Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Der Zar dankt ab

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Jürgen hat da zum 9. November noch ein Update zu Kapitel 33:

Jürgen Jessebird SchmitteÜbersetzungen des Moby-Dick ins Deutsche gibt es einige. Das eröffnet dem begeisterten Leser einiges an Möglichkeiten:

Erstens – er kann sammeln. Immer eine feine Sache. So eine Reihe Moby-Dicks im Regal machen was her.

Zweitens – er kann die verschiedenen Ausgaben vergleichen, um vielleicht den einen oder anderen Lapsus zu entdecken. Und bei Kapitel 33 wird er dann tatsächlich fündig.

Eine der Übersetzungen (und nicht die schlechteste) ist die von Alice und Hans Seiffert, gegenwärtig lieferbar im Insel-Verlag als Taschenbuch [Anm. der Büchersüchtel: Das war auch die Übersetzung für Reclam und Aufbau.] In Kapitel 33 lässt sie allerdings den Hinweis auf Zar Nikolaus ganz und gar weg. Das fällt natürlich nur auf, wenn man Original und Übersetzung vergleicht.

Original: „But when, as in the case of Nicholas the Czar, the ringed crown of geographical empire encircles an imperial brain; then, the plebeian herds crouch abased before the tremendous centralization.“

Übersetzung: „Schmückt aber die Krone weltlicher Herrschaft ein wahrhaft kaiserliches Haupt, dann neigen sich die Völker in Demut vor dem Einen, Gewaltigen, der alle Größe in sich vereint.“

Nun wundert man sich. Warum nur? Hielten die Seifferts die Anspielung für unwichtig? Oder unverständlich? Tatsächlich ist sie ja heutigen Lesern nicht ohne weiteres zugänglich (darum gibt es ja die Anmerkungen in der Jendis-Ausgabe). Seltsam. Erst heute morgen unter der Dusche kam mir eine Eingebung, die eigentlich ganz klar hätte sein sollen. Der Blick ins Impressum bestätigte den Verdacht: Copyright Sammlung Dieterich Verlagsgesellschaft: Leipzig, 1956,1992.

Politik. Sozialismus. DDR. Und darum wohl kein Hinweis auf einen russischen Zaren, der als absolutistischer Tyrann in die Geschichte einging. Interessanterweise findet sich im Buch selbst kein Hinweis auf diesen Umstand.

Film: Tagesthemen vom 9. November 1989.

Written by Wolf

9. November