Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Freundliche Begegnungen: Zur Abwechslung mal Ernest Hemingway beschimpfen

with 12 comments

Update zu Unfreundliche Begegnungen: Moby-Dick goes Huckleberry Finn und Warum die Doppelgängerin Moby-Dick voraussichtlich nicht lesen wird:

Hemingway konnte nicht lachen. Nie. Wer frühmorgens um sechs im Stehen anfängt zu schreiben, hat keinen Sinn für Humor. Er will etwas niederzwingen.

Charles Bukowski: Den Göttern kommt das große Kotzen, 2006

Hemingway, der natürliche Feind aller Kudus, Stiere, Marlins und Frauen, geht jetzt auch schon gegen die Wale los:

Wir haben in Amerika geschickte Schriftsteller, Könner gehabt. Poe ist ein Könner. Bei ihm ist alles gekonnt, wunderbar konstruiert, aber er ist tot. Wir haben rhetorische Schriftsteller gehabt, die das Glück hatten, eine Spur von dem, wie Dinge wirkliche Dinge sein können, zum Beispiel Walfische, in der Chronik eines andern Mannes zu finden oder auch auf Reisen, und dies Wissen ist von Rhetorik eingehüllt wie Rosinen in Kuchenteig. Gelegentlich ist es allein da, nicht von Kuchenteig umgeben, und es ist gut. Zum Beispiel bei Melville. Aber die Leute, die ihn loben, loben ihn wegen seiner Rhetorik, die unwesentlich ist. Sie geheimnissen etwas hinein, was nicht da ist.

Ernest Hemingway: Die grünen Hügel Afrikas, 1935,
einzig autorisierte Übertragung von Annemarie Horschitz-Horst

HansTraxler, Leute von gestern, Ode an Hemingway, 1988

Nochmal leserlich, weil man das in diesem 500-Pixel-Fensterchen nicht lesen kann? Aber immer:

Blonde Frauen!
Schwarze Stiere!
Jede Menge große Tiere!
Ernest, Meister aller Klassen!
Ich kann dich tief und herzlich hassen!

Bild: Hans Traxler: Leute von gestern, Zeit-Magazin,
in: Ode an Hemingway, Diogenes Verlag 1988,
nach dem Österreichischen Schulportal.

Written by Wolf

10. May 2008 at 12:01 am

Posted in Moses Wolf

12 Responses

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  1. Also, ich mag ja Hemingway, vielleicht nicht als Mensch, sicher nicht als Stierkampf-Freund, aber als Schriftsteller. Hat ein paar großartige Sachen geschrieben. Der Anfang von “Garden of Eden” zum Beispiel ist einfach fabelhaft. Seither mag ich mein Frühstücksei mit Pfeffer… Und ich würde zu gerne mal einen von diesen Buchweizen-Pfannkuchen essen, die in den “Nick-Adams-Stories” immer mal wieder vorkommen. Aber zum Thema:
    Diese Stelle aus “Die grünen Hügel Afrikas” empfinde ich nicht als Angriff auf Melville. Ganz im Gegenteil. Ein größeres Lob als “Rosinen ohne Kuchenteig” kann man doch von Hemingway kaum kriegen, oder? Eher beschimpft er wohl die Leser, die etwas “hinein geheimnissen”. (Tolle Formulierung übrigens, müsste mal schauen, wie das im Original heißt…)

    Jessebird

    10. May 2008 at 9:19 am

  2. Stimmt schon, als Mensch war er mir auch suspekt, bis ich einen Bildband über Hemingway und seine Katzen geschenkt gekriegt hab… Dassind allerliebevollste Papabilder, denen man gar nicht glaubt, dass der gleiche Mensch spaßeshalber Stiere ersticht. Bei dem stimmt überhaupt so manches nicht zusammen — auch wenn mir das Urteil von Hans Traxler zu weit geht: Ach komm weiter, wegen sowas muss man doch keine wildfremden Leute “tief und herzlich hassen”.

