Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Die einen sagen so, die andern so

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Update zu Like as the waves make towards the pebbled shore
und Hallo Shakespeare, adiós Cervantes:

Die deutsche Schulbildung verschweigt, dass Shakespeare vor der immer noch üblichsten Schlegel-Tieck-Ausgabe (August Wilhelm Schlegel, Wolf von Baudissin, Ludwig Tieck und Dorothea Tieck, 3. und endgültige Auflage 1843f.) eine Übersetzung durch Christoph Martin Wieland erfuhr. Warum das so ist? Wahrscheinlich, weil Wieland selten und meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit verlegt wird.

Al Pacino as Shylock in The Merchant of Venice, 1596/2004Goethe war in erster Linie Goethefan, Shakespeare ließ er gelten. Angeblich konnte er Englisch, aber ohne Wielands Einsatz wäre selbst Goethe nicht auf Shakespeare gestoßen. 22 Dramen (keine Versepen und Sonette), die heute noch als Shakespeares wichtigste angesehen werden, gab Wieland 1763 bis 1766 in eigener Übersetzung in Zürich heraus und verursachte damit den ersten deutschen Shakespeare-Hype.

Wenn man heute mit Shakespeare malträtiert wird, dann meistens in der Schlegel-Tieck-Fassung. Bei den neueren Versuchen, am bekanntesten der von Erich Fried, der bis zu seinem Ableben immerhin 27 Stücke geschafft hat, zählt eher die Unternehmung als solche — wobei ich die neue Gesamtausgabe von Frank Günther im Cadolzburger ars vivendi nicht weniger denn bahnbrechend finde.

Schade um Wieland: 2002 hat, hihi, Zweitausendeins alle 22 Wieland-Fassungen einbändig neuaufgelegt, und siehe: Das alte Zeug liest sich um Klassen verständlicher als Schlegel & Kollegen. Ich weiß nicht, mit welcher Protektion letztere sich derart durchgesetzt haben, jedenfalls ist auch schon egal, ob man die liest oder gleich das Original, man versteht genau so wenig. Wieland ist mehr als der gelehrte Besserwissersport, nur um angeberisch daherzunäseln: “Die deutsche Schulbildung verschweigt, dass Shakespeare vor der immer noch üblichsten Schlegel-Tieck-Ausgabe (August Wilhelm Schlegel, Wolf von Baudissin, Ludwig Tieck und Dorothea Tieck, 3. und endgültige Auflage 1843f.) eine Übersetzung durch Christoph Martin Wieland erfuhr.”

Mal reinlesen? — Der Kauffmann von Venedig, Schylok spricht:

Some men there are love not a gaping pig;
Some, that are mad if they behold a cat;
And others, when the bagpipe sings i’ the nose,
Cannot contain their urine: for affection,
Mistress of passion, sways it to the mood
Of what it likes or loathes.

William Shakespeare: The Merchant of Venice, 1596.
Shylock, Act IV, Scene 1.

Es giebt Leute, die einen Abscheu vor einem gähnenden Schwein haben, andre die von Sinnen kommen, wenn sie eine Kaze sehen, andre die aus einer besondern Affection ihren Urin nicht halten können, wenn ihnen ein Dudelsak in die Nase schnarrt. Die Meister über unsre Leidenschaften können durch die Stärke der musicalischen Sympathie oder Antipathie aus uns machen was ihnen beliebt.

Übersetzung von Christoph Martin Wieland:
Der Kauffmann von Venedig, Zürich 1762 bis 1766,
Neuausgabe von Hans und Johanna Radspieler 1993.

Zum Vergleich August Wilhelm Schlegel:

Es gibt der Leute, die kein schmatzend Ferkel
Ausstehen können; manche werden toll,
Wenn sie ‘ne Katze sehn; noch andre können,
Wenn die Sackpfeife durch die Nase singt,
Vor Anreiz den Urin nicht bei sich halten;
Der Leidenschaften Meister lenken sie
Nach Lust und Abneigung.

Und das um den Preis, die Versform eingehalten zu haben, zu Deutsch: das Zeug untereinander zu schreiben? Da macht mir allemal mehr Spaß, von Wieland dazu zu erfahren:

Dieser Umstand scheint aus J. Cäsar Scaligers Exoticis Exercitationibus wider Cardani Buch de Subtilitate genommen zu seyn; einem Werke, woraus unser Autor seine meisten physicalischen Kenntnisse genommen hat, indem es damals in grossem Ansehn stund, und auch in der That vortrefflich, obgleich längst vergessen ist. In der 344. Exercit. Sect. 6 sind die Worte: Narrabo nunc tibi jocosam Sympathiam Reguli Vasconis, Equitis: Is dum viveret audito phormingis sono urinam illico facere cogebatur – – Um die Sache lächerlicher zu machen, übersezte Shakespear phorminx duch Sakpfeiffe. Wobey ich noch bemerken will, daß, so wie Scaliger das Wort Sympathiam braucht, welches er anderswo durch communem affectionem duabus rebus erklärt, unser Autor durch das Wort Affection übersezt:
     cannot contain their Urine for Affection.

