Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Weibergeburtstag

with 5 comments

Update zu (All together now:) Heathcliff!!:

Dramatis personae:
Emily Jane Brontë (* 30. Juli 1818; † 19. Dezember 1848);
Catherine “Kate” Bush (* 30. Juli 1958).

Ein Landhaus in Haworth, West Yorkshire, Nordengland. Trübes Juliwetter. Kate Bush nähert sich bergauf von der einzigen Bushaltestelle weit und breit.

Kate Bush (klingelt)

Emily Brontë (von innen): Sekündchen, meine Liebe!

Kate Bush: Lass dir ruhig Zeit, ich bin ja noch jung.

Emily Brontë (öffnet die Tür): Das war nicht sehr einfühlsam. Aber du bist ganz die Alte. Tritt ein.

Kate Bush: Alles Gute zum Einhundertneunzigsten, Emily.

Emily Brontë Alles erdenklich Gute zum fünfzigsten Geburtstag auch dir, Catherine. (Die Damen umarmen einander lange und herzlich.)

Kate Bush: Bah, was habt ihr bloß für ein Scheißwetter hier oben.

Emily Brontë Catherine. Immerhin achten wir auf unsere Ausdrucksweise. — Aber genug davon. Du möchtest sicher eine Erfrischung zu dir nehmen. (Sie führt Kate durch einige Zimmer in einen schlichten Salon.) Wie ist das Leben bei euch in der Hauptstadt?

Kate Bush: Du kommst immer noch nicht viel raus, stimmt’s?

Emily Brontë: Oh, du weißt… Das Klima, das euch anderen stets so zuwider war, ist das einzige mir zuträgliche. Wie steht die Welt zu dir und deinem mir so teuren Schaffen?

Kate Bush: Ach, alles halb so wild. Man lebt. Meine Fans treff ich eigentlich nur noch auf Myspace. Dich kennen die Leute fast noch besser, ab und zu wirst du mal verfilmt…

Emily Brontë: … was mir, wie du weißt, eine mitunter dem Wandel unterworfene Ehre war…

Kate Bush: Dann warte mal heute in zehn Jahren ab, wenn du zweihundert wirst.

Emily Brontë: Wir werden es erleben, meine Teure. Wir werden es erleben. — Tee?

Kate Bush: Hast du ein Likörchen?

Emily Brontë: Wie ich sagte, ganz die Alte. Pfefferminzlikör? Selbst angesetzt?

Kate Bush: Himmel, ihr Südschotten. Gut, dass ich an die Versorgung in eurem strukturschwachen Landstrich gedacht hab. (Sie wühlt in ihrem Rucksack und fördert eine Flasche amerikanischen Whisky zutage.)

Emily Brontë (untersucht das Etikett): Ein Tröpfchen aus den Kolonien? Wenn das der Papa, der Herr Landpfarrer, noch erleben müsste…

Kate Bush: Emily, der Herr ist vor 147 Jahren gestorben. Werd erwachsen.

Emily Brontë: Du magst Recht haben. Es mag daher rühren, dass er uns Geschwister alle um so viele Jahre überlebt hat.

Kate Bush (hat sich einiger Schnapsgläser aus der Vitrine bemächtigt und gießt zwei vierstöckige Whisky ein): Schon klar, Emily. Ihr habt’s nicht leicht gehabt und dann hast du mit 30 den Griffel hingelegt. Was auch niemand mehr als ich bedauert, ich hätte so gern noch mehr von dir gelesen. Da, prost. (Beide nippen an ihrem Whisky.)

Emily Brontë: Ein feines Stöffchen, Catherine.

Kate Bush: Nicht wahr?

Emily Brontë: Nun, die üblichen Vorurteile außen vor gelassen… ist auch dieser Branntwein eine von Gottes Gaben.

Kate Bush: (füllt beider Gläser in ihren Händen auf): Sag ich doch dauernd. Prost, Emily.

Emily Brontë: Zur Gesundheit und Gottes Segen, meine Liebe.

Kate Bush: (kippt den Whisky): Nicht zu fassen, dass wir zwei Hübschen das gleiche Sternzeichen haben, gell?