    Das, wofür er sich den Nobelpreis verdient hat, ist eins von denen, die ich nach der Übersetzung auch im Original lesen musste — vor allem, nachdem man gehört hat, was die Horschitz-Horst für einen Müll abgeliefert haben soll — und es kann einem tatsächlich die Luft davon wegbleiben: An Der alte Mann und das Meer muss jemand definiert haben, was “dicht erzählen” bedeutet.

    Als richtige Melvillebeschimpfung möcht ich das auch nicht verkauft haben, es dient mal wieder alles der süffigen Formulierung… Der gedankliche Dreh erinnert mich mal wieder an Max Goldt: Guns’n’Roses, sagte der, als Guns’n’Roses in waren, sind ganz okay, nur mit Fans von Guns’n’Roses will man ungern Umgang pflegen.

    Ein Green Hills of Africa hab ich auch nicht auf Englisch vorliegen. In meiner sinnigerweise vom Vater übernommenen deutschen Ausgabe steht der Absatz auf Seite 26f., also ziemlich zu Anfang. Falls jemand nachblättern möchte; ansonsten Fachmann fragen.

    Und der typische amerikanische Pfannkuchen besteht glaub ich immer aus Buchweizenmehl — und anständig Ahornsirup drüber, schmackofatz; die machen die kleiner und dicker als unsereins, die wir hinterher aus den Resten noch Omelettensuppe schnippeln wollen :o)

    Wolf

    10. May 2008 at 3:12 pm

  3. Der Pfannkuchen á la Hemingway ist aber nur echt, wenn er überm offenen Feuer direkt neben klarem Gebirgsbach frühmorgens verspeist wird… :)
    Meine ganzen Hemingways sind englisch, ich habe nachgeblättert und da steht folgendes:
    “Well,” I said, “we have had, in America, skilful writers. Poe is a skilful writer. It is skilful, marvellously constructed, and it is dead. (…) Occasionaly it is there, alone, unwrapped in pudding, and it is good. This is Melville. But the people who praise it, praise it for the rhetorc which is not important. They put a mystery in which is not there.”
    Also, nicht “er” (Poe) ist tot, sondern “it” (seine Literatur?). Und “put a mystery in” mit “hinein geheimnissen” zu übersetzen, das ist dreist. Wenn das die offizielle deutsche Übersetzung ist, dann kann ich verstehen, daß Hemingway hierzulande keinen besonderen Ruf hat. Dabei ist das schon so: Hemingways Sprache ist toll. Gerade in den kürzeren Erzählungen. Schade, wenn die Übersetzung das dann so verhunzt!

    Jessebird

    10. May 2008 at 5:44 pm

  4. Japp. Deswegen hab ich auch den Wiki-Artikel zur Übersetzerin mitverlinkt, welcher da sagt: “Annemarie Horschitz-Horst war die einzige vom Autor autorisierte Übersetzerin der Werke Ernest Hemingways ins Deutsche. Da manchen Fachleuten die Qualität der Übersetzung nicht reichte, wurde noch zu Lebzeiten bei Hemingway angefragt, ob er einer anderen zustimmen würde. Da der Verkauf seiner Bücher im deutschsprachigen Raum prächtig lief, sah dieser keinen Grund dafür.”

    “Manchen Fachleuten”, hihi. Wenn einem aus jedem Satz die offensichtlichsten Fehler entgegenquellen. Das ist ja nicht nur zufällig in dem einen Absatz so…

    Auf die Unzulänglichkeit hat mich vor — locker schon — Jahrzehnten mal ein Radiobeitrag gebracht. Den fang ich gar nicht erst an zu suchen, so lange wie das her ist, aber es muss mal einen richtigen Gelehrtenstreit gegeben haben, samt der Forderung, endlich eine neue Übersetzung zuzulassen, worauf wohl jemand (Rowohlt?) einen strengen Finger gelegt hat. Fangen wir mal mit dem Schlichten an, indem wir uns dumm stellen und erklären lassen, in welcher Sprache Kuchenteig pudding heißt :o)

    Dergleichen schlechte Übersetzer, als ich Ihnen bekannt gemacht habe, sind unter der Kritik. Es ist aber doch gut, wenn sich die Kritik dann und wann zu ihnen herabläßt, denn der Schade, den sie stiften, ist unbeschreiblich.
    Lessing: Briefe, die neuste Literatur betreffend, 1758

    Wolf

    10. May 2008 at 6:00 pm

  5. Zum Thema Buchweizenpfannkuchen: sind das eigentlich Blini/Blinz? Gerne auch mit Kaviar oder Räucherlachs gegessen, oder sehr kräftig gefüllt. In der tschechischen Küche heißen sie Liwanzen oder Plinzen – kenne sie von meiner böhmischen Oma mit Zucker und Zimt. Mmmmh!

    Amerikanische Pancakes sind meines Wissens aus normalem Mehl, und vor allem werden sie mit baking soda gemacht. Blinz/Liwanzen macht man dagegen mit Hefe. Ist ein deutlicher Unterschied im Geschmack.

    Es grüßt eine Freundin aller Pfannkuchenvarianten (die allerdings mit Hemingway noch nie was anfangen konnte)

    cohu

    10. May 2008 at 7:39 pm

  6. Wer nimmt auch schon früh um vier zum Fischen Hefe mit .ò)

    Wolf

    11. May 2008 at 3:01 pm

  7. Die Stelle mit den Pfannkuchen stammt aus “Big Two-Hearted River: Part II”. Da ich zu faul zum tippen bin heute, habe ich es eingescannt. Wer mag, der kann hier die ganze Sache nachlesen. Und vielleicht kann mir dann gar einer sagen, was “apple butter” ist…
    Ach, ist das schön. So kommt man von Literatur zu Pfannkuchen!

    Jessebird

    11. May 2008 at 7:35 pm

  8. … die mir ganz nach einem separaten Eintrag riechen :o)

    Wolf

    11. May 2008 at 10:25 pm

  9. Ah, das kann man sich ja gut vorstellen, was der sich da brät: “flapjacks” sind ganz normale Pfannkuchen (ungleich “pancakes” oder Blini, also groß und eher dünn, jedenfalls ohne Backtriebmittel). Gibts aus Buchweizenmehl in den unterschiedlichsten Länderküchen (z.B. die bretonische Galette, die ist allerdings salzig). Wird wohl auch gerne in Friesland gegessen.
    Apple butter ist eine dicke, dunkelbraune Apfelkonfitüre.
    (Warum hab ich jetzt nur Appetit auf Pfannkuchen…?)

    cohu

    12. May 2008 at 10:30 am

  10. Au ja, das duftet heftig nach einer separaten Abhandlung – finde ich auch. Stimmt Cohu, mir fiel dabei sogar wieder ein, dass sie in der Lausitz, meiner Urheimat, wo das Deutsche gelegentlich heftig mit slawischen Einmengungen daherkommt, Plinze genannt werden.

    Bei den Russen heißen sie блины (Bliny) oder auch оладьи (Oladji) und haben eine ellenlange und spannende Tradition, die mal referiert werden sollte (es gibt sie übrigen aus Buchweizen- und aus “normalem” Mehl und in allen Variationen, von herzhaft bis zuckersüß). Wie’s überhaupt unter den Russen auch eine Unzahl Hemingways gibt – jedenfalls geht zum Fischen schon mal fast jeder, der nur ein wie auch immer geartetes einschlägiges Gewässer in Reichweite hat. Und statt Stieren nehmen sie halt eher Bären. ;o)

    Aber hallo, ob das keine zünftige Melville-Beschimpfung beim Ernestl ist, darüber lässt sich ja wohl noch trefflich streiten, oder? Wenn er dessen Rhetorik “not important” nennt, was ist denn das dann? ;o)

    hochhaushex

    12. May 2008 at 11:55 pm

  11. Wäre das dann die Verlagerung auf die Frage, ob man unwichtige Sachen gut machen kann oder überhaupt sollte, oder ob sie gut bleiben, wenn sie keiner braucht…? Vielleicht kann ich ja ganz klasse fahrradrückwärtsgeigen, und mit Melville verbindet mich weiterhin nur die Sinnlosigkeit?

    Wolf

    13. May 2008 at 12:56 am

  12. […] Update zu Zur Abwechslung mal Ernest Hemingway beschimpfen: […]


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