Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Diskussion: Ahab — Held oder Schurke?

with 8 comments

Stephan zweifelt an Jürgens Moralphilosophie. Bier und Popcorn raus, es gibt ein Update:

> Aber nur, weil er seine Männer opfert, um ein Ziel zu erreichen, macht ihn das schon zum Schurken? (Jürgen, 17. März 2008)

Stephan De MariaNun, lieber Jürgen, ich finde, dass das absolut ausreichend ist. Also mal meine Moralvorstellungen des 21. Jahrunderts gesetzt. Zurück in die USA des 19. Jahrhunderts zeichnet Melville meines Erachtens nach einige Situationen (ok, ich beleg das irgendwann mal nach), in denen er das Vorgehen Ahabs eben nicht als Heldentum, sondern als Egotrip darstellt. Ich habe das Gefühl, dass er das auch in den folgenden Kapiteln tun und vielleicht sogar eher ausbauen wird, oder? Wohingegen Starbuck als künftiger Antagonist bislang zumindest ohne Fehl und Tadel (allerdings auch ohne Tiefe) aufgezeigt wird.

Ich habe also den Eindruck, dass Melville schon eine deutliche moralische Wertung Richtung Moderne lanciert. Und ja: Wer bereit ist, seine Männer und nicht nur sich zu opfern, der ist ein Schurke.

Korrigiert mich!

> Persönliche Vorsicht ist also keine Tugend, Pflichterfüllung (auch aus dem Motiv der Ruhmsucht) aber schon. Ahab wird seine Pflicht erfüllen, eine Pflicht, die er sich selbst auferlegt hat. (Jürgen, 17. März 2008)

Genau das ist meiner Meinung nach die damals geltende Vorstellung, gegen die Melville angeht. Irrtum? Oder ignoriert’s, da ich doch völlig beleglos palavere.

He Mundschenk! Die Kanne ist leer!!

Wolf sieht’s so sachlich wie irgend möglich:

Der WolfNicht der einfachste aller Einwände… Moralisches Verhalten unterteilt man ja in die Pflichterfüllung bei Kant und eine Art “Entscheidend ist, was hinten rauskommt” bei Kohl. Der Unterschied ist: Die Kantische Lösung richtet sich nach den Vorgaben, die Kohlsche lässt dieselben schon mal außer Acht, wenn damit ein “guter” Zweck zu erreichen ist.

Was tut Ahab? Verfolgt einen Zweck, ganz klar. Das schöne “A man’s gotta do what a man’s gotta do” liegt mir persönlich recht nahe und sieht auch Ahab recht ähnlich. Dass er damit ein Schiff voller Untergebener in den Abgrund reißen muss, denen eben kein weißer Wal etwas getan hat, rückt den einsamen Helden Ahab allerdings in ein schiefes Licht. Das war nicht sein Auftrag, er benutzt nicht mal sein eigenes Schiff (Eigentümer sind Peleg und Bildad), und die Mannschaft wünscht aus Gründen ihres Fortlebens viele Wale zu erlegen, nicht um jeden Preis einen einzigen, bestimmten, angeblich bösen. Sollte Ahab ein Held sein, dann wirklich ein verdammt einsamer.

Alternative Möglichkeit: Ahab ein Schurke? Seine Unbeirrbarkeit hat was Faszinierendes, aber ich fürchte, es lässt sich schwer widerlegen… — oder? lässt es sich?

> He Mundschenk! Die Kanne ist leer!!

Recht so — erst das Saufen, dann die Moral .ò)
Papa Courage

Jürgen hat’s noch genauer da, aber trotzdem Zweifel:

Even now I lose time, Good-bye, good-bye. God bless ye, man, and may I forgive myself, but I must go.

Chapter 128: The Pequod Meets The Rachel

Jürgen Jessebird SchmitteFür mich war Ahab immer der Held der Geschichte, ein Mann, der nach einem furchtbaren Erlebnis (Moby frisst sein Bein) versucht, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Ahab ist ein handfester Bursche, einer, der es gewohnt ist, Befehle zu geben und Gehorsam zu erhalten. Die Niederlage gegen Moby Dick zehrt an seinem Selbstwertgefühl. Das muss er irgendwie versuchen, in den Griff zu bekommen. Also jagt er seinen Widersacher. Aber in Wirklichkeit jagt er ihn ja nicht als Selbstzweck, auch nicht, weil er böse ist. Er jagt ihn, um ein Ziel zu haben. Ahab ist ein Krüppel. Damit kann er sich entweder abfinden, oder er kann etwas tun um sich besser zu fühlen. Was läge für einen Walfänger näher, als den Wal zu jagen, der ihn zum Krüppel gemacht hat?