Emily Brontë: Oh, Tierkreiszeichen. Ich hätte es niemals bemerkt, hättest du mich nicht darauf gestoßen. Wir hängen hier keinen heidnischen Bräuchen an.

Kate Bush: “Heidnische Bräuche”! Siehst du, genau das mein ich.

Emily Brontë: Obschon ich dich heute noch nicht genug für deine Vertonung meines bescheidenen Romans…

Kate Bush: “Bescheiden”! Emily, jetzt reicht’s. Dein Wuthering Heights ist ein verdammtes Weltwunder, und du weißt es!

Emily Brontë: Ich danke dir, Catherine. Ich weiß, dass sich hinter deiner Gossensprache die aufrichtigste Anerkennung verbirgt.

Kate Bush: Worauf du aber einen lassen kannst. Deswegen bist du auch die einzige, die Catherine zu mir sagen darf.

Emily Brontë: Ist das nicht dein Taufname?

Kate Bush: Sicher ist er das. Und jetzt ruf mal Tori Amos bei ihrem Taufnamen Myra Ellen — aber bitte nur, wenn ich nicht dabei bin. Die kann sehr unwirsch werden.

Emily Brontë (nippt von ihrem Whisky und verzieht säuerlich die Miene): Tori Amos, Tori Amos… Das ist doch…

Kate Bush: Die Nordkarolinerin, die mich dauernd nachmacht. Aber sehr begabt, die junge Frau.

Emily Brontë: Ein aufstrebendes Talent? Wie jung mag sie sein?

Kate Bush: Wird im August 45, am Zweiundzwanzigsten. Aufstrebend ist gut. Hat’s schnell zur Legende gebracht. Bis zu ihrer vierten Platte mindestens hör ich andauernd mich selbst raus, aber sie hat was.

Emily Brontë: Doch nicht etwa diese… Madonna?

Kate Bush: Um Himmels willen, kein Vergleich. Die wird jetzt auch gleich 50, am Sechzehnten. Weiß noch nicht, ob ich die auch besuche.

Emily Brontë: Ich höre mit Wohlwollen, wie wählerisch du in deinem Umgang bist, Catherine.

Kate Bush: Lass die Bescheidenheit. So jung kommen wir nicht mehr zusammen. Prost Hundertneunzig! (Sie füllt erneut die Whiskygläser nach, sie stoßen klingend an und kippen beherzt.)

Emily Brontë: Man kann sich an dein geistiges Getränk gewöhnen, du Gute. Woraus ist es gebrannt?

Kate Bush: Das ist Bourbon, der ist aus Mais. Wie Popcorn. Nicht wie unserer aus Korn, wie das Brot.

Emily Brontë: Catherine, es freut mein Herz, wie du das deinige an die ewigen Werte hängst.

Kate Bush: War daran ein Zweifel?

Emily Brontë: Kein wirklicher, liebste Freundin. Auch ich habe stets geeifert, an den wahren Dingen dieser und jener anderen Welt festzuhalten, als ich auf dem Kontinent zu Brüssel weilen… musste.

Kate Bush: Jener anderen Welt? Du meinst jetzt aber nicht deine Fantasywelten, wie haben sie geheißen… Angria und Gondal und die anderen?

Emily Brontë: Nicht doch. Das waren Geistesübungen für die Poesie, die vornehmlich unsere Schwester Charlotte vorantrieb.

Kate Bush: Naja, was ich so von deinen Gedichten her kenne, hat dich das noch ziemlich lange nicht losgelassen.

Emily Brontë: Du hast sie gelesen? Die Menschen lesen sie noch? Meine Gedichte sind noch in der Welt?

Kate Bush: Darf ich dich daran erinnern, Emily, dass du mit der Komponistin deines Romans redest?

Emily Brontë: Bei all meinem höchsten Respekt vor dieser deiner Arbeit, Catherine, bin ich doch genügend informiert, um zu wissen, dass du deine Ballade nicht nach meinem Roman gedichtet hast.

Kate Bush: Aber die 1970er Verfilmung war schon okay. Vor allem der Showdown.

Emily Brontë: Vor Zeiten wurde mir wohl einmal das Privileg zuteil, ihn zu betrachten. Man vergisst so leicht. Komm du einst in mein Alter und du wirst verstehen.

Kate Bush: Emily, für mich und die anderen paar Millionen wirst du immer 30 bleiben. Euch viktorianische Leichen versteh ich sowieso besser, als du glaubst. Wahrscheinlich bin ich sogar eine von euch.

Emily Brontë: (nippt erneut an ihrem Whisky; kichernd): Und das ist es wahrscheinlich, was dich halbwegs erträglich macht.

Kate Bush: Hey, das wäre mein Spruch gewesen!

Emily Brontë: Siehst du?

Sie stoßen an und beginnen sich zu verplaudern. Die besondere Schwierigkeit bei der Darstellung in diesem Stück besteht in dieser nicht unter anderthalbstündigen Kadenz, in der die Schauspielerinnen sich in ihre Rollen gefunden haben müssen, um unter fortgesetztem Einfluss von Jack Daniel’s möglichst brillante Improvisationen auszubreiten. ———

Viel später:

Kate Bush (mit unsicherer Zunge): Emmyschwester, du nimmst es mir nicht übel, aber ich muss weiter.

Emily Brontë: Wo wir uns gerade inmitten des gedeihlichsten Austauschs befinden? Wohin, meine liebste Freundin Catherine?

Kate Bush: Arnold Schwarzenegger wird 61.

Emily Brontë (mit überraschend sicherer Zunge): Dann musst du ihm allenfalls in neun Jahren deine Aufwartung erneuern, wenn sein Lebensalter sich zum nächsten Male ründet.

Kate Bush: Du hast Recht, Emily. Verdammich, wie Recht du hast. Du hast sooooo Recht. Du hast immer Recht gehabt.

Emily Brontë: Ich weiß, Cathy. Ich weiß. — Zur Gesundheit.

Sie haben eine neue Flasche. Emily schenkt nach. Sie stoßen an und kippen synchron. Der Wind der rauen Hochheidelandschaft pfeift über den Friedhof um das Landpfarrhaus. In einem herrischen Aufheulen zwingt er einen Trupp Brontë-Touristen in Anoraks, sich zu der gottverlassenen Bushaltestelle zurückzuwenden, von der sie gekommen sind. Vorhang.

Lied: The Ukulele Orchestra of Great Britain:
Wuthering Heights aus: Top Notch, 2006.

Nutz- und Feierlink: Happy 190th, Emily!
im immer und rundum empfohlenen BrontëBlog, 30. Juli 2008.

Written by Wolf

30. July 2008 at 12:01 am

Posted in Mundschenk Wolf

5 Responses

Subscribe to comments with RSS.

  1. Wuuunderbar! Ich war ja nach der Ankündigung auf Xing sehr gespannt, wie man Kate Bush & Emily Brontë in einen Post kriegt. Sauber! Atmosphärisch gelungen. Und die Auswahl des Videos könnte besser nicht sein!

    Jessebird

    30. July 2008 at 7:09 am

  2. Wegen dem Video hätt ich noch die Live-Version überlegt, das machen die so schön übermütig wie die jungen Hunde… — :

    http://de.youtube.com/watch?v=NSed1K-QNMc

    Wolf

    30. July 2008 at 3:45 pm

  3. Man könnte zum Fan der Ukulele werden. Ganz schön schräg. Auch ihre Version von “Should I Stay Or Should I Go” hat was. Danke für den Tipp!

    Jessebird

    31. July 2008 at 10:09 pm

  4. Hach ja und: das ist schön “You know why they call it ‘Modern Jazz’, don’t you?” – “Because the word ‘crap’ was already taken!”

    Jessebird

    31. July 2008 at 10:11 pm

  5. Da gibt’s anscheinend eine Live-DVD “Anarchy in the Ukulele” — wenn Lou Reed das geahnt hätte *gnicker*

    Wolf

    31. July 2008 at 11:45 pm


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: