegen Emily und Charlotte, aber glücklicherweise musste ich bis jetzt noch nie ihren Nachnamen tippen – bibliographisch (jedenfalls im Buchhandel) reicht auch die Angabe ohne Trema. Ich hätte auch nicht die allerleiseste Ahnung, wie ich das aus der Tastatur locken könnte…

    jessebird

    3. February 2008 at 9:47 am

  3. >>Offenbar konnte ich lesen, aber nicht reden, was sich bis heute nicht wesentlich geändert hat.<<

    Sympatisch, sympatisch. (Bei solchen Äußerungen Deinerseits sehe ich jetzt immer den Jungen in der Turnhalle vor mir.)

    BillyBudd

    3. February 2008 at 11:33 am

  4. Ë und ë stehen in Word unter Einfügen – Symbol. Meine Blogeinträge entstehen immer als .txt-Dokument, da muss ich die auch jedes Mal als Sonderzeichen rauskopieren und froh sein, dass die im Editor überhaupt mitgespeichert werden. Gegoogelt wird’s genausogut ohne Trema.

    Meine Sprachunfähigkeit sollte ich vielleicht aus beruflichen Gründen etwas zurechtrücken: In Smalltalk bin ich weiterhin eine Null, aber ich hab als Student eine Altstadtkneipe zur Klampfe beschallt und wurde als Werbetexter für eine Berufsfortbildung mal als “Dozent aus der Praxis” engagiert, hab als Buchhändler ausgeholfen und kann überhaupt auf Menschen losgelassen werden. Mit meinen eigenen Kunden muss ich ja auch irgendwie konferieren. Solange da ein bestimmter Zweck dahinter und meine Rolle klar ist, hab ich da inzwischen eine gewisse Souveränität erreicht.

    Wolf

    3. February 2008 at 1:14 pm

  5. Um mich mal als komplett unwissend hinzustellen: Gibts von der Aussprache her einen Unterschied zwischen Bronte und Brontë? Das einzige was ich ich in der Schule zu dem Thema gelernt habe war, dass ein ë nach a, o und u verhindert, dass das ganze wie ein Umlaut ausgesprochen wird, aber das ist hier ja nicht der Fall.
    (Und sowas wie ich studiert Anglistik…)

    Aoife

    3. February 2008 at 1:30 pm

  6. Deswegen spricht sich “Citroën” nicht wie “Zitrön”. Im Falle “Brontë” gibt sich das nicht viel, das e ist eben nur voll da und nicht silent. – “Brount” *gnicker*

    Wolf

    3. February 2008 at 1:37 pm

  7. Wenn man ja als Buchhändler eins lernt, dann mit Menschen zu reden. Insofern eine gute Schule für’s Leben. Und Smalltalk nicht zu beherrschen kann auch was positives haben. Man sollte es halt nicht als Defizit betrachten, sondern als die Fähigkeit “einfach mal die Klappe zu halten”…

    jessebird

    3. February 2008 at 1:41 pm

  8. Ich stimme Dir da vollends zu, jessebird. Seit einem Jahr kenne ich viele Menschen, die ununterbrochen reden und doch nichts sagen. Überflüssig.
    Wie Charly Brown so schön sagte: “You’ll notice, Linus, that you have TWO ears but only ONE mouth… That’s because listening is more important than talking.”

    Und Wolf, dass Du lautsprachlich auch nicht ganz unbegabt bist, dachte ich mir schon. Das mit der Zweckmäßigkeit ist ein guter Gedanke.

    BillyBudd

    3. February 2008 at 2:10 pm


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