Interessant nicht nur der Vergleich, wie durch die Zeichensetzung in Wielands Vorlage und der, welche der Open Source Shakespeare (besuchen Sie bloß nie wieder eine andere Online-Fassung, ich hab heut meinen Dogmatischen) benutzen, die Bedeutung verschoben wird — sondern auch die neuzeitliche Anmerkung der Herrschaften Radspieler:

Fußnote: Julius Cäsar Scaliger: Exotericarum Exercitationum liber quintus decimus de Subtilitate, ad H. Cardanum. Paris 1557. — Narrabo nunc…: Ih erzähle dir jetzt eine spaßige Neigung des Ritters Regulus Vasco: Er stand zeit seines Lebens unter dem Zwang, augenblicklich Wasser lassen zu müssen, sobald er den Klang einer Phorminx (eine Leier mit 4 Saiten) hörte. — communem…: gemeinsame (wechselseitige) Zuneigung zwischen zwei Dingen. — Affection: Zuneigung, Gewogenheit. — Die Fußnote stammt von Warburton. — Die peinliche Wirkung des Dudelsacks hat Wieland so amüsiert, daß er auch in seinen Werken auf sie zurückkommt: in dem gleichzeitig mit der Shakespeare-Übersetzung entstandenen Roman Der Sieg der Natur über Schwärmerey, oder die Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva (Ulm 1764), im 3. Buch gegen Ende des 10. Kapitels, und in der Vorrede zum 1. Band der Sammlung Dschinnistan oder auserlesene Feen- und Geister-Mährchen (Winterthur 1786).

Um auch diese Spur weiterzuverfolgen: Don Sylvio, Zehendes Capitel:

Genug, daß diese Sympathie sich eben so würklich in der Natur befindet, als die Schwere, die Anziehung, die Elasticität, oder die magnetische Kräfte, und daß man es, alles wohl überlegt, der schönen Donna Felicia eben so wenig übel nehmen kan, daß sie, von der magischen Gewalt dieses Geheimnißvollen Zugs bezwungen, sich nicht erwehren konnte, für unsern Helden etwas zu empfinden, das sie noch nie empfunden hatte, als man es einem gewissen Regulo Vasconi übel auslegen konnte, daß er, nach Scaligers Bericht, das Wasser nicht zurück halten konnte, so bald er eine Sack-Pfeiffe hörte.

Dschinnistan steht sowohl bei Gutenberg als auch in der Bücherquelle jeweils ohne Vorrede online. Ihre Hausaufgabe ist deshalb, den Wortlaut von Wielands zweiter Wiederverwertung dieser überaus nutzhaltigen Information beizubringen.

Denn das ist doch das Wissen, mit dem man mal beim Jauch protzen kann.

PS in eigener Sache:
Hier herrscht immer noch Sommergewinnspiel!

Bild: Al Pacino als Shylock in The Merchant of Venice, 1596/2004
via Sarah Harris: School falls down league tables after pupils boycott ‘anti-Semitic’ Shakespeare (“Pupils refused to take a Shakespeare test because they were offended by his play The Merchant of Venice which has been branded anti-semitic”), in: Mail Online, 29. Februar 2008.

Written by Wolf

16. July 2008 at 2:48 am

Posted in Wolfs Koje

3 Responses

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  1. […] a comment » Update zu Ahab — Held oder Schurke? und Die einen sagen so, die andern so: Stay in school and use your brain. Be a doctor, be a lawyer, carry a leather briefcase. Forget […]

  2. […] verfluchte Gier nach Gold durchmacht (auri sacra fames, wiederholt Marx kapitellang, wenn er nicht Shylock zitiert) […] ist ein Menschenführer, der die Seinen ins Verderben steuert unter dem Vorwand, er biete […]

  3. […] zu The Little Lower Layer, And then dreams he of cutting foreign throats, Die einen sagen so, die andern so und Sapir, Whorf, Bernstein, Jean Paul, Scoresby, Hakluyt, Poe, Linné und Gott (und Uma […]


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