Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

World Disinfecting Agent Day

with 2 comments

Jürgen hat Kapitel 30: Die Pfeife gelesen:

Jürgen Jessebird SchmitteWeltnichtrauchertag war neulich, den hab’ ich leider glatt verpasst — wo das doch so ein schöner Termin gewesen wäre. Immerhin schmeißt er seine Pfeife über Bord, der missgelaunte Ahab. Stellt sich natürlich die Frage — warum? Möchte er seiner Crew die Gefahren des Passivrauchens ersparen (dann sollte er wohl lieber Stubb über Bord werfen!)? Oder sorgt er sich um sein eigenes Wohl? Angst vor Raucherbein? Nein, das dürfte damals wohl eher nicht der Beweggrund gewesen sein. Weil sie ihn nicht mehr beruhigt, weil das Rauchen nichts ist für torn iron-grey locks wie die seinen, so steht’s im Text. Aber warum meint Melville, sein Ahab solle nicht mehr rauchen? Sicher nicht um der Political Correctness willen, damit musste er sich in den 1850ern nicht herumschlagen.

Ein wenig Licht in das grüblerische Dunkel bringt vielleicht wieder ein Blick zu Stubb in Kapitel 27. Da erfährt der geneigte Leser — so er nicht die langatmigen Beschreibungen überliest (“Und wo bleibt der Wal, häh?”) — dass unser Stubb Pfeife raucht. Immer. Nachdem er seine Beine aus der Koje geschwungen hat, zündet er sich das Pfeifchen an und lässt es nicht mehr ausgehen, bis er sich nach vollbrachtem Tagwerk wieder in die Koje sinken lässt. Da raucht er dann noch ein Weilchen, ehe er die Augen schließt. Und dann träumt er wahrscheinlich noch vom Qualmen. Melville charakterisiert den Kettenraucher aber durchaus sympathisch und liefert in der Nikotinsucht auch gleich eine mögliche Erklärung für Stubbs ruhiges und ausgeglichenes Wesen: “So, likewise, against all mortal tribulations, Stubb’s tobacco smoke might have operated as a sort of disinfecting agent.” Als Mittel gegen die Angriffe der Welt.

Und Ahab? Wirft die Pfeife fort! Seinen Schutz gegen die mortal tribulations! Wenn das mal gut geht, denkt man sich da als mitdenkender Leser.

Obwohl… Auch das genaue Gegenteil könnte Herman uns da durch die Blume zu vermitteln suchen. Hängt eigentlich wieder ganz davon ab, wie man zu Ahab steht. Entweder man beneidet Stubb um seinen Gleichmut und seine Einfalt — dann ist der Tabaksqualm eine hilfreiche Waffe gegen die Anfeindungen einer unfreundlichen Welt. Ein Schutzpanzer, der, wenn man nur genug pafft, alles Übel vom Paffenden fernhält. Oder man steht eher auf Ahabs Typ, der vielleicht nicht ganz zurechnungsfähig ist, dafür aber mutig der Welt in ihre wütende Fratze blickt! Und der sich ganz und gar nicht einlullen lassen will von irgendwelchen Dämpfen.

Ich persönlich neige ja zur zweiten Theorie — Ahab erscheint mir so viel kraftvoller und mit viel mehr Tiefe versehen als der doch recht schlichte Stubb. Kann doch nicht sein, dass Melville uns Stubb als Ideal präsentieren will. Dann eher Ahab, der den Mut hat, sich der Welt zu stellen. Auch wenn er das zugegeben recht eigenwillig tut…

Heather Coleman, 17th Century Mariners Clay Pipe

Bild: Heather Coleman: Dawnmist Studio Clay Pipe Shop.

Written by Wolf

5. June 2008 at 12:01 am

Posted in Steuermann Jürgen

2 Responses

Subscribe to comments with RSS.

  1. Klasse!

    BillyBudd

    5. June 2008 at 4:10 pm

  2. Ja, eine fetzen Vorlage. Wird wohl nicht zu toppen sein :o)

    Wolf

    5. June 2008 at 10:27 pm


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: