Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Sapir, Whorf, Bernstein, Jean Paul, Scoresby, Hakluyt, Poe, Linné und Gott (und Uma Thurman)

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Wolf hat Kapitel 32: Cetologie gelesen:

Rockwell Kent, Chapter XXXII, Cetology. Many are the men, small and great, old and new, landsmen and seamen, who have at large or in little, written of the whale. Plattsburgh State Art Museum

Ab hier ist Pottwal. Form follows function nicht — sie geht ihr voraus, um sie zu stiften, deswegen haben wir es auch nicht mit Gebrauchsdesign zu tun, sondern mit Kunst. Und was für welcher: Lies das deiner siebenjährigen Tochter als Gutenachtgeschichte vor, und sie schwimmt den Rest der Nacht in Tränen, und zwar nicht aus Angst vor dem Moby, sondern vor dem Melville.

Übertrieben? Von mir aus. Bei meinem Moby-Dick-Erstversuch als nicht Sieben-, aber so um Vierzehnjähriger muss mich diese Cetologie ziemlich mitgenommen haben. Natürlich hab ich heimlich gelesen, nachts, nachdem der elterliche Fernseher verstummt war, und dann sowas. Eine lang und breit angekündigte Systematik der Meeresungetüme — auf wissenschaftliche Art — die Viecher gab’s also wirklich! Mit abseitigen Fremdwörtern belegt, mit abstrusen Attributen ausgestattet (ein Wal mit einem Horn auf der Nase, mit dem er vielleicht ich weiß nicht was angreift und aufspießt, vielleicht auch “nur” den Meeresgrund nach Nahrung umpflügt oder Polareis aufbricht!), in eine Ordnung unterteilt wie der Bestand einer Bibliothek, von der man nur noch nichts geahnt hatte! Ein geradezu abgeschlossenes Werk zur Meeresbiologie mitten in einen Roman geflickt, ohne Handlung, aber spannender als der traurige Rest der gesamten (mir) bis dahin bekannten Weltliteratur, ein Rätselwerk, ein Unding — ja, darf der das?

Man liest nie wieder so verständig und so durstig wie mit vierzehn, dass ich am nächsten Tag in die Schule musste, focht mich wenig an. Meine Lehrer konnten mir in der folgenden Woche wohl nicht viel Neues beibringen. Ich hatte vorerst genug gelernt, nämlich dass man, um sich einprägsam zu äußern, aus vorgegebenen Rahmen ausbüchsen muss. Ohne es schon so formulieren zu können, wusste ich um die Kunst, die Regeln bricht und Erwartungen enttäuscht. Das war nahe an der Revolution.

Die Vorbildreihe geht: So ziemlich alle Schreiber orientieren sich an Poe, der hat das meiste Moderne an der Literatur erfunden, eingeführt, ausgebaut, definiert. Poe, man staune, orientierte sich an E.T.A. Hoffmann, doch, wirklich, es gab englische Übersetzungen, und sie waren in Amerika zugänglich. Hoffmann wiederum hielt viel von Jean Paul, auch so ein ungebärdiger Treibauf von Stilist. Und der hatte sich dauerhaft in Laurence Sterne verguckt, vor allem in eins der ungebärdigsten Bücher überhaupt, den Tristram Shandy. Damit führt die Reihe zurück in die Anglistik, das Faszinierende an ihr ist ja schon, dass sie überhaupt zwei Glieder lang in der Germanistik war. Poe, Hoffmann, Jean Paul, Sterne. Allesamt Hausheilige von mir, allesamt kein obligatorischer Schulstoff, sondern auf dem Zweig der Literaturgeschichte, der ins Vergessen wippt und kippt.

Jean Paul, ziemlich weit oben in der Vorbildreihe für einen, den Reich-Ranicki heute ausdrücklich aus dem deutschen Literaturkanon ausnimmt, hat es nicht zu einem so langlebigen — sagen wir ruhig dieses eine Mal: Kultbuch wie Moby-Dick gebracht. Nicht vergessen wie Melville hat er seine Karriere durch Ableben beendet, sondern als Bestsellerproduzent, nur leicht belächelt für seine schmalzigen Stellen. Gut, seine Backsteine neigen zum Melodram, aber nicht in der Hauptsache. Mich erinnern sie sogar an Moby-Dick in ihrer fröhlich vorsätzlichen Missachtung aller Romantheorien, und da natürlich vor allem an diese Zumutung von retardierendem Moment in Kapitel 32. Alles voller freier Assoziationen aus einer angelesenen und zusammengelebten, aber enzyklopädischen Bildung, das einzige, was keine Sau interessiert, ist die Grenze zwischen Gaudium und Wissenschaft. Dann noch Jean Pauls gesucht schrullige Romanunterteilungen in “Sektoren“, “Hundsposttage” oder “Jobelperioden“, daneben Melvilles Begründung der Cetologie anhand bücherförmiger Wale, die sich zum Wal qualifizieren, indem sie blasen und einen querstehenden Schwanz haben, nicht aber in Flussmündungen wohnen — überhaupt die Parallelen von allem und jedem zu staubschichtiger Stubengelahrtheit unter lauter alten Büchern, angefangen von Jean Pauls Erstling Schulmeisterlein Wutz neben Melvilles Moby-Dick-Prolog mit dem “blassen Hilfsschulmeister” und dem BUCH II (Oktavo), Kapitel III (Narwal, das heißt: Nasenwal), der mit seinem Horn wahrscheinlich Flugschriften falzt — da fällt doch nicht nur mir was auf?

Der Walbulle im Karpfenteich der Romanliteratur, sagt Daniel Göske zu Anfang seines Nachworts, und welche Stelle sollte ein Buch wohl wirksamer dazu qualifizieren als diese seemännische Cetologie, Jean Paul kriegen wir bestimmt später noch mal.

Wer erzählt uns das alles? Ismael natürlich, den Großmacht Herman Melville vor sich herschiebt. Jürgen hat dazu zielsicher den aufschlussreichsten Satz aus dem Kapitel gefischt: “I have swam through libraries and sailed through oceans” — was übrigens beim Ehepaar Seiffert 1956 heißt: “Doch ich habe in der Weisheit der Bibliotheken gebadet und bin auf Ozeanen gesegelt, ich habe Wale unter meinen Menschenhänden gespürt”. Gar keine so schlechte Lösung. Hier ist Ismael in besonderem Maße Melvilles alter ego: noch mehr als ein Schreiber, der schon mal auf einem Schiff war, der Seemann, der sich mit Büchern auskennt. Und er schreibt es offensichtlich rückblickend: “Ich habe mit diesen Händen Wale berührt”, sagt er, dabei fährt Ismael erklärtermaßen zum ersten Mal auf Wale aus, wie er im Vorstellungsgespräch bei der Anheuer angibt. Also kein Regiefehler, sondern nur logisch.

Was erzählt er noch? Die Versuchung ist enorm, an dieser Stelle eine Liste zu eröffnen, die Melville, Jean Paul, Linné und die Penny Cyclopedia auf einmal imitiert, persifliert, paraphrasiert und ausnutzt; leider sind wir hier ein Weblog für ökonomisch denkende Schüler im Englisch-Leistungskurs (hausaufgabe.de kostet, glaub ich), die einem das hinterher wieder nicht lesen. Also noch als Schnellsegeltörn über einen der tiefsten Gräben im Ozean Moby-Dick ein paar Auffälligkeiten, die nicht gleich in der nächstbesten Online-Lernhilfe stehen:

Wale sind bei Melville noch Fische, wozu er sich auf den biblischen Jonas beruft, auch wenn er diese Einteilung schon als “altmodisch” erkennt. Ismaels gehaltvollster Beitrag zu einer weiter zu errichtenden Cetologie, ein Wal sei a spouting fish with a horizontal tail, ist so wahr wie fiktionale Literatur eben ist: Er stimmt, auch wenn er von den Realitäten außerhalb des Werks abweicht — es heißt ja auch in der Fachliteratur wie in der Bellestristik whale fishery, ätsch. Friss es oder lies William Scoresby und versuche wenigstens darin Melville zu gleichen.

Übersetzungshaken in der weiteren Systematik: A walrus spouts much like a whale, but the walrus is not a fish, because he is amphibious heißt bei Jendis: “Ein Walroß bläst ungefähr wie ein Wal, aber das Walroß ist kein Fisch, weil es amphibisch lebt.” Es lebt, das Walroß, es tut also etwas, statt etwas zu sein. Mag sein, dass ich diesen Unterschied überbewerte, aber Rathjen meint, näher an Melville: “weil es amphibisch ist”. Auch wenn Jendis soweit löblicherweise ein Vollverb vor einem Hilfsverb bevorzugt, schreit gerade bei diesem kleinen feinen alltagsphilosphischen Unterschied ein leiser Schmerz in mir auf: A Walross’s gotta do what a Walross’s gotta do, aber erst sein Sein bestimmt sein Bewusstsein.

Übersetzungshaken in der abgrenzenden Systematik: Das “nosy” Volk der Schweins- und Saufische ist bei Jendis verächtlich, weil es “aufdringlich” ist, bei Rathjen “großnasig”, Leo kennt “neugierig” und “naseweis”. Schön, dass Herrn Jendis beim Überarbeiten von Rathjens Vorarbeit die übertragene Bedeutung aufgefallen ist; andererseits: Wie aufdringlich sind Wale? [Und sind cloistered old authors eher “weltabgewandte Schreiber” (Jendis) oder “Klosterautoren” (Rathjen)?]

Übersetzungsschönheit: Lebensspendender Saft heißt im Original quickening humor. Wenn man das mal als Kalauer verwenden kann, soll mich bitte jemand diskret schubsen.

Noch eine Schönheit: Jendis’ “alte Frakturschwarte” und Rathjens “alte Fraktur” umschreiben sich im Original: “Black Letter tells me […]“. Ist das nicht einfach wunderschön? Binnentextueller Bezug: Ismael erwähnt hier seit Kapitel 2 zum ersten Mal den old writer–of whose works I possess the only copy extant wieder. Hinter die angedeutete Ferkelei, die Ismael hier im Abschnitt über den ach so bücheraffinen Narwal um Richard Hakluyt und Queen Bess strickt, kommen die ökonomisch denkenden Schüler schon selber, verwenden können sie die sowieso nicht.

Ebenfalls der Narwal ist es, der mit seiner Finne an eine Sonnenuhr erinnert. Natürlich nicht an eine statische, die ein für allemal ausgerichtet die Uhrzeit kund tut, sondern wie Wale so sind, mobil, agil, vital. Eben wie die Sonnenuhr des Ahas, die Göske in seiner Anmerkung als “erratisch” einstuft. Hier hab ich den Einwand, dass diese biblische Erscheinung nicht beliebig auftauchte, sondern auf göttliche Einwirkung aus wichtigem Anlass. Gerade weil Göske noch dazuerklärt, dass Melville die betreffende Stelle — Jesaja 38,8 — in seiner Bibel markiert hat, scheint mir das wichtig. Also: Narwal schwimmt nicht tirili um und um, sondern laviert nach göttlichem Geheiß.

Melville selbst scheint sich anfangs nicht recht einig, was er da überhaupt anzettelt. Seine lange Vorrede zu seiner Systematik steckt voller Rechtfertigungen, dem Seemann ist selbst nicht ganz geheuer, wie er sich da in eine noch nicht mal anerkannte Wissenschaft vorwagt. Erst am Schluss von Buch I, Kapitel III über den Finnwal fasst er sich ein Herz und findet seine Begründung, warum man Wale nach Buchformaten ordnen soll:

What then remains? nothing but to take hold of the whales bodily, in their entire liberal volume, and boldly sort them that way. And this is the Bibliographical system here adopted; and it is the only one that can possibly succeed, for it alone is practicable. To proceed.

einseitig.infoDas war ihm ein Bedürfnis. Ab sofort läuft’s auch hörbar unbekümmerter aus der Feder mit den folgenden Erkenntnissen.

Man versteht ihn durchaus: Im Nachhinein fällt die Vorstellung schwer, dass eine bestehende Wissenschaft, die seitdem zumindest teilweise in die Allgemeinbildung eingegangen ist, irgendwann schlicht nicht existiert haben soll. Irgendwo müssen die Grundlagen dazu ja dermaleinst hergekommen sein. Im Anfang war man auf Beobachtung angewiesen, auf das unermüdliche Sammeln dessen, was vorhanden ist. Diese ganze Empirie, die in den grandiosen Positivismus des wissenschaftslastigen 19. Jahrhunderts mündete, ist überhaupt nicht überschätzbar und hat mich immer ehrfurchtsstarr an Newtons (und anderer) “Schultern von Riesen” erinnert. Da ist der seemännische Stolz berechtigt, den Ismael-Melville in Kapitel 24 nur halb ironisch vor uns ausbreitet: Wer hat denn unter Einsatz von Leben, Existenz und gutem Ruf all die Wale zuerst gesichtet, die man zu Hause den biologischen Kapazitäten in der geheizten Stube vorlegen musste — in welcher Form außer von Seemannsgarn auch immer, wenn man sie nicht einmal mit der Handykamera dokumentieren konnte — wenn nicht gottesfürchtige, unterbezahlte, salzwassertropfende Walfänger? Und dann geht’s los mit Klassifizieren…

Überhaupt: Wie übersetzt man das? Melvilles Text ist auf Englisch entstanden, schon all die Walnamen in diesem einzigen Kapitel lauten bei Jendis und Rathjen recht unterschiedlich: Huzza Porpoise ist “Heißajuchhe-Tümmler” ist “Hurra-Tümmler” ist gemeiner Tümmler ist wahrscheinlich Großer Tümmler — dabei sind das noch die zwei Übersetzungen, die miteinander in Bezug stehen. Worauf man dann erst bei einem Vergleich aller bisherigen Übersetzungen stieße, kann man sich ungefähr vorstellen. In welchem Wörterbuch schlägt man das nach, und woher weiß man, unter welchem Buchstaben? P wie Pottwal oder K wie Kaschelot? Und wenn man sich entschieden hat, hatte dann der Lexikograf die gleiche Tierart vor Augen? Welche Delfinunterart ist schon ein Flusswal, ab welchem Gelbstich ist ein Blauton schon ein Grün? Und wenn einer das anders sieht, ist er dann dümmer als der andere?

Mein Moby-Arbeitsexemplar spickt und starrt in diesem Kapitel vor Bleistiftanmerkungen wie bisher in keinem anderen; fertig wird man damit noch lange nicht, den Rest schenk ich meinen Nachrednern. God keep me from ever completing anything.

Rockwell Kent, Illustration for Chapter XXXII, Cetology. End. Plattsburgh State Art Museum

Alle noch wach? Dann möchte ich jetzt zur Belohnung mit denjenigen meiner Leser, die bis hier durchgehalten haben, meinen Ohrwurm der Woche teilen: Girl, You’ll Be a Woman Soon, eins von Neil Diamond aus Just for You 1967, 1994 von Urge Overkill für Pulp Fiction wiederbelebt.

Bilder: Rockwell Kent: Chapter XXXII: Cetology, by Lakeside Press of Moby Dick;
Michael Stolzke: Wa(h)lverwandtschaften — Einseitig und Moby Dick, 26. Juli 2006.

Written by Wolf

26. August 2008 at 2:48 am

Posted in Steuermann Wolf

4 Responses

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  1. Grossartig! Ehrfurchtsvoll neige ich mein Haupt – und werde das noch zweidreimal lesen…

    Jessebird

    26. August 2008 at 7:45 pm

  2. Ojabittedrum. Die ersten Änderungen sind schon drin…

    Wolf

    26. August 2008 at 10:35 pm

  3. Wahnsinn ist das – puh! Schließe mich Jessebirds Lob an und werde ebenfalls nochmal lesen – müssen und wollen.

    Top!

    BillyBudd

    27. August 2008 at 7:51 pm

  4. […] Update zu The Little Lower Layer, And then dreams he of cutting foreign throats, Die einen sagen so, die andern so und Sapir, Whorf, Bernstein, Jean Paul, Scoresby, Hakluyt, Poe, Linné und Gott (und Uma Thurman): […]


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