Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Leben und Sein in absteigender Größe

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Elke hat Kapitel 32: Cetologie gelesen:

Already we are boldly launched upon the deep; but soon
we shall be lost in its unshored, harborless immensities.

Chapter XXXII, beginning.

Elke HegewaldOh je, wie in diesem Kapitel den Anfang (oder das Ende?) des roten Fadens zu fassen kriegen? Ach was, ich halt mich einfach mal an die Zeitreisen in die Frühkindlichkeit, die hier grad so im Schwange sind.

Und segele in der Zopfliesenzeit los. Von Walen wusste ich damals noch nicht viel, kannte aus dem artenreichen Gewimmel eigentlich nur zwei Exemplare, deren Gegensätzlichkeit ein kleines Mädchen mehr verstörte als man denkt: das eine ein prall aufgeblasenes und verschmitzt grinsendes Spielzeugvieh, das andere riesengroß, tot und als präparierte Volksattraktion auf dem Marktplatz der heimatlichen Kleinstadt tief im Binnenland aufgebahrt – ein ebenso traumatisches wie tränenschwimmendes Erlebnis. Der Moby und die Melvillesche Cetologie kamen später. Zwar anders gelesen als heut, aber auch letztere durchaus mit glühenden Wangen, was nicht verwundert, wenn einer weiß, dass man auch noch in den Wirren der Pubertät mit seinem Opa die Begeisterung für Sielmann– und Grzimek-Serien teilte.

Wassersäugetiere, Ravensburger VerlagDas alles ist lange her und damals war nicht zu ahnen, dass ich heute mit ein paar ausgewachsenen Kerlen, nerdig verrückten Moby-Jägern, durch diese Bibliothek voller Wale im Folio-, Oktav- und Duodezformat schwimmen und in den Wellen der Allegoritäten eines Mr. Melville schlingern sollte. Was nebenbei gesagt immer noch und immer wieder einen Höllenspaß macht.

Hossa, als wäre man nicht gerade in eine mittelschwere Euphorie geraten, wo, retardiert bis an den Rand des Erträglichen, endlich der weiße Wal und damit der Plan dem finsteren Maule Ahabs entfleuchte. Nein, da lässt dieser Melville auch noch gleich ganze Schwärme von Cetacea in allen Größen auf einen los. Aber wie Steuermann Jürgen schon sehr treffend zu bemerken geruhte: Man will ja nicht meckern; schließlich sind wir lange genug und voller Spannung auf sie zugesegelt, die großangelegte Systematik und Klassifizierung der Leviathane. Die heftigst aus dem geradlinigen Handlungsfluss mäandert und den Rahmen jedes gängigen Romans nebst dessen literarischen Regeln sprengt.

Und jetzt? Wo wir bei ihr angekommen sind? – da ist es auf einmal gar keine. Keine richtige jedenfalls.

Oder doch? Nun, wenn man bedenkt, dass die ganze Walkunde bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts eine, wie Herr Göske nachwörtelnd palavert, “höchst spekulative ‘Wissenschaft’” war (Seite 954), hat unser guter Moby-Vadder mit seiner Cetologie durchaus einen bemerkenswerten Vorlauf vorzuweisen. Denn erst die Antarktis-Expedition der Discovery mit dem Auftrag, „so weit wie möglich die Natur, den Zustand und die Ausdehnung des Gebietes der südpolaren Lande festzustellen, das in den Bereich Ihrer Expedition fällt“, und der Anweisung, dass „keines dieser Ziele dem anderen geopfert werden darf“ (Ann Savour: The Voyages of the Discovery, via Wiki), steuerte auch walisch Erhellendes bei.

Doch wie seriös und wissenschaftlich im zoologischen Sinne will wohl etwas sein, das dieses Walgewimmel zuvörderst gleich mal als drei Buchformate in absteigender Größe sortiert? Wenn da nicht einer dahintersteckt, der lieber Schreiberling und Künstler und metaphernder Philosoph ist, der durch Bibliotheken schwimmt, denn ein auf hoher See praktizierender Waljäger, dann weiß ich auch nicht. Obwohl er ja die Walfängerei wenigstens in seiner Jugend auch betrieben hat und somit ein Reservoir einschlägiger Erfahrungen glaubhaft zelebrieren darf. Doch nicht umsonst legt er Wert darauf, ausdrücklich zu betonen: “I am the architect, not the builder” (Jendis, Seite 229). Und erwirbt damit den Spielraum zu künstlerischer Freiheit und verschmitzt spottender Mutwilligkeit.

Pottwal BrehmDenn was tut er denn fortwährend? Nicht weniger, als dass er mit populär- bis pseudowissenschaftlichen Schnurren und stellenweise geradezu verspielt wie ein Lausbub wider Logik und besseres Wissen argumentiert und so die Ernsthaftigkeit seiner hochwissenschaftlichen Einteilung oft umgehend wieder aufhebt und in Frage stellt. Was sollen wir sonst von seiner augenzwinkernden “Definition” der Wale – “Ein Wal ist ein blasender Fisch mit einem waagerechten Schwanz” – halten, die die sorgfältige Linnésche Charakterisierung mit einer Handbewegung und der Volksmeinung der Walkumpel aus Nantucket (Jendis, Seite 230) vom Tisch fegt? Oder von der Krönung des Pottwals zum König und ohne Zweifel majestätischsten und größten Bewohner des Globus (Jendis, Seite 232) – wo er doch weiß, dass der Grönlandwal dem darin nicht nachsteht, und auch den Blauwal (der bei ihm als vager Geselle und Schwefelbauch unter den Folios geführt wird) kennt? Oder gar der spitzbübischen These vom Nutzen eines narwalenen Horns als Falzbein fürs Zeitschriftenlesen?

Die Absolution für derartige Willkür und Verspottung wissenschaftlicher Systeme (und philosophischer gleich mit) erteilt er sich selbst:

I promise nothing complete; because any human thing supposed to be complete, must for that very reason infallibly be faulty. I shall not pretend to a minute anatomical description of the various species, or–in this place at least–to much of any description. My object here is simply to project the draught of a systematization of cetology.

(Vgl. Jendis, Seite 229)

Da ist er wieder, der Architekt, nicht der präzise zimmernde Handwerker: Alles fließt, alles Entwurf. So einer darf sich Selbstreflexion rausnehmen und seiner Fantasie freien Lauf lassen… mit vorgeblich festgezurrten Fakten spielen. Und sie zum eigenen Zwecke gar umwerfen.

Denn hinter alledem ist – wie wir es von Herrn Melville längst sattsam kennen – durchaus die Ernsthaftigkeit seines eigentlichen Anliegens zu erahnen und zu deuten. Und ich meine, dass da unser hochverehrter Gastautor Sascha Recht hat: Es geht am Ende um nicht mehr und nicht weniger als um Erkenntnis, um Erwerb von Wissen, dessen Wertung, Relativität und immerwährende Unvollkommenheit. Und wohl auch darum, welche Rolle menschliche Erfahrungen und Prägungen dabei spielen, welche die eigene Sicht und Handhabung der Dinge – ein weites Feld für Philosophastereien. Und ein beständig zu bestellender Acker für die schöpferischen Geister dieser Welt.

Und es wäre nicht Melville, wenn er nicht stilsicher genau da, genau bei dem Fazit der Unvollendung landete, das seinen “Whale of a Book”, sein “Book of a Whale” ausmacht – oder?:

For small erections may be finished by their first architects; grand ones, true ones, ever leave the copestone to posterity. God keep me from ever completing anything. This whole book is but a draught–nay, but the draught of a draught.

* * *

Hmm… auch wenn das jetzt nach einem runden Ende klingt, waren es wohl nur ein paar rausgepickte Rosinchen aus dem Wal-Pott – oder doch eher tote Fliegen? Ihr wisst ja, dieses verflixte Ende vom roten Faden. Außerdem haben die Jungs sowieso schon fast alles selber brillant referiert. Aber zwei tote Fliegen… öh, Fragen hab ich dann doch noch ceta-zehig einzuwerfen.

Die erste fliegt zum Wolfe und den Walrossen der Jendis respektive Rathjen: Ist nicht das Jendis’sche amphibisch “leben” korrekter als das amphibisch “sein” vom Rathjen? – wo doch wie der Wal kein Fisch das Walross selber auch keine Amphibie, sondern definitiv ein (see)hundeartiges Raub(säuge)getier ist?

Die zweite ist womöglich eine der Unvollkommenheit – von wem auch immer: Wer ist – und warum – eigentlich auf die Idee gekommen, dass der Ich-Erzähler in der Cetologie Ismael sein soll? Weil er das bis jetzt immer war? Weil er mit seinen “Händen Wale berührt” hat? Weil der Melville gefälligst in seinem eigenen Roman nix verloren hat? – Tsss, der Ismael hat als Frischling noch keinem Wal nicht ins lebendige Auge geschaut, geschweige denn einen angegrabbelt. Aber der Göske faselt nachwörtlich immerzu von Ismael. Hä? Und erfuhren wir jemals zwischen erstem und einunddreißigstem Kapitel davon, dass dieses blasse Hilfsschulmeisterlein von Ismael seine Jungfernfahrt auf dem Walfänger verbüchern wollte, und sei es als Entwurf zu einem Entwurf?

Nie war der Moby-Papa gegenwärtiger. Yeah, er hat sich selber mit entworfen, wenn ihr mich fragt. Aber wer fragt mich schon?

So, und wer meinen Sermon bis hierher ohne Schaden an Leib und Seele überlebt hat, der kriegt zur Belohnung noch den unbekannten Moby Dick Whaling Song aufs Ohr: ein Amateur, inspiriert vom Huston-Filmklassiker, etwas dilettantisch aber hoffnungsvoll, wenn ihr mich fragt. Aber das hatten wir ja gerade…

Bilder: Wassersäugetiere-Quiz: Ravensburger Verlag;
Pottwal: Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Zweiter Band, Erste Abtheilung: Säugethiere, Dritter Band: Hufthiere, Seesäugethiere, Zweite umgearbeitete und vermehrte Auflage, Kolorirte Ausgabe, Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1883, Seite 7: gemeinfrei.

Captainseits empfohlener Link: der zum Verband deutscher Antiquare e.V.

Written by Wolf

11. October 2008 at 12:01 am

Posted in Steuerfrau Elke

6 Responses

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  1. Bestandsaufnahme der Textgestalten:

    A walrus spouts much like a whale, but the walrus is not a fish, because he is amphibious.

    wird beim zuerst entstandenen Rathjen:

    Ein Walroß bläst ungefähr wie ein Wal, aber das Walroß ist kein Fisch, weil es amphibisch ist.

    und in der Über- bis Neubearbeitung von Jendis:

    Ein Walroß bläst ungefähr wie ein Wal, aber das Walroß ist kein Fisch, weil es amphibisch lebt.

    Das englische “is” heißt auf Deutsch zweifellos “ist”, da brauchen wir keinen Doktor in Anglistik, somit ist Rathjen näher am Original. In diesem Fall mag ich trotzdem das “lebt” lieber: Das Walross tut etwas und existiert nicht einfach so in den Tag hinein. Heißt ja auch “he is amphibious” .ò)

    Der Ich-Erzähler in der Cetologie kann durchaus Ismael sein, wenn wir annehmen, dass er erst nach seiner Reise und Rettung mit Schreiben angefangen hat, deswegen hab ich mich da auch nicht weiter dran gestoßen. Seit Melville nach ähnlichen Vorwürfen, wer denn das alles erzählt haben soll, wenn alle tot sind, den Epilog hinters letzte Kapitel geklebt hat, in dem Erzähler Ismael nochmal für alle als einziger davonkommt, funktioniert das. Oder findet ihr noch Brüche in der Zeitlinie?

    Wolf

    11. October 2008 at 12:02 am

  2. Ja, die Sache mit Ismael wurmt mich auch ein bisschen. Ich kann ihn als Erzähler gelten lassen – aber richtig überzeugen kann er mich nicht. Auch ich habe eher das Gefühl, dass hier der “allwissende Autor” sich selbst ins Spiel bringt. Nochmal ein gewollter Bruch im “Moby-Dick”.

