Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

If You Miss Me on the Harbour

with 4 comments

48° 8′ nördlicher Breite, 11° 34′ östlicher Länge, 519 Meter (und sechs Stockwerke) über dem Meeresspiegel:

Niemand, nicht einmal die Personalabteilung, kann mehr sagen, wer Frau Kreutzer eingestellt hat. Die Unterlagen sind spätestens bei den Feierlichkeiten zum einhundertsten Eröffnungsjubiläum verloren gegangen, mit den Kollegen in der Abteilung redet sie nicht viel. Die Firmenleitung ist es zufrieden, Frau Kreutzer arbeitet gut, sie kennt sich besser im Gebäude aus als jeder andere.

Der Biograph von Robert Walser hat vor Jahren bei seinen Recherchen in einem Antiquariat eine Erstausgabe des Hesperus von Jean Paul gefunden, 1795 vom Künstler signiert und mit einer Leseanleitung für seine Herzensfreundin darin. 1960 bekam die zuständige Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung ein Rezensionsexemplar rein, das sie nicht gleich in die Grabbelkiste für die Kollegen schmeißen wollte: den dritten Band der großen Gesamtausgabe Jean Paul, den Titan im Hanser Verlag. Diese Zusendungen in die eigenen privaten Bestände zu übernehmen, war nicht ganz im Sinne der Verlage, aber geduldet.

Das darin enthaltene Seebuch des Luftschiffers Giannozzo las die Redakteurin zuerst, weil sie sowieso dazu neigte, die Schlüsse vorzuziehen, und es als “Komischer Anhang” fungierte, das konnte nicht falsch sein. Noch einen Grund gab es, auf den sie nur selbst kommen konnte, den sie aber nicht in sich zuließ:

Jean Paul stammte aus Wunsiedel, aus dem tiefsten Franken, landrattiger geht’s nicht mehr. Und er schrieb ein Seebuch. Jedenfalls etwas, das diesen Namen vertrug. Die Redakteurin, übrigens Kreutzer mit Namen, stammte aus Bremen. Aus der Nähe. Delmenhorst. Kennt sowieso kein Mensch. Begreift sich aber als Waterkant. Und versauerte in einem Bergdorf namens München. Da packte Frau Kreutzer die Wehmut über ihr Leben, das schön hätte werden sollen und schon halb vorbei war.

Da erinnerte sich Frau Kreutzer, wie sie 1905 persönlich für die Kaufmannsfamilie Emden & Söhne, mit der sie damals nach München gekommen war, die Hansekoggen und den Merkur auf die Giebel des neuen Geschäftsgebäudes geschraubt hatte. Das hatte sie sich als einziges hanseatisches Mitbringsel der expandierenden Fischkopfhändler überhaupt nicht nehmen lassen. Sie überlegte genau zwei Minuten und bewarb sich inkognito bei den neuen Besitzern zurück, die auch schon wieder seit Jahrzehnten darin walteten.

Nach dem Vorstellungsgespräch, in dem sie sich für eine Achtzigjährige ganz wacker geschlagen hatte, trat sie an die frische Luft, die kaum Salz enthielt, rief “Ahoi!” und rannte übermütig durch den nahen Brunnen am Stachus.

Mehr Seeluft gab München nicht her.

~~~|~~~~~~~|~~~

BIlder: Kaufhaus Oberpollinger, Neuhauser Straße 18, München, selber gemacht. Vollanzeige hinter der rechten Maustaste;
Film: The Big Store (Marx Brothers im Kaufhaus), 1941, der Schluss mit der Rollschuhjagd.

Written by Wolf

28. September 2008 at 1:56 pm

Posted in Fiddler's Green

4 Responses

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  1. „Mehr Seeluft gab München nicht her.“

    Hey, dafür geblähte Segel aufm Dach. Sach ich nicht immer, die Bayern ham das Zeug zur Seefahrernation? ;o) Sehr schön das.

    Und so hoch oben die ultimative Illu für das Seebuch des guten, so tragisch, doch heldisch geendeten Giannozzo – immerhin war er Luftschiffer. ;o)

    Und von da oben „könnte man aber durch alle Gassen auf der Kugel auf einmal hinunter- und hinaufsehen und so immer dieselbe Gemeinhut der Alltäglichkeit auf beiden Kugelhälften finden: so würde man fragen: ist das die berühmte Erde? »Das Spuckkästchen drunten, das Pißbidorchen, das ist der Planet«, würd’ ich einem Seraph antworten, der vor mir vorbeiflöge und mich bäte, ihn zurechtzuweisen“, – um selbigen wenigstens auch gleich mal gebührend zu zitieren.

    Oder hätt’ er an dieser Stelle lieber was Moby- und fülosofelnd Melville-Affineres auf die Füsche von sich gegeben (wir erinnern uns: Wale warn ja beim cetologischen Herman auch welche):

    „Den wahren Himmel auf Erden, sagt’ ich oft, besitzt wohl niemand als ein Seefisch. Wär’ ich einer, z. B. ein Haifisch, so könnt’ ich unter dem Eishimmel des Nordpols hervorbrechen, vor der kalten Zone vorbeischwimmen, dann vor der gemäßigten und am Gleicher halten und wie andere Normänner Menschen rauben – und dann meine Reise um die Welt fortsetzen. – Ich hätte überall etwas zu fressen, nämlich meine Wasser-Sassen, die Stockfische, und wo ich fröre oder schwitzte, säh’ ich mein gemäßigtes Klima unter den Floßfedern, in das ich untertauchen könnte. Welches herrliche, freie, weite Reich, worin wir Hai- und andere Fische neben einigen gestrandeten Weltteilen und Inseln, wovon die wenigsten schwimmen, leben ohne
    Blitz und Überschwemmung, ohne Dürre und Mißwachs und ohne Fischseuche!”

    Ahoi! Die Kreutzer… öh, Krauter-Hex’ ;o)

    hochhaushex

    30. September 2008 at 12:20 am

  2. Stimmt schon, der Giannozzo gehört noch extra verbloggt. Für die Schiffchenfotos hab ich mir erst mal überhaupt irgendwas aus den Windungen geleiert. Die etwa hundertzwanzigjährige Fachkrft arbeitet leider ein paar Meter weiter bei C&A .ò)

    Wolf

    30. September 2008 at 12:58 am

  3. Ich dachte es mir – also das mit der hundertzwanzigjährigen Fachkraft. ;o)

    Oh… und mein Rumkommentieren war doch so gar nicht besserwisserisch gemeint (falls er so rüberkömmt). Im Gegentum. Ich mag nämlich deine Geschichte sehr. Und übermütige alte Damen. Und ehrwürdige Kaufhäuser erst. Und die Schiffchenfotos sowieso. Zu solchen kann man gar nicht genug Geschichten schreiben, find ich. :o)

    hochhaushex

    1. October 2008 at 1:56 am

  4. […] a comment » Update zu If You Miss Me on the Harbour, The Poet, the Physician, the Farmer, the Scientist (My Antediluvian Baby) und Ihr seid so […]


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