Aber glücklich ist Ahab damit nicht. Es gibt einige Stellen, meine ich mich zu erinnern, in denen das durchschimmert. Er ist ein Getriebener, einer, der nur ein einziges Ziel hat: Moby-Dick zu töten. Das ist alles, was ihm im Leben geblieben ist, weil er sich nicht damit abfinden kann, kein vollständiger Kerl mehr zu sein.

Er muss Moby Dick jagen. Oder sich der Realität stellen. (Ha — das wäre dann, nach heutigen Begriffen, echter Heldenmut.) Aber: Er tut, was er tun muss — aus welchen Gründen auch immer. Davor habe ich Hochachtung.

Und: Den Tod seiner Männer in den Walbooten nimmt er natürlich in Kauf, das gehörte aber zum Walfang. Damit, dass Moby Dick auch die Pequod versenken würde, konnte niemand rechnen. Tatsächlich heuert er doch sogar eine eigene Mannschaft für sein Boot an — damit keiner der Mannschaft der Pequod mit ihm in den Tod geht?

All das sind im Moment nur unbelegte Ansichten. Ich werde da noch ein bisschen forschen und mal sehen, ob meine Ansicht einer Überprüfung standhält. Ich gestehe, dass ich Ahab noch nie so sehr bewusst betrachtet hatte. Meine Meinung über ihn basiert eher auf einem Gefühl als auf belegbaren Textstellen. Vielleicht hab ich mich da ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt, aber seht ihr Ahab wirklich als einen “Bösen”?

Nachtrag: wir werden ja den “Moby-Dick” jetzt nochmal sehr, sehr gründlich lesen (im Lauf der nächsten paar Jahre), dabei mache ich mir dann meine Notizen, und ganz am Ende wird es eine gründliche Analyse geben. Vielleicht bin ich — übereifrig — ein bisschen zu schnell an die Sache rangegangen. Vielleicht ist ein Einstieg bei Kapitel 28 nicht ganz das Wahre!?

Wolf gibt sich etwas ratlos:

Der WolfDaraus lachen mich vor allem zwei Stellen an: Wer ist eigentlich der “Held”in Moby-Dick — Erzähler Ismael, Kapitän Ahab oder Namensgeber Moby Dick? Definitionssache: je nachdem, mach ich mir’s da mal ganz leicht… Wahrscheinlich, weil ich keiner der möglichen Definitonen mehr trau — und noch erleichtert bin, dass “Held” hier im literarischen Sinn der Gegensatz zu “Nebenfigur” ist und nicht zu “Schurke” oder “Weichei”…

Zweite Stelle:

> seht ihr Ahab wirklich als einen “Bösen”?

Wenn du so direkt fragst: Gefühlsmäßig nicht, nein, dazu ist er mit zuviel Anerkennung gezeichnet. Und zwar stichhaltig genug, dass er als Held zumindest in Frage kommt. — Herrschaften, bin ich wieder verkopft…

Und abermals mach ich mir’s leicht und rede mich auf mein laxes Moralverständnis raus, das schon bei so scheinbar einfachen A- oder B-Fragen Kantische Feinziselierungen herbeizerren muss. Situationsentscheidungen, zu denen man hinterher stehen kann, müssen reichen.

So viel wurde bisher in Xing diskutiert. Meinungen? Auch hier sind die Kommentare geöffnet.

Lied: Johnny Cash: Delia’s Gone, aus: American Recordings, 1994, in dem er Kate Moss gleich zweimal erschießen durfte. A man’s gotta do pp.

Written by Wolf

7. April 2008 at 2:02 am

Posted in Reeperbahn

8 Responses

Subscribe to comments with RSS.

  1. […] Weiter: Zum ganzen Artikel […]

  2. Ich dachte immer, Ahab wäre einfach ein armer Irrer, damit moralisch schlicht nicht zurechnungsfähig und weder Held noch Schurke. Aber ich hab erstens eh einen Hang zum Pathologisieren und zweitens auch nur eine popelige Moby-Dick-Jugendbuch-Ausgabe gelesen, und das vor guten 15 Jahren, also ignoriert mich einfach ;-)

    cohu

    7. April 2008 at 11:20 am

  3. Das… ist… in seiner entwaffnenden Schlichtheit am Ende auch noch wahr .ò)

    Wolf

    7. April 2008 at 11:18 pm

  4. Ach ja, Kerle!, seufzt sagt man da nur. ;o) Mitsamt ihrem “A man’s gotta do what a man’s gotta do”. Der einsame Held und Rächer der Enterbten Versehrten schiebt seinen Colt ins Schulterhalfter oder den Hosenbund oder was weiß ich denn wohin, schwingt sich auf seinen Gaul und reitet effektvoll in den Sonnenuntergang… [Wa(h)lweise schultert er seine Harpune und s e g e l t in denselben.] Stirbt der denn nie aus?

    Aber mal im Ernst: was ist und tut denn ein Held? Und kann man bei seinen hehren Taten, die er btw per Definition uneigennützig für seine Ideale oder zur Rettung und Hülfe anderer vollbringt, denn die moralische Seite seines Tuns außen vor lassen? Nur mal so gefragt.

    Und was ist Ahab demnach denn für ein Held (außer selbstverfreilich als literarische Figur)? Ich bin zutiefst geneigt, Stephan hier Recht zu geben. Egotrip. Word! Wenn einem die Niederlage gegen eine Kreatur (die Natur?) – die sich ja wohl nur gewehrt hat – so zu schaffen macht und so das Selbstwertgefühl zerschießt, dass er damit den Rest seines Lebens nicht mehr klar kommt und fanatisch nach Vergeltung jagt, zeugt das doch nicht unbedingt von innerer Größe, wie sie einem Heldentypus ansteht, oder? Wenn er dann noch ohne Zögern am Anliegen dieses (unsinnigen) und zudem höchst privaten Rachefeldzugs Unbeteiligte aktiv mit ins Verderben treibt, ist das doch – wider den Begriff des Heldenseins – sehr eigennützig, oder? Kennen wir nicht Kreuzritter im Namen eines postulierten und eingeschworenen (meist falschen) Ziels zur Genüge?
    So kann ich hier weder die unterstellte Pflichterfüllung noch den guten Zweck, der “hinten rauskommt”, erkennen, was den “Helden” moralisch mehr als zwielichtig werden lässt. Right?

    Im übrigen hat Frau Cohus Einlassung durchaus etwas für sich. Eigentlich ist er ein armes Schwein. Denn hey, wer außer ihm selbst sähe wohl gerade in d e m keinen ganzen Kerl mehr…?

    Und natürlich wissen wir in all dem Palaver, dass das mit dem Schwarz- und Weiß-Sehen im konkreten Fall gar nicht so einfach ist. Auch unserm alten Ahab wohnen irgendwo schließlich zwei Seelen, ach, in seiner Brust – hab ich, glaub ich, sogar schon mal wo geschrieben beim Moby. Und unser Papa Melville würde sich jetzt wohl kichernd ins Fäustchen lachen. Denn – und hier drifte ich etwas aus Stephans Spur – nein, er moralisiert nicht oder nicht sehr, finde ich, und lässt das einsame Menschlein und Leserlein selber nach Sinn und Zweck und Ziel des Daseins in dieser verrückten Welt grübeln. Das Dumme – oder grad das Schöne – ist ja, dass er hie und da durchaus nicht mit seinen heimlichen Sympathien für diesen, dochdoch, charismatischen Einbeinigen hinterm Berg hält und ihn auch mitnichten als rundum schwarzen Fiesling und Schurken malt.

    Liegt in diesem künstlerischen Geschick nicht vielleicht der tiefe Sinn des ganzen Wälzers? Mündiger Leser, vortreten! Wo bleiben die Widerworte? :o))

    hochhaushex

    8. April 2008 at 2:20 am

  5. Hups, die HTMLungen in der Kommentarfunktion sind wohl auch nüch mehr das, was sie mal waren. Wo sind denn meine sinnreichen Durchstreichungen geblieben? Aaalso, wenn manche Sätze etwas doppeltgemoppelt ulkisch klingen, nicht wundern! ;o)

    hochhaushex

    8. April 2008 at 2:26 am

  6. Kolleeschin, das war das Widerwort — von dem ich schon dachte, es käm gar nicht mehr .ò)

    Die Begründungen sind klasse: welche Pflicht eigentlich und wenn schon heldenhaft, dann cui bono? Greift wenigstens einer der großen Moralphilosphen Kant und Kohl?

    [Ich weiß, wie man weiterhin durchstreichen kann, aber sowas soll man eh lieber zu sparsam einsetzen, ätsch .ò)]

    Wolf

    8. April 2008 at 3:02 am

  7. […] die der Autor vorgesehen hat. Damit kann ich Ahab in “Moby-Dick” durchaus für einen heldenhaften Mann halten, auch wenn ich nicht (buchstäblich) mit ihm in einem Boot sitzen möchte – aber das ist ja […]

  8. […] die für sich zurchtgezimmert hat – und seinem vernichtenden Trieb doch Sklave ist. Hatten wir hier alles schon mal. Euch kommt immer euer krankes Ego […]


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: