Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

This whole book is but a draught – nay, but the draught of a draught.

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Auch Sascha, der stolze Gewinner im Sommergewinnspiel auf Moby-Dick™, der den Redburn so gut wie den Wealth of Nations kennt, hat Kapitel 32: Cetologie gelesen und nutzt seinen Gewinn dazu, sich in die Kapitelbesprechungen einzureihen. Das macht er gut! Solche Leser brauchen wir, one, two:

Ich bin ganz Jürgens Meinung, ich möchte allerdings noch eine weitere Dimension des Kapitels ansprechen.

Sascha Zivkovic in VenedigIch habe, wie Jürgen auch, Nachforschungen in der Walkunde betrieben und ich stimme ihm zu, wenn er sagt, dass die Melvillsche Klassifikation für die damalige Zeit doch relativ brauchbar und bemerkenswert war. Als Buchhändler hätte Jürgen aber auch die erwähnten Buchklassifikationen Folio, Oktav, Duodez weiter verfolgen sollen ;), denn:

Melville (der Ich-Erzähler Ishmael ist hier, wie oft auch anderswo im Buch einfach abwesend) klassifiziert die Wale nach ihrer Größe, beginnend mit dem Pottwal (sperm whale), welchen er damals für den größten der Wale hielt. Für diese Taxonomie verwendet er die Klassifikationsbezeichnung von Buchformaten (Folio, Oktav, Duodez), absteigend von den großformatigen zu den kleinformatigen Buchseiten bzw. -größen. Wale sind hier also wie Bücher anzusehen!

Irgendwie ist (das Buch) Moby-Dick ja auch ein Wal: “A book of a whale and a whale of a book.” Dazu passt es ganz wunderschön, dass Melville in einem Brief an seinen Verleger Evert A. Duyckinck im Jahre 1849 über den Schriftsteller und Philosophen Ralph Waldo Emerson schrieb:

I love all men who dive. Any fish can swim near the surface, but it takes a great whale to go down stairs five miles or more; & if he don’t attain the bottom, why, all the lead in Galena can’t fashion the plummet that will.

Herman Melville: To Evert A. Duynckinck, 3 March 1849,
in: Correspondence, ed. Lynn Horth
(Evanston: Northwestern UP, 1993) 121.

Mit diesem Zitat wird die Analogie zwischen (Ab-)Tauchen in die Tiefe des Meeres und (Ein-)Tauchen in das gesammelte Wissen der Welt hergestellt, das metaphysische Schwimmen durch Bibliotheken findet seine physische Entsprechung im Abtauchen der Wale.

„I have swam through libraries and sailed through oceans.“ Wale schwimmen durch das Meer, Bücherwürmer schwimmen durch Bibliotheken, und, falls sie so ein Pfundskerl wie Melville waren, gingen sie auch noch vor dem Mast zur See.

Wie das wohl aussähe, wenn man durch eine Bibliothek schwämme? So wie in diesem Portishead-Video vielleicht?

Abtauchen wird im Kapitel Cetology gleichgesetzt mit der Suche nach Wissen und Erkenntnis und damit auch nach deren Sinnzuschreibungen. Der Wal ist der Meister des Abtauchens und seine Entsprechung zu Land sind diejenigen, die sich in gedanklichen Tiefen das Hirn über die Welt zermartern, so wie es Melville oft tat.

Melville sagt über seine Klassifikation in Cetology, was auch für jegliches Wissenskompendium gilt:

I promise nothing complete; because any human thing supposed to be complete, must for that very reason infallibly be faulty.

Hier werden in gewisser Weise Einsichten vorweggenommen, wonach Bedeutung und Wissen nicht letztgültig “festgeschrieben” und fixiert werden können. Später im Roman versucht Ahab, den weißen Wal in seiner Interpretation als böses Monster festzuschreiben und überlebt seinen Versuch nicht.

Melville bzw. Ishmael ist da weiser als Ahab und lässt Bescheidenheit bei seinem Klassifikationsversuch und bei seinem Werk als Ganzem walten:

God keep me from ever completing anything. This whole book is but a draught – nay, but the draught of a draught. Oh, Time, Strength, Cash, and Patience!

Alles in allem denke ich also, dass es in Kapitel 32 weniger darum geht, den Leser mit dem sperm whale/Pottwal, der später auftaucht, vertraut zu machen. Vielmehr geht es um epistemologische Fragen: Wie sammelt man Wissen? Und wie kann man daraus Struktur und Erkenntnis gewinnen, bzw. letztendlich Sinn erzeugen? Wie der Wal wirklich aussieht, wie groß er ist, ob er Zähne oder Barten hat, ist doch absolut egal für den Roman und für den monomanischen Ahab. Entscheidend ist, was man auf diese große weiße Leinwand von Rücken eines Moby Dick projiziert. Mehr dazu blüht uns in Kapitel 42: The Whiteness of the Whale.

Und an dieser Stelle möchte ich mich für das Sommergewinnspiel bedanken und für die Chance, auf diesem wunderbaren Blog meine evtl. größte Leserschaft jemals zu erreichen. Meine Magisterarbeit wollte keine Sau lesen ;)

An die P.E.Q.U.O.D.-Crew: Weiter so, nicht einschlafen, nicht entmutigen lassen. In White-Jacket schrieb Melville:

Among our people we have gallant fore, main, and mizzen top-men aloft, who, well treated or ill, still trim our craft to the blast.

Ihr seid die Top-Men der aktiven MD-Jünger, also keep afloat!

Ich für meinen Teil bleibe Euch treu bis Kapitel 135 (bzw. bis zum Epilog). Grüße vom dankbaren Gastbeitragslieferanten Sascha.

Bild: Sascha Zivkovic;
Soundtrack: Portishead: Only You, aus: Portishead, 1997.

Written by Wolf

3. August 2008 at 12:01 am

Posted in Steuer

2 Responses

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  1. […] das ich wenigstens endlich mal zusammensetzen könnte. Einer hat sich darum gerissen, uns einen Gastbeitrag zu schreiben. Was die Menschen mir mitteilen wollten, hatte immer mit Literatur, Musik, Seefahrt, […]

  2. […] gedrängelt, als Lohn um seiner selbst willen einen Eintrag beizusteuern: Das war der Kollege Sascha Zivkovic, und er hat seine Sache sehr ordentlich gemacht, dass sich niemand genieren musste. Hätte er noch […]


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