Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Wo deinesgleichen zwischen Leichentüchern schläft

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Damn me, but all things are queer, come to think of ’em.

Enter Ahab; to Him, Stubb. Die Pequod fährt auf Höhe von Quito, Ecuador, Stadt des ewigen Frühlings, kein Meereszugang. Ich-Erzähler Ismael ab, Queequeg vermissen wir sowieso schon seit Kapitel 27 (“Aber Queequeg kennt ihr ja schon”), Auftritt der allwissende Märchenonkel. Auftritt Ahab; zu ihm, Stubb.

Hol’s der Klabautermann, da hat ein Erzähler zu sich gefunden und seine Erzählweise aufgenommen: Melville kommt uns jetzt mit inneren Monologen, um seine Figuren zu zeichnen. Stubb “knurrt” seinen noch probehalber, aber ich glaub nicht, dass einer wie der fast zwei Seiten lang in sich elaborierte Sätze hineingrummelt, das ist Melville schon unter den Fingern zu einem Stilmittel geraten, das man noch nicht lange zur Hand hatte (für unsere Ghostleser aus Gründen des Englischunterrichts: Und es ist eben kein Stream of Consciousness).

Was zeichnet er uns? Das, was wir aus Internetdiskussionen kennen: zwei Leute, die sich kaum kennen, sehr wahrscheinlich aber nicht mögen, und sich in leutselige Flapsigkeit flüchten, obwohl sie keine verstehen. Beiderseitige Ironieresistenz auf Offiziersebene, nach praktisch überhaupt keiner Vorlaufzeit Zank und Beleidigung. Eine Meisterleistung kommunikativen Verhaltens, wenn dergleichen beabsichtigt wäre.

Stubb fängt an damit. Er hat an seinem oberen Management etwas auszusetzen, kann aber aus Rücksicht auf Zeitbudget und Dienstweg keinen großen Verbesserungsvorschlag einreichen, sondern ist darauf angewiesen, dem Kapitän sein Anliegen auf eine Weise zu sagen, die ihn kooperativ stimmt, nicht verletzt.

“Mit scherzhafter Unterwürfigkeit” versucht er’s. Das kann, wie jedes andere Verhalten auch, richtig oder falsch sein, grundsätzlich schlecht kann ich es nicht finden. Macht er schon richtig, der Stubb. Schade, dass er diese sanguinische Tonart nicht durchhält. Da grinst schnell die Eskalation ums Eck.

Und prompt: “Ach, Stubb, du kanntest deinen Ahab noch nicht!” Mit dem kann man das nämlich nicht machen. Der Mann schläft seit Tagen nur drei Stunden am Tag — vermutlich um ihn vom Mannschaftspöbel zu unterscheiden, der menschlichen Bedürfnissen wie dem Schlaf obliegt, und dafür in die Nähe eines Napoleon zu rücken, von dem dieselbe Legende geht, vier Tagesstunden Schlaf seien für Weiber und deren fünf schon für Schwächlinge.

Für einen letzteren hätte ihn nie jemand gehalten, aber er reagiert auf denkbar unausgeschlafene Weise. Ahabs erste Replik enthält noch versöhnliche Teile: “Doch geh nur, ich hatte nicht daran gedacht” — aber selbstherrliche Führungskraft, die er ist, muss er weiterranzen. Leider kommen dann schon die ersten Schimpfwörter vor. “Kusch dich, du Hund, ab in die Hütte!” könnte man noch als bärbeißigen Abschluss der Diskussion werten und es gut sein lassen, das vorausgehende

Below to thy nightly grave; where such as ye sleep between shrouds, to use ye to the filling one at last.

als etwas fehlgeleitete Brillanz verbuchen. Batz, schon hat er überreagiert. Ahabs Eloquenz dient keinem intellektuellen Kräftemessen, sondern ist die eines donnernden Predigers — und falls doch, hat er nicht mit dem Zweiten Offizier in Stubb gerechnet oder ihn absichtsvoll ignoriert.

And now that I think of it (Stubb), war Ahabs Versuch vielleicht gerade doch, einen geistigen Sparringspartner zu finden. Dass Stubb so humorlos einfriert und einen auf verletzte Ehre macht, treibt Ahab ja erst zu seiner richtigen Kaskade mit Esel und Maultier und Schafskopf rauf und runter. Vielleicht braucht er nur deshalb so wenig Schlaf, weil er geistig unausgelastet ist?

Stubb entlässt er dann als Feind in zwei Seiten passiver Aggression. Der Horizont kann öde sein. Und Ironie ein geladen Schießgewehr.

Bild: Frank Stella: Enter Ahab; to him, Stubb, 1988,
aus: Moby-Dick and Imaginary Places, Galerie Jamileh Weber.

Written by Wolf

12. May 2008 at 2:19 am

Posted in Steuermann Wolf

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