Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Galee’e vo’aus

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Update zu Benito Cereno:

Galeeren sind eine ziemlich fitte Art, was man daran erkennt, dass sie sich in der langen Spanne ihrer Existenz kaum verändert haben. Belegt sind Galeeren seit den Assyrern und Phöniziern, also gegen 850 vor Christus, und seit den ersten Beschreibungen bei Thukydides (um 460–396 v.C.) und Polybios (um 200–120 v.C.) bis zur letzten nennenswerten Schlacht, die mit Galeeren geführt wurde, der Türkenschlacht bei Lepanto zwischen Spanien im Verbunde mit Venedig gegen die Türken am 15. Oktober 1571, hatten diese Urtiere von Schiffstyp einfach eine ungeheure Länge, kaum Masten, schon gar keine Rahen, und wenn, dann windschnittig achterwärts geneigt, und ein auffallend hohes Heck. Sprichwörtlich wendig und deshalb für Kriegseinsätze prädestiniert waren sie durch ihren menschlichen Antrieb: Typischerweise saßen an jedem Riemen vier Mann, fünfzig Riemen hintereinander, so als Baubeispiel: zweihundert Rudersklaven pro Schiff.

Zweihundert Sklaven für dreißig Mann richtige Besatung. Gerade genug, um Segel für die hohe See zu setzen und im Einsatzfall Kanonen zu bedienen, und einen halbwegs taktfesten Vortrommler natürlich. Kein Wunder, dass man die Arbeiter in extrem prekärer Anstellung, Sträflinge allesamt, sorgfältig an ihre Ducht ketten musste. Wer auf eine Galeere verbannt kam, wurde ein für alle Male angeschmiedet und erst wieder losgeschroben, wenn man ihn tot über Bord schmeißen wollte. Das hilft Gefängnisse an Land entlasten.

Wer so schwer arbeitet, muss besonders gut essen. Wer so gut isst, muss auch das Gegenteil davon. Geputzt wurde nicht viel, zum Deckschrubben wie auf anständigen Schiffen müsste man seine Sklaven von der Kette lassen, wovon man vorsichtshalber Abstand nahm, und Offiziere putzen nur bei Lust, Gelegenheit und in echten Notfällen. Es führt keine Beschönigung daran vorbei: Galeeren stinken.

Aber gut schauten sie aus. Von weitem eine Galeere zu beobachten, malt ein Bild von schönem organischen Gleichmaß, das Wasser um die Ruder spritzt und blitzt bei jedem Eintauchen hell in der Sonne (Mittelmeer!). Die römische Poesie verstand unter den “weißen Schwingen” eines Schiffes dessen Riemen in kraftvoller Bewegung. Eine Möwe im Flug mit der selbstverständlichen Grazie eines Tausendfüßlers. Es führt keine Sozialkritik daran vorbei: Galeeren sind schön.

DSL-betrieben über Leute an Supermarktkassen mokieren, die sich nicht ganz so ansehnlich gewanden, wie man das als gutaussehender, moderner, kritischer Blogger, der sich doch so leicht fremdschämt — eine der würdelosesten Bloggersitten –, erwarten kann, und dabei heißen Kaffee saufen, den man nicht selbst gezüchtet hat: Schämen muss man sich, und zwar für sich alleine. Man kann überhaupt kein zu grelles und zu düsteres Bild davon malen, was die Menschen sich gegenseitig für eine Hölle schüren.

Fakten nach Cecil Scott Forester: Mr. Midshipman Hornblower, 1950; Wikipedia;
das Bild via Deutsches Asterix Archiv rechts zu zweitoberst aus Albert Uderzo, René Goscinny: Astérix en Corse, 1975, mit Link zu Wilhelm Raabe: Die schwarze Galeere, auf dem der schwarze Pirat im Ausguck “Galee’e vo’aus” ruft, wurde wegen sprichwörtlicher Nickeligkeit der Éditions Albert René vorauseilend verworfen, ich bitte also selbst dahin zu surfen;
Filme: Ben Hur, 1925; Ben Hur, 1959.

PS: Das Sommergewinnspiel geht noch bis 31. Juli!

Written by Wolf

26. July 2008 at 12:01 am

Posted in Meeresgrund

2 Responses

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  1. Mehr als gruselig!

    Den Zusammenhang zwischen Galeeren und dem letzten Absatz ist mir allerdings noch etwas schleierhaft. Sollen Blogger sich weniger fremdschämen als lieber froh sein, dass sie nicht unter Deck einer Galeere an Duchten gekettet mit anderen Bloggern und auch merkwürdig angezogenen Kassierer/innen bis zum Tode rudern müssen?

    BillyBudd

    26. July 2008 at 12:47 pm

  2. Der letzte Absatz war zugegeben ein etwas emotionaler Spontanzusatz — aus dem Schrecken heraus, wie lange wie viele Gesellschaften wie brutale Praktiken wie selbstverständlich durchhalten können; deine herausgefundene Richtung stimmt also. Um stringent zu bleiben, sollte ich aus dem Absatz tatsächlich nur den allerletzten Satz stehen lassen.

    Wolf

    26. July 2008 at 12:52 pm


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