    Aber was mich zuvörderst am Artikel anspricht: der Wal auf dem Marktplatz. Den hab’ ich auch gesehen! Das ist so eine ganz verschwommene (ha!) und fast verschüttete Kindheitserinnerung und gäb’s nicht meine kleine Schwester, die ihn auch gesehen hat – ich würde es für Humbug halten. Da müsste man mal nachforschen…

    Jessebird

    11. October 2008 at 1:19 pm

  3. Aufgebahrte Wale hat Elke schon am Berliner-Pariser Platz gefunden — und dabei auch den toten Zirkuswal erwähnt. Der kommt meiner verschwommenen Erinnerung auch bei Doris Dörrie vor: Im Innern des Wals; wer Genaueres rausfindet, kriegt ein Eis.

    Wolf

    11. October 2008 at 1:41 pm

  4. Huch, Jürgen, du auch? Den totharpunierten Wal? Gugge an, das Viech ist ja weiter rumgekommen als ich dachte. ;o))
    Wolf, ich hätt’ ja sooo gern ein Eis, Doch Details kann ich dazu wohl leider nicht mehr beisteuern (ja, hätte man seinerzeit nur schon gebloggt…!). Wie es scheint, war das damals wirklich so eine Art makabrer Wander’zirkus’, der (sogar grenzüberschreitend?) wer weiß, wo noch überall gewesen ist. Im schlimmsten Fall waren es gar verschiedene Wale. Boah, und dass Frau Dörrie dieses Kindheitstrauma sogar verklärend in bewegten Bildern verewigt hat, wusste ich bis heute auch noch nicht. *notier*

    Bei „leben“ und „sein“ geht es ja demnach einmal um die blanke Übersetzungsfrage – okay, da dann meinetwegen der Rathjen. In Sachen zoologischer inhaltlicher Korrektheit – soll heißen, dem amphibischen (Nicht-)Sein – gewinnt für mich trotzdem der Jendis. ;o) Und als Favorit vom Wolf hat es ja schon wieder fast einen fülosofüschen Touch – stimmt, da hab ich auch das muntere Walrus lieber als das zum stoisch Dahinvegetieren verdonnerte. :o))

    Und was Wolfs Argumente pro Ismael angeht – gut, bis _da_hin kann ich durchaus mitgehen: keine z e i t l i c h e n Brüche. Ismael wäre demnach so eine Art ‘Chronist’ wie der Owen Chase, der aus eigenem Erleben den Untergang der Essex geschildert hat.

    Trotzdem bleibt ein Grummeln in mir zurück, und das betrifft das K o n z e p t der Cetologie respektive des erwähnten Buches. Einer, der sein dramatisches Gerade-mal-so-Überleben einer Katastrophe als kleiner Wal-Eleve beschreibt, schwingt so einer sich zum fürwitzigen und experimentierenden Architekten einer ‘Walkunde’ auf? Die er auch noch – knallharten Fakten entronnen – in spielerischem Jonglieren von Erfahrung und Wissenschaft – den „Entwurf zu einem Entwurf“ nennt? Dafür zu allem Überfluss auch noch den halbfertigen Kölner Dom bemüht, den mit Sicherheit ein Herman Melville von Angesicht zu Angesicht gesehen hat – aber unser Ismael…? Ich weiß ja nicht, ob die Verbrüderung mit seiner selbst erfundenen Figur s o weit geht. Und bleibe dabei: das ist selbstbewusster O-Ton, hier steht der Meister höchstpersönlich am Ruder. Lasse mich aber gern bekehren, so noch was anderes Gewichtiges dagegen spricht. :o)

    hochhaushex

    11. October 2008 at 7:08 pm

  5. Okay, man kann Melville sein Alibi lassen, dass unter Umständen doch der korrekte Ismael spricht; der Ton ist allerdings der des allwissenden Märchenonkels, den wir seit Kapitel 29 offiziell feststellen: Enter Ahab; to Him, Stubb war wirklich nicht mehr von einem unbedarften subalternen Mannschaftsgrad mit 300. Lay zu belauschen.

    Wenn unsereins so arbeitet, wird er keine Weltliteratur, sondern schon vom Illustrator abgewiesen. Tempora…

    Wolf

    11. October 2008 at 7:37 pm

  6. […] a comment » Jürgen macht ein Update zu Leben und Sein in absteigender Größe: Von Walen wusste ich damals noch nicht viel, kannte aus dem artenreichen Gewimmel eigentlich nur […]


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