Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Chumdenschl

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Update zu Das Land der Deutschen mit der Seele suchen:

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
bin i Chumdenschl af gebracht.

Thomas Gsella via Brainblog, 2004

Das ganze Zeug, was mich messbar ausmachen muss, wenn einer, der mich nicht kennt, mal nachgucken geht, ist ja lauter so gelahrtes, zutiefst deutsches, dünne, dicke, immer aber harte Bretter bohrendes. Mittelalterverein, deutsche Romantik, gedämpfter Donaldismus, der melvilleanisch herangediehene Sums um deutsch-amerikanische Freundschaft. Etwa aufkommender Spaß am Leben kann ja gar nicht oft genug sarkastisch gebrochen sein.

Erkennt da jemand einen Faden drin, einen roten? Aus meiner Sicht von innen nach außen betrachtet finde ich, dass es lauter verschiedene Sportarten sind, die im gleichen Stadion spielen (sehr treffend, Kollege Tarantino): Ein Deutschromantiker hätt ich werden sollen, das ist ja alles sowas von 1850 — die nie wirklich zu Ende gegangene deutsche Romantik, die sich explizit aufs Mittelalter bezieht, und das nicht, weil’s da so toll war ohne Fensterscheiben, Damenbinden und Xing, sondern um so weit zurückzuschauen, wie man mit denen, mit denen man zusammenwohnt, gemeinsame Wurzeln hat.

“Wurzeln gießen” hab ich das immer gern genannt, und selbst der Ausdruck ist von Heinz Rudolf Kunze geklaut, und wie deutsch geht’s denn noch.

Ich versteh das gut, wie einer sich um den Schlaf bringen kann, indem er seinem Land nachsinniert. Wir haben hier so ein tolles Land rumstehn — mit dem weiß Gott manches im Argen liegt, aber das macht es einem ja nicht weniger wert. An den paar Sachen, die man liebhat, mag man die Fehler gleich mit, und Deutschland die bleiche Mutter hat einen nun mal hervorgebracht, wofür niemand was kann (“Nicht mal die Römer!“). Wer in Aserbeidschan, Äthiopien oder der Antarktis geboren ist, wohnt sicher gerne dort; ich glaub nicht, dass die Leute aus Jux irgendwohin auswandern. Trotzdem hätte man es schlimmer treffen können denn als Deutscher.

Und dann erhellt, dass auch die Amis, die schon fast sprichwörtlich “stolz” auf ihr Land sein können, die in der Schule des Morgens nicht etwa beten, sondern die Hymne singen und Teile der Verfassung aufsagen und Nationalfeiertag begehn wie unsereins Kirchweih, sich auch nicht ganz im reinen sind. Die wissen ebenfalls, das sie ein tolles Land haben — und dass sie den Hanswurst des Jahrhunderts zum Anführer haben, das wissen sie auch.

USA Erklärt, German Joys, Nothing for Ungood, raskal trippin und ein wachsendes Literaturgenre beschäftigen sich mit nichts anderem. Was die anderen da drüben besser machen: Sie wissen um das tolle Land und den Hanswurst, und dazu noch, dass die sich nicht ausschließen: Bush ist kein mathematisch hinreichender Grund, Amerika nicht zu mögen. Und bei uns haben sie vor gar nicht so vielen Jahrzehnten etliche der besten Teutschen vergrault, sträflich viele, genug jedenfalls, dass die ganze Kultur sich immer noch nicht so recht davon erholt hat.

Brecht zum Beispiel. Was der durch die Welt exiliert ist! Prag, Wien, Zürich, Schweden, Finnland, Amerika. Beim Heimkommen ist er freiwillig ins etwas andere Deutschland, das ein netter Versuch hätte werden können, wenn der Mensch ein so guter wäre, wie er für den Kommunismus vorausgesetzt werden muss — geschrieben hat er den Idealfall einer Nationalhymne.

Die geht mir auch schon eine Ewigkeit nach. Wurde nie so richtig ernst genommen und als offizielle Hymne in Erwägung gezogen. Wahrscheinlich weil sie Kinderhymne heißt.

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.

Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s.
Und das liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

Und da hat er doch Recht.

Ich hab meine Heimat — deren Sprache jedenfalls — geradewegs studiert. Meine Wurzeln gegossen mit Schweiß und Tränen, Blut muss es hoffentlich nicht auch noch sein. Und es wird nie aufhören, mich umzutreiben, dass die Leute tendenziell aber wahrnehmbar verblöden, so weit, dass ihnen ihre Heimat eines wohligen Mangels an Geistesregungen wurscht ist.

Die demokratische Errungenschaft der Meinungsfreiheit ist in kosmischen Maßstäben eine sehr junge, auch schon in historischen: Die Französische Revolution war doch praktisch vorgestern. Grade mal 200 Jahre ist das her, dass ich will gar nicht wissen wie viele Leute genau geköpft wurden, dafür dass man heute sagen darf, was ist. Das ist nicht selbstverständlich, weder immer noch überall, sondern ein verficktes Privileg.

Und was machen die Leute damit? Tun so, als wär’s noch nie anders zugegangen, ginge heute noch im größeren Teil der Welt nicht anders zu, und missbrauchen es. Man benutzt Meinungsfreiheit dazu, in Blogs hineinzukommentieren:

lol, ggggg

Dafür haben Bastillen gebrannt. Dafür sind Leute gestorben. Viele. Qualvoll. Freiwillig. Heldenmütig. Selbstlos.

Der 17. Juni war noch zu meinen Lebzeiten mal ein Feiertag, und ich musste mein zeitgeschichtliches Wissen ganz schön zusammenkramen, was da gefeiert wurde. “Ich glaube sogar die Augen begunnen zu tropfen.

Film: Neue Deutsche Wochenschau (West) über den Volksaufstand in der “DDR”, 17. Juni 1953, später “Tag der deutschen Einheit” mit kleinem d.
Heute vor 55 Jahren.

Written by Wolf

17. June 2008 at 4:05 am

Posted in Rabe Wolf

5 Responses

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  1. Ich hoffe jetzt mal, dass Du meine unverschämte Nachfrage nicht ebenfalls als undankbaren Meinungsfreiheitsmissbrauch deutest, aber: was in aller Welt ist denn an “lol gggg” so schlimm?

    cohu

    17. June 2008 at 11:02 pm

  2. Das ist mehr die Attitüde dahinter, wenn einer nix anderes mehr weiß. Wahrscheinlich is es mir einmal zu oft untergekommen. Aus der gleichen Kiste: “Habs nicht gelesen, aber gähn”…

    Wolf

    18. June 2008 at 1:00 am

  3. Jau, ich bin auch für die Brechtsche Kinderhymne. Und so ganz durchgefallen ist sie ja nicht. Es soll sogar Bundestagsabgeordnete geben, die auf die Melodei der offiziellen Hymne den Brecht-Text singen. Ei schau, und die youtubschen Vorreiter beim Superhymnencasting haben sie auch ins Rennen geschickt (dort hat sie womöglich wegen dem A-capella-Interpreten das Finale verpasst?) ;o) Ich kenn sie noch in der von der ursprünglichen Zielgruppe geträllerten Orschinalfassung.

    Btw noch ein (ketzerischer) Beitrag zur Meinungsfreiheit – schließlich hatte man inzwischen lange genug Zeit zum Üben ;o): Ich habe nie verstanden, warum der 17. Juni zum einstigen Tag der deutschen Einheit (mit kleinem “d”) ernannt wurde, auch wenn – oder gerade weil? – man durchaus auch im Osten schon vor 1989 weit mehr als um die Version alter DDR-Geschichtsschreibung (aber eben auch als um die eigene ‘Wahrheit’ der zeitgenössischen Wochenschau-Youtubung) wusste…

    hochhaushex

    18. June 2008 at 4:35 am

  4. Nicht verstanden hab ich verwöhntes Wessihedonistenkind jedenfalls nie, warum man “DDR” in Anführungszeichen und “Einheit” ohne schreiben soll, das kleine d war mir dann auch schon wurscht. An dergleichen hat man höchstens seinen juvenilen Ironiemuskel trainiert. “Einheit, ja nee is klar ne, muhaha”… (lol, ggg)

    Wolf

    18. June 2008 at 4:52 am

  5. […] “und das liebste mag’s uns scheinen so wie andern Völkern ihrs” (Bertolt Brecht: Kinderhymne). Unkomplizierter denn als somalische Generalswitwe fremde Leute um ihre Kontonummer angehen zu […]


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