Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Kein Wunsch, 125 zu werden: And Anxiety’s Plenty For Me

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Update zu Wenn Kafka “Moby-Dick” geschrieben hätte:

Franz Kafka 1888, 5-jährigWenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glattgemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.

Franz Kafka: Wunsch, Indianer zu werden in: Betrachtung, 1913.

Tagsüber als Sachbearbeiter bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen, die Nacht durch atemlos Tagebücher aus der wundgelebten Seele schreiben, eins nach dem anderen, eins surrealer und luzider als das andere, und sich entsetzt wehren, dass die paar fertig gewordenen und unfertig gebliebenen Sachen veröffentlicht werden, die man ihm gegen seinen letzten Willen aus dem Kaminfegefeuer ringen musste, statt der Skizzen zur Unfallverhütung, die der Menschheit und seinem inneren Vater doch viel besser gedient hätten — geht das gut?

Julie WohryzekFür uns ja, für ihn nicht. Man weiß viel über Franz Kafka, mehr als über die meisten Schreiber, selbst die noch am Leben sind. Nicht aus den Tagebüchern, die ein Leben ausbreiten, das in ihm getobt hat, mehr aus den Briefen. Vor allem an Felice Bauer und Milena Jesenská, seine Verlobten, an die er wahrscheinlich nicht mal richtig dran durfte. Kafkas Leben ist geradezu tageweise rekonstruierbar, Tag für Tag, besser als bei Goethe, auch ohne Eckermann. Was die Wahrheit ist, wie er sich darin gefühlt hat, wusste er selber wohl am schlechtesten.

Er hat gebrannt vor ewiger Schuld — an nichts, der brave Mann –, vor Angst, nicht zu genügen. Die ihn kannten, beschreiben ihn als Mädchentyp, gesellig, unbescholten, unterhaltsam, eloquent, ein Mann zum Heiraten, ein Kumpel zum Pferdestehlen. Und dann wurde es jeden Tag Nacht, in der er um sein Leben schrieb.

Habe ich an einem Abend Gutes geschrieben, brenne ich am nächsten Tag im Bureau und kann nichts fertig bringen.

Dieses Hinundher wird immer ärger. Im Bureau genüge ich äußerlich meinen Pflichten, meinen inneren Pflichten aber nicht, und jede nicht-erfüllte innere Pflicht wird zu einem Unglück, das sich aus mir nicht mehr rührt.

Tagebücher, 1911

Die Geschichten von diesem Nachtgespenst gleißen. Sie blenden wie ein Blick in die Sonne. Sein Process ist eine Luftnummer, sein Amerika ein hanebüchener Hirnfurz, seine runtergeratterten One-Night-Stands wie der Brief an den Vater, In der Strafkolonie und Die Verwandlung eine Abfolge von Fußtritten in die Magengrube:

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.

Gerard Bertrand, Kafka MétamorphoseSo geht das weiter — kompakte Information, es geht nie ums Wie, immer ums Was. Das hat es 2007 immerhin zum zweitschönsten Satz der deutschen Literatur gebracht. Typisch, hätte er gesagt, second winner is first loser.

Man kennt ihn noch, er ist präsent, mehr als zu seinen Lebzeiten, als er allenfalls in der Kneipe auffiel. In der Schule nimmt man ihn gern durch, weil man bei dem nicht viel lesen muss. Von dem ständigen, heißen, vibrierenden Weltschmerz des ewigen Vaterjüngelchens mit den rührenden Segelohren fühlen sich die Emos und perspektivlosen Ritzer in der Neunten sowieso zutiefst verstanden. Alles unfertig, alles schön kurz und vollgepackt, wer tut sich denn die zu Tode durchgestylten Thomas-Mann-Backsteine an. Und schön billig, die dünnen Heftchen, vor allem seit 1994, als nach 70 Jahren sein Copyright frei wurde und jeder Gemüsestand den tollen populären Klassiker fleddern, beklauen und missbrauchen durfte, wie es der Public Domain nicht belieben kann, die Sämtlichen Erzählungen gibt’s heute für den Gegenwert von keiner Halben Bier. Und Kafka hätte sie dafür hergegeben.

Am Ende soll er sogar ein bisschen Glück gefunden haben, weg von dem Versicherungsbau wie aus seinem Schloss, auf dem Land, mit seiner Lieblingsschwester Ottla ehrlich Kartoffeln buddeln, bis ihn in einem Krankenzimmer, das besichtigt werden kann, wohin sich aber die Anreise touristisch etwas ungünstig gestaltet, die Tuberkulose holte.

Man kommt sich ganz zynisch und schofel vor, so einem Glück zu wünschen. Trotzdem danke, Franz, dass du das seit 125 Jahren durchstehst.

George Gershwin and Franz Kafka Try to Write a Musical

Bilder: Der fünfjährige Franz Kafka: gemeinfrei;
Julie Wohryzek: franzkafka.de;
Kafka et la Métamorphose: Gerard Bertrand;
Paris, 1922: George Gershwin and Franz Kafka Try to Write a Musical:
Franz Kafka Cartoons.

Written by Wolf

3. July 2008 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

2 Responses

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  2. […] zu Call me Fishmael, Pretty Good Kunitzburger Eierkuchen und Kein Wunsch, 125 zu werden: And Anxiety’s Plenty For Me: – Gestatten der Herr mal die Rotzfahne, daß ich mein Messer abwischen […]


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