Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

And then dreams he of cutting foreign throats

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Wolf hat Kapitel 31: Mab, die Feenkönigin gelesen:

Mercutio. Nun seh’ ich wohl, Frau Mab hat euch besucht.

Romeo. Frau Mab, wer ist sie?

Mercutio. Sie ist der Feenwelt Entbinderin.
Sie kömmt, nicht größer als der Edelstein
Am Zeigefinger eines Aldermanns,
Und fährt mit einem Spann von Sonnenstäubchen
Den Schlafenden quer auf der Nase hin.
Die Speichen sind gemacht aus Spinnenbeinen,
Des Wagens Deck’ aus eines Heupferds Flügeln,
Aus feinem Spinngewebe das Geschirr,
Die Zügel aus des Mondes feuchtem Strahl;
Aus Heimchenknochen ist der Peitsche Griff,
Die Schnur aus Fasern; eine kleine Mücke
Im grauen Mantel sitzt als Fuhrmann vorn,
Nicht halb so groß als wie ein kleines Würmchen,
Das in des Mädchens müß’gem Finger nistet.
Die Kutsch’ ist eine hohle Haselnuß,
Vom Tischler Eichhorn oder Meister Wurm
Zurecht gemacht, die seit uralten Zeiten
Der Feen Wagner sind. In diesem Staat
Trabt sie dann Nacht für Nacht; befährt das Hirn
Verliebter, und sie träumen dann von Liebe;
Des Schranzen Knie, der schnell von Reverenzen,
Des Anwalts Finger, der von Sporteln gleich,
Der Schönen Lippen, die von Küssen träumen
(Oft plagt die böse Mab mit Bläschen diese,
Weil ihren Odem Näscherei verdarb).
Bald trabt sie über eines Hofrats Nase,
Dann wittert er im Traum sich Aemter aus.
Bald kitzelt sie mit eines Zinshahns Federn
Des Pfarrers Nase, wenn er schlafend liegt:
Von einer bessern Pfründe träumt ihm dann.
Bald fährt sie über des Soldaten Nacken:
Der träumt sofort von Niedersäbeln, träumt
Von Breschen, Hinterhalten, Damaszenern,
Von manchem klaftertiefen Ehrentrunk;
Nun trommelt’s ihm ins Ohr: da fährt er auf,
Und flucht in seinem Schreck ein paar Gebete,
Und schläft von neuem. Eben diese Mab
Verwirrt der Pferde Mähnen in der Nacht,
Und flicht in strupp’ges Haar die Weichselzöpfe,
Die, wiederum entwirrt, auf Unglück deuten.
Dies ist die Hexe, welche Mädchen drückt,
Die auf dem Rücken ruhn, und ihnen lehrt,
Als Weiber einst die Männer zu ertragen.
Dies ist sie –

William Shakespeare: Romeo and Juliet, 1596,
Act I, Scene 4, line 553ff.;
dt. August Wilhelm von Schlegel, 1891

Warum das Kapitel ausgerechnet “Mab, die Feenkönigin” heißt, hätt ich ja im Leben nicht von selbst rausgefunden. Kurzer Check: ein Übersetzungsfehler? Nein, in den restlichen Übersetzungen heißt es ähnlich, und das Original heißt “Queen Mab”. Ohne Anklang an Feen, aber na gut. Aufklärung bringt die Anmerkung in der Jendis-Übersetzung: Die Feenkönigin Mab (gälisch gern auch Medb, Meḋḃ, Medhbh, Meadhbh, Meab°, Meabh, Méabh, Maeve oder Maev, das ist: die Berauschende) bringt Träume. Die Sandfrau.

Schade eigentlich. Seit Kapitel 20: All Astir wurde in Moby-Dick keine Frau mehr gesichtet, da hätte man sich schon über die Krone der Schöpfung, eine Fee gefreut. Und dann erzählt einem nur wieder der olle Stubb seine krausen Träume, über die man womöglich, weil vor Freudischen Zeiten erlebt und dokumentiert, nicht mal allzuviel aussagen kann.

Jedenfalls ist das ein Bedenken, das Jürgen aufgebracht hat (Weblog-Eintrag folgt, wenn sich die Diskussion auf Xing darüber rentiert!), und zwar nicht ganz unbegründet.

Auch ohne freudianisches Fachwissen zu bemühen, kommt mir Stubb schon fast selbstverletzerisch vor, wie er sich einen Arschtritt schöndefiniert. Einen geträumten Tritt, dazu noch aus einem Traum, der sich aus Erlebnissen des vergangenen Tages zusammengebraut haben mag, immerhin aber kein Erlebnis aus einem Wunschtraum. Gegen den Strich gedacht, hätte Stubb sich danach erst recht gegen Ahab aufregen können; das wäre bei seinem Eifer leicht in einer Überreaktion in die andere Richtung geendet, aber nachvollziehbarer. Gut, man liest lieber von Skurrilitäten als von einem Dahinplätschern, in das man die Handlung nicht einmal groß vorantreiben müsste. Mit dem schrittweisen Zurechtdenken von der Beleidigung zur Ehrung erschreckt mich Stubb.

Irish Pound Note Queen Medb

Was steckt der Gute überhaupt so viel Denkarbeit in einen Traum? Und behelligt sogar seinen Kollegen damit? Ist das Sitte unter Raubauzen zur See, dass die ihre Träume ausdiskutieren?

Erstmals seit seiner Einführung in Kapitel 27: Ritter und Knappen erhält Flask eine Daseinsberechtigung in der Handlung: Der zweite Steuermann erzählt dem dritten seinen Traum. Kein Dienstgespräch von oben nach unten, mehr eine symmetrische, kumpelhafte Unterhaltung. Und Flask hat dabei vorerst nur zuzuhören, weiter charakterisiert wird er nicht. Vielleicht ist das an dieser Stelle sogar ganz gut: Je mehr der Zuhörer Flask im Hintergrund bleibt, desto verblüffter und sprachloser kann man ihn sich vorstellen: Was palavert mich dieser Stubb da mit seinen Träumen zu? “Weiß nicht, aber er kommt mir ein bisschen närrisch vor.” — das ist die Hauptsache, die er zu sagen hat. Recht hat er. Ein bisschen närrisch, der Traum, Stubbs Auslegung davon, und nicht zuletzt der ganze Stubb.

Soll ich mal raten? Stubb wird der erste sein, der sich freudig von Ahab alles gefallen lässt, und es als Ruhm und Ehre betrachten. Als ob das dramaturgisch noch nötig wäre, hat er gerade seinen eigenen Untergang eingesungen.

Na? Treffer, Frau Königin Medb? Wenn nicht, geb ich meinen Titel als Feenversteher zurück.

Fairy Queen Mab

Bilder: Fairy Queen Medb; Fairy Queen Mab.

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Feenmusik: Tom Waits: Watch Her Disappear aus: Alice, 2002.

Written by Wolf

8. July 2008 at 12:34 am

Posted in Steuermann Wolf

3 Responses

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  1. […] einen Kommentar » Update for And then dreams he of cutting foreign throats and Gone […]

  2. […] Reading near the canal im Pool People Reading, 8. August 2008. Sieht aus wie die Hafenmauer aus der letzthin verwendeten Feenmusik von Tom Waits: Watch Her Disappear aus Alice, 2002, stimmt’s? Possibly […]

  3. […] zu The Little Lower Layer, And then dreams he of cutting foreign throats, Die einen sagen so, die andern so und Sapir, Whorf, Bernstein, Jean Paul, Scoresby, Hakluyt, Poe, […]


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