Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Ahab via Goethe

with one comment

Wolf hat Kapitel 33: Der Specksijnder gelesen:

»Je höher ein Mensch,« sagte Goethe, »desto mehr steht er unter dem Einfluß der Dämonen, und er muß nur immer aufpassen, daß sein leitender Wille nicht auf Abwege gerathe.«

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe, 24. März 1829

This seems as good a place as any to set down noch einen Taktschlag Verzögerung, damit nur ja keine Spannung aufkommt. Einer erschöpfenden Darstellung der Wale folgt jetzt eine ebensolche der operations of the whaling ship and its hierarchy, framing the role of the harpooner or Specksynder in comparison with the rest of the crew (GradeSaver), oder wie? Nun, es hat niemand versprochen, dass es ein Hollywoodfilmchen wird, die immer das Beste dem “Tempo” opfern.

Der Schreibfehler in der Überschrift ist nicht (von mir und auch nicht) von Melville, sondern von William Scoresby, und von dem wahrscheinlich — man korrigiere mich bitte — aus dem work urging the prosecution of the search for the Franklin expedition and giving the results of his own experience in Arctic navigation. Man liest ihn sich immer automatisch zurecht, will also aus seinen intuitiven Niederdeutschkenntnissen heraus partout Specksnyder da stehen haben; meine alte Seiffert-Übersetzung hat das noch stillschweigend dahin korrigiert.

Oft sind es allein die Setzer, die dem Text den verwirrenden Opalglanz geben, den der Schriftsteller aus eigenem ihm nicht zu geben vermocht hatte. Klagen wir nicht über Druckfehler. Man weiß nicht, wodurch man tief wird.

Alfred Polgar

Was ein Specksynder oder -snyder Seemannsromantisches macht, schenk ich euch, auch den Anklang ans verflossene Kapitel 24: The Advocate, in dem abermals betont werden muss, was Walfänger für Pioniere sind. Interessant find ich’s ab der Stelle, wo der Lobgesang auf die Harpuniere auf Ahab zufährt, ihn fixiert, nicht mehr loslässt und Allgemeinmenschliches über ihn herausfindet. Von einer Betrachtung zu einem Sonderfall zu zoomen und von dem aus wieder weg in die Welt, das ist sehr groß. Deduktion und Induktion in einem weiten, souveränen Ausguck.

Ahab der schwermütige Kapitän ist demnach nicht nur ein Mensch von großer natürlicher Autorität, sondern — wie wir Vorausleser und Filmgucker schon wissen — ein Besessener, und dazu einer, der wenig Wert auf Äußerlichkeiten legt. Läuft wie alle anderen auch in Schifferklamotten herum — was seinen meisten bildlichen Darstellungen widerspricht –, lässt den Mannschaftsgraden die vollständige Bekleidung, wenn sie das Kapitänsrevier Achterdeck betreten wollen, statt sie an ihre Demut zu gemahnen — Gehorsam wird vorausgesetzt; Hauptsache, der Laden läuft. Klingt eigentlich vernünftig bis professionell. Wenn nicht die böse Obsession doch stärker wäre.

Sultanismus, lernen wir, ist nach “Specksynder” schon Melvilles zweite Wortneuschöpfung innerhalb drei Seiten, diesmal eine, die sich verselbständigt hat. Man soll ja nicht immer so ausschließlich an Wikipedia hängen, aber wenn im einschlägigen Artikel darüber die Herkunft von Melville nicht mehr erwähnt wird, kann er gerade deswegen stolz darauf sein. Archäologischer Teil: Der von Daniel Göske erwähnte Eintrag des Wortes im Oxford English Dictionary heißt:

Sultanism (sɒ•ltāniz’m). [f. Sultan sb. + -ism.] Rule like that of a sultan ; absolute government ; despotism, tyranny.
1821 New Monthly Mag. 11.354 Our admiration of chivalry and sultanism. 1851 H. Melville Whale xxxiii. 161 That certain sultanism of his brain, which had otherwise in a good degree remained unmanifested. 1869 Seeley Ess. & Lect. (1870) 88 Asiatic sultanism was set up, and all public functions fell into the hands of military officials. 1884Short Hist. Nap. I (1886) iii. § 4. 113 The rising sultanism [of Napoleon in 1804].

Sultanismus und Obsession — bei Ahab, wird unterstellt, geht der eine in die andere über. Das können wir Leser glauben oder nicht, plausibel finden oder nicht. Wenn wir es so hinnehmen, hilft das immerhin dem Fortgang der Geschichte (und den wünschen wir ja langsam…). Jedenfalls wirkt Ahab damit schon weit weniger professionell als mit seiner Orientierung auf die Sache. Es müsste nämlich die Sache des Walfangs sein. Und Melville macht uns in seinem Ausblick auf die Welt, dem induktiven Wegzoomen, mit Ahabs Veranlagung zum einsamen Diktator vertraut.

Und ab hier wird er dämonisch. Es fällt nicht gleich auf, so ohne richtig tiefes Vorwissen — oder dem interessierten Blick in Göskes Anmerkungen, aber es ist überzeugend, wie sich Ahabs Zwangscharakter und diktatorisches bis dämonisches Gemüt aus der deutschesten aller Quellen begründen: von Goethe her. Hätte ich nie geglaubt, allenfalls für einen Gelehrtenscherz über böse Deutsche beim Hitlerausbrüten gehalten, aber es ist schlüssig hergeleitet: Goethes Bekanntheit unter Transzendentalisten, allen voran Emerson und De Quinceys Suspiria de Profundis. Daher konnte Melville die Eckermann-Gespräche kennen — und Dichtung und Wahrheit:

Obgleich jenes Dämonische sich in allem Körperlichen und Unkörperlichen manifestieren kann, ja bei den Tieren sich aufs merkwürdigste ausspricht; so steht es vorzüglich mit dem Menschen im wunderbarsten Zusammenhang und bildet eine der moralischen Weltordnung, wo nicht entgegengesetzte, doch sie durchkreuzende Macht, so daß man die eine für den Zettel, die andere für den Einschlag könnte gelten lassen. Für die Phänomene, welche hiedurch hervorgebracht werden, gibt es unzählige Namen: denn alle Philosophien und Religionen haben prosaisch und poetisch dieses Rätsel zu lösen und die Sache schließlich abzutun gesucht, welches ihnen noch fernerhin unbenommen bleibe. Am furchtbarsten aber erscheint dieses Dämonische, wenn es in irgend einem Menschen überwiegend hervortritt. Während meines Lebensganges habe ich mehrere teils in der Nähe, teils in der Ferne beobachten können. Es sind nicht immer die vorzüglichsten Menschen, weder an Geist noch an Talenten, selten durch Herzensgüte sich empfehlend; aber eine ungeheure Kraft geht von ihnen aus, und sie üben eine unglaubliche Gewalt über alle Geschöpfe, ja sogar über die Elemente, und wer kann sagen, wie weit sich eine solche Wirkung erstrecken wird? Alle vereinten sittlichen Kräfte vermögen nichts gegen sie; vergebens, daß der hellere Teil der Menschen sie als Betrogene oder als Betrüger verdächtig machen will, die Masse wird von ihnen angezogen. Selten oder nie finden sich Gleichzeitige ihresgleichen, und sie sind durch nichts zu überwinden, als durch das Universum selbst, mit dem sie den Kampf begonnen; und aus solchen Bemerkungen mag wohl jener sonderbare aber ungeheure Spruch entstanden sein: Nemo contra deum nisi deus ipse.

Goethe: Dichtung und Wahrheit, Vierter Teil, Zwanzigstes Buch

Das ist gruselig schön in einem Kontext, um eine Ecke herum und in einem Ausmaß, in dem man’s nicht erwartet hätte: Ahab spielt sein zwanghaftes Schiffeversenken aus einer tiefdeutschen Seelenlage heraus, die über den Transzendentalismus nach Amerika gelangt ist. Selbst wenn das alles der hellgelbe Galimathias ist, möchte man es mal gedacht haben.

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Elke macht sich jetzt über die Stelle mit Zar Nikolaus her, wie ich vermute? Und Jürgen über Ahabs Ehrenrettung? Und Stephan über die Umweltaspekte? Und Christian vielleicht auch mal wieder was? Wenn jemand Emersons erwähnte “Vorträge zur Dämonologie” um 1840 mit Zitaten aus Dichtung und Wahrheit findet, wär ich überhaupt nicht böse…

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Liebenswerter Galimathias zum ganztägigen Mitsingen (“Únd eine hálbautomátische Wáffe ist ímmer dabéi” — erwischen Sie den Takt?): Element of Crime: Ein Hotdog unten am Hafen aus: Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe, 2008.

Written by Wolf

29. October 2008 at 1:16 pm

Posted in Steuermann Wolf

One Response

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  1. […] Wolf hat so ein schönes eingängiges Bild gebraucht: das Nah- und Fern-Zoomen dieser Kapitänsgestalt vom Individuum zum verallgemeinert passierenden […]


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