Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

World of toil and trouble

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Update zum Tag der Arbeit zu While some folks row way up to heaven I’m gonna sing the pirate’s gospel:

Uncle Tupelo, No Depression, 1990. Cover1936 arbeitete die Carter Family die Weltwirtschaftskrise in einem Lied namens No Depression in Heaven auf. 2:53 Minuten, die einfach nur nach Hoffnung klingen. Dafür muss Musik gut sein: als Lichtlein in Wenn du meinst es geht nicht mehr. Das knallt in die allfällige Depression, die im Wirtschaftsleben und mit dem feinen Doppelsinn des Wortes deutlich genug innerhalb zahlreicher Einzelpersonen stattfindet. Man möchte ihnen heute noch die Hand dafür schütteln.

1990 nahmen sich Uncle Tupelo aus der Erkenntnis, dass in Amerika erneut Verhältnisse wie 1936 herrschten, des Liedes an. Und Donnerwetter, No Depression (ohne in Heaven) klingt noch viel besser. Energischer, treibender, raubauziger, nicht so tranig dahingezogen, und setzt einer Depression viel trotziger etwas entgegen: zweideutige, aber deutliche Worte, einen Ohrwurm mit dem Zeug zum Volksgut, ja sich selbst.

Nach diesem einen Lied ist die ganze Musikrichtung No Depression benannt, die gern auch alt.country heißt. Die Band weist allerdings den Ehrgeiz von sich, eine Musikrichtung einläuten zu wollen; vielmehr haben sie ihren Beitrag zu traditionellen Spielweisen geleistet: Carter Family, Woodie Guthrie, Willie Nelson und wie sie alle heißen. Man empfinde sich weder als Punk noch Revolution, wolle einfach die Musik weitermachen, die sich als gut herausgestellt hat. Dass 1995 danach eine zweimonatliche Musikzeitschrift entstand (An Introduction to Alternative Country Music. Whatever That Is), die bis 2008 ungewöhnlich lange für derlei Organe durchhielt, war trotzdem okay.

Was daran so zweideutig ist: Soll eine Aussage wie “Ich gehe dahin, wo keine Depression herrscht, verlasse diese Welt voller Müh- und Drangsal, meine Heimat ist im Himmel und da geh ich jetzt hin” von hoffnungsfrohem Aufbruch ins gelobte Land künden — oder ist das schon düstere Koketterie mit der Todessehnsucht, ja die Verherrlichung von Selbstmord? — Aus der Entscheidung halte ich mich wie immer vornehm raus, aber ich höre eine herzvergnügte Melodie auf dem Text herumhüpfen.

Konzertplakat Uncle Tupelo, ca. 1990Ich weiß noch, wie die Version von Uncle Tupelo zum ersten Mal im Radio hörte und eher zufällig auf Kassette erwischte. Das war mal, ihr Jungfröschlein, nicht nur ein beliebter Sport unter Musiknerds, sondern die Methode, sich Lieder anzueignen: sie zufällig am Radio mitzuschneiden. Der Gipfel der Technik war das Überspielkabel (oder ein Ghettoblaster mit Kassettendeck), die Katastrophe ein Moderator, der sein eigenes Dummgesabbel für wichtiger als Musik hielt. Mein Haussender war jedoch das Erlanger Radio Downtown, das seine Lieder gern ausspielte, obwohl es sich die Frequenz mit Radio Z teilen musste. Kein Wunder, dass es 1995 pleite ging. Nicht herauszufinden war jedoch, von wem das Lied war, die leiernde Scotch C90 schwieg sich aus. Dabei musste man dankbar sein, dass sie es überhaupt ein paar Jahre tat. Band, Text und Geschichte erschlossen sich erst in Zeiten des Internets aus einer nicht ganz so vernuschelten Textzeile.

Was man ihr gar nicht zugetraut hätte: Auch Sheryl Crow, die einst von klinischen Depressionen heimgesucht wurde, hat eine Version gemacht, gar nicht schlecht, die der Carter Family näher steht als Uncle Tupelo (und auf keiner ihrer CDs erscheint). Das hört man erstens, und heißt zweitens mit dem ursprünglichen vollen Namen No Depression in Heaven.

Was das nun wieder mit Moby-Dick zu tun hat? Nu, hören Sie einfach mal genau hin. Das erste Kapitel kennen Sie: “whenever it is a damp, drizzly November in my soul; whenever I find myself involuntarily pausing before coffin warehouses, and bringing up the rear of every funeral I meet; and especially whenever my hypos get such an upper hand of me, that it requires a strong moral principle to prevent me from deliberately stepping into the street, and methodically knocking people’s hats off” — dann geht man entweder zur See oder schickt eine CD im Kreis herum, die als Lebenshilfe taugt. Außerdem ist das Zeug zutiefst amerikanisch in jenem Sinne, den man nur liebhaben kann.

Das ist eine Bereicherung für das Lagerfeuerrepertoire aller bierseligen Klampfisten (kein Problem, es sind nur die üblichen drei Griffe), und Idgie Threadgoode muss dazu mit einer Bottel Jackie in der Hand in aufgekrempelten Latzjeans — und zwar auf Terz! — krähen:

1. For fear the hearts of men are failing,
For these are latter days we know
The Great Depression now is spreading,
God’s word declared it would be so.

Refrain: I’m going where there’s no depression,
To the lovely land that’s free from care.
I’ll leave this world of toil and trouble,
My home’s in Heaven, I’m going there.

2. In that bright land, there’ll be no hunger,
No orphan children crying for bread,
No weeping widows, toil or struggle,
No shrouds, no coffins, and no death. — Refrain

3. This dark hour of midnight nearing
And tribulation time will come
The storms will hurl in midnight fear
And sweep lost millions to their doom. — Refrain

Und Tribulation heißt Trübsal.

Bilder: Cover Uncle Tupelo: No Depression, 1990, nach Tracing alt.country;
Konzertplakat der viertbesten Country-Band 1994: The Gumbo Pages.


Bonus Track: Carter Family: Can the Circle Be Unbroken (By and By), 1935
mit Bildern aus der Great Depression 1928–1939.

Written by Wolf

1. May 2008 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

5 Responses

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  1. Hui, hier auch sowas Düsteres? Depression hat wohl grade Saison. Kein Wunder, Mai ist ja auch der Monat mit den meisten Selbsttötungen.
    Mein Liedtipp zu diesem Thema: der Blues “Trouble in Mind”. z.B. von Sister Rosetta (1942) oder Jerry Lee Lewis (1983). (Die beste Version ist von Dinah Washington, leider nicht online). Was mir daran gefällt: drei Strophen lang Selbstmordphantasien…

    “I’m going down to the railroad
    I’m gonna lay my head right down on the railroad iron
    I’m gonna let the two-nineteen
    ease my worried mind”

    Aber trotzdem das hier:

    “Trouble in mind, and I’m blue
    But I won’t be blue always
    You know the sun is gonna shine
    in my back door some day”

    Irgendwie gefällt mir das besser, als auf den depressionsfreien Himmel oder den Jüngsten Tag zu warten :-)

    cohu

    1. May 2008 at 8:13 am

  2. … und genau das macht’s auch undüster. Es heißt ja No Depression — thematisiert also Düsternis, wurschtelt sich aber musizierenderweise grade raus.

    Trouble in Mind kenn ich aus meiner lieben historisch-kritischen LP-Gesamtausgabe von Robert Johnson. Von dem Manne sind genau 49 Blues überliefert, über den 50. gibt’s gleich einen Film mit wildem Klampfengejaul von Ry Cooder (Crossroads). Ein Lied voll unverwüstlicher Hoffnung, mit dem sich der Jerry Lee Lewis sich ja erstaunlich wacker rumschlägt :o)

    Wolf

    1. May 2008 at 10:24 pm

  3. Hach, wie liebevoll und herzwarm du’s zurecht (und zu_Recht) besingst. Und deshalb hat die Uncle Tupelosche NO_Depression auch ein wohlbehütetes Plätzchen in meinem CD-Regal. :o)

    Ujeh, beim Nachkramen in den Youtübchen fand sich, dass die in ihrer schwer identifizierbaren Vorzeit sogar schon mal on Heavens Door geknockt haben. Obwohl das ja ohne Zweifel am besten ever die Herren Guns N’Roses konnten. Da kömmt auch nicht mal Frau Lavigne ran, obwohl die zugegebenermaßen eine sehrsehr hörbare Fassung knockt… öh, trällert.

    Haltet schön Herz und Seele beieinand’. No Depression, Boys N’Girls! :o))

    hochhaushex

    1. May 2008 at 11:37 pm

  4. Ich wundere mich doch jedes Mal, was diese nachgemachte Gothicamsel für ein unschuldiges Mädchenstimmchen hat… Heaven’s Door kann anscheinend nicht mal die kaputt machen. Die Version von Guns&Roses is ja schon heilig, das kaugummige “Hääijääijääi” wird man noch ewig automatisch mithören, selbst wenn’s der Meister selbst singt…

    Wolf

    1. May 2008 at 11:57 pm

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