Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

You know how curious all dreams are

with 5 comments

Merkwürdige Sache, Kapitel 31,

meint Jürgen,

Jürgen Jessebird Schmittemerkwürdig der Traum, merkwürdig auch die Tatsache, dass Stubb ihn Flask erzählt. Darauf ist Wolf ja schon eingegangen. Aber der Traum an sich ist auch nicht ohne. Zum einen enthält er viele Elemente, die man aus eigenen Träumen kennt: Da verwandeln sich Dinge so mir-nichts-dir-nichts in etwas anderes (Ahab in eine Pyramide), tauchen aus dem Nichts Gestalten auf (der merman), und am Schluss wird sogar ein bisschen geflogen: „With that, he all of a sudden seemed somehow, in some queer fashion, to swim off into the air.“ So.

Nun gibt es zwei Optionen. Entweder ist Melville ein verflucht guter Schriftsteller, der es fertig bringt, einen Traum so realistisch unrealistisch zu schildern, dass man ihn glaubt (einschließlich dieser Momente, in denen man beim Erzählen eines Traums selber merkt, dass es nicht logisch ist: „And then, presto!“ und „With that, he all of a sudden…“ und auch das entschuldigende „But what was still more curious, Flask — you know how curious all dreams are…“), oder das Kapitel verrät uns etwas über Melvilles eigene Befindlichkeit, es ist die (sicherlich etwas angepasste) Nacherzählung eines eigenen Traums.

Und das eröffnet uns dann wieder zwei Möglichkeiten, womit ich wieder bei Freud und meinen Zweifeln an ihm lande. Wenn der Traum tatsächlich „nur“ ein schriftstellerisches Produkt ist, dann, finde ich, ist eine Interpretation nach Freud fehl am Platze. Denn Melville kannte Freuds Ideen nicht, kann also auch nicht auf dessen Baukastenklötzchen zurückgegriffen haben, um Stubb den Traum zu basteln. Wenn es aber ein „echter“ Traum ist, der hier beschrieben wird, dann könnte man ihn schon tiefenpsychologisch deuten, denn auch die Träume von Menschen, die keine Ahnung von Freud haben, sollen ja – laut Freud – etwas bedeuten.

Schwierige Kiste. Wollen uns mal dran versuchen. Zuerst den Traum in leicht verdaubare Häppchen aufteilen:

1. Ahab tritt Stubb;
2. Stubb tritt zurück, dabei verliert Stubb sein Bein;
3. Ahab wird zur Pyramide;
4. Stubb denkt sich den Tritt schön;
5. Der merman tritt auf und packt Stubb;
6. Stubb droht ihm (dem merman) mit einem Tritt, der bietet sein Hinterteil dar, das voller Stacheln steckt;
7. Der merman redet den Tritt schön.

Erstmal versuchen wir uns dann an einer Traumdeutung mit freudianischen Grundkenntnissen, wie man sie halbgar in der Schule serviert bekommt und später in Nachmittags-Talkshows aufgewärmt.

Sigmund Freud geht an Bord, Berlin-Tempelhof 1930, Freud-Lacan-GesellschaftZu 1.: Stubb wird mit einem künstlichen Bein getreten, womöglich in den Allerwertesten? Ist Ahabs Prothese ein Phallussymbol? Ganz sicher! Wenn das mal keine homoerotische Tendenz erkennen lässt!
Zu 2.: Und Stubb verliert sein Bein? Das deutet doch auf Impotenz, oder?
Zu 3.: Ahab wird eine Pyramide! Bei Freud ist die „Dreizahl“ ein „mehrseitig gesichertes Symbol des männlichen Genitals“! (S. Freud, Die Traumdeutung, Ftb 6344, Frankfurt a.M.: Fischer 1977, Seite 297)*, eine Pyramide besteht aus Dreiecken, das dürfte auf die starke Männlichkeit Ahabs deuten.
Zu 4.: Ahab ist superpotent, Stubb dagegen impotent, das ist hart. Irgendwie muss er sich das schöndenken.
Zu 5.: Ein buckliger alter Mann packt Stubb an den Schultern und dreht ihn herum. Hat Stubb (oder der Träumer) vielleicht in seiner Jugend schlechte Erfahrungen gemacht mit älteren Männern?
Zu 6.: Wieder ein eindeutig homoerotisches Bild: den nackten Hintern darbieten. Allerdings weiß Stubb (oder der Träumer), dass es sich um etwas Verbotenes handelt, deshalb die abweisenden Marlspieker.
Zu 7.: Auch der Alte redet den Tritt schön: So schlimm ist es doch gar nicht, von einem Stärkeren missbraucht zu werden.

Das ist ein ziemlich finstere Sache, die man da finden kann. Missbrauch in der Jugend, durch einen älteren Erwachsenen? Aber, wie schon gesagt, es kann nicht Melvilles Intention gewesen sein, das in dieser Form in Stubbs Biographie zu schreiben, dazu fehlte ihm das Rüstzeug. Wenn man so interpretieren will, muss man davon ausgehen, dass Melville eigene Erlebnisse verarbeitet hat.

Aber: Im Leben nicht würde ich diese laienhafte Analyse auf einen echten Menschen anwenden wollen. Auf eine literarische Gestalt schon, die ist in der Regel auch übersichtlicher.

(Anm. des Bio-Checkers: Melvilles Vaterfiguren in der Prägungsphase werden, vor allem auch in der neuesten Biografie Ein Leben, als eher stärkend und wohlwollend dargestellt: harmonische, glückliche Familie in gesicherten Verhältnissen, Vater in traditioneller Ernährerrolle. Jedenfalls bis zum Verarmen der Familie, weil der Vater Büro und Wohnung in West Village Manhattan verzockt hat. Unabsichtlich bis leichtsinnig — gerade in vorfreudianischer Zeit weiß man da nie, wie traumatisch das von einem Zwölfjährigen wahrgenommen und weiterverarbeitet wird. — Zurück an Jürgen.)

Nehmen wir an, dass Melville „nur“ brillant war, dann kann man den Traum natürlich auch weniger freudianisch deuten:

Zu 1: Die Sache mit dem Tritt kommt ja schon in Kapitel 29 auf: „Maybe he did kick me, and I didn’t observe it, I was so taken aback with his brow, somehow.“ Hier verarbeitet Stubb sie weiter.
Zu 2: Stubb hat keine Chance, es Ahab mit gleicher Münze heim zu zahlen. Ahab ist schließlich der Kapitän. Den tritt man nicht.
Zu 3: Eine Pyramide ist auch ein Symbol für Macht (des Pharaos), Dauer (ist für die Ewigkeit gebaut) und – Tod (ein Grabmal). Wenn das mal kein schlechtes Zeichen ist!
Zu 4: Das mit dem Schöndenken hat Wolf schon schön ausgeführt: „wie er sich einen Arschtritt schöndefiniert.“
Zu 5: Stubb ist ja nicht so der Selber-Denken-Typ (siehe Kapitel 29: „But that’s against my principles. Think not, is my eleventh commandment“), vielleicht taucht deshalb jemand auf, der ihn lobt („’Wise Stubb,’ said he, ‘wise Stubb“) und in seinen Ideen bestärkt.
Zu 6: Soll der Alte vielleicht Stubbs Gewissen sein? Das er nicht zum Schweigen bringen kann? Da werd ich nicht so recht schlau draus…
Zu 7: Und wieder wird der Tritt „schöndefiniert“.

Sehr viel konventioneller, diese Deutung. Aber so im Zusammenhang des Romans ergibt das ganze Kapitel eigentlich wenig Sinn, oder? Als einzig nützlicher Fakt springt das raus: Erstmals wird der Weiße Wal erwähnt! Weiß denn eigentlich keiner der Besatzung, dass Ahab sein Bein an Moby Dick verloren hat?

* Dieses Freud-Zitat inklusive Quellenangabe habe ich dem wunderbar-seltsamen Buch „Der Ernst des Lesens – Beinharte Forschung zu Arno Schmidt und Consorten“ von Friedhelm Rathjen entnommen! Erschienen in der EDITION ReJOYCE, lieferbar über den Buchhandel (ISBN 3-00-020219-6) oder z.B. über booklooker direkt beim Herausgeber, da sogar auf Wunsch signiert!

Johann Zahn, Vir marinus, 1696. Wassermann, Nix

Bilder: Sigmund Freud geht an Bord, Berlin-Tempelhof 1930: A. W. Freud et al., by arrangement with Mark Paterson & Associates
via Freud-Lacan-Gesellschaft/Psycoanalytische Assoziation Berlin e.V.;
Johann Zahn, Augsburg 1696: Vir marinus episcopi specie.

Film: Capitaine Achab, Frankreich 2007.

Written by Wolf

14. July 2008 at 12:40 am

Posted in Steuermann Jürgen

5 Responses

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  1. Wieder einmal ganz fabelhaft ge(traum)deutet, recherchiert und schön geschrieben!

    BillyBudd

    14. July 2008 at 5:24 pm

  2. Da muss ich mich anschließen. Das ist hoch und tief durchdacht und dann auch noch doppelt strukturiert. Fast zu schade zum Bloggen; warum sind wir eigentlich nicht berühmt?

    Wolf

    14. July 2008 at 9:42 pm

  3. Danke für die Blumen! Aber ich dachte, wir sind berühmt? “200 Leser am Tag garantiert, an guten Tagen schon mal 300.” Wenn das nix is…

    Jessebird

    16. July 2008 at 8:00 am

  4. Ach, berühmt mit 200… Das is doch eine Auflage für Books on Demand. Sollte das hier je ein Buch werden, wäre wohl Hanser zuständig: Infotainment im Gefolge der Melville-Gesamtausgabe, und in München residieren sie auch noch. Nur der erste deutsche Clarel muss aus Österreich kommen, aber die haben uns bestimmt auch seit Abermonaten aufm Schirm, und dann will ich eine vierstellige Auflage sehn, yay!

    Wolf

    16. July 2008 at 9:54 pm

  5. […] schon 2007. Wie anders könnte er unserem title=”Jürgens Planet 9″>Jürgen 2008 schon mal aufgefallen […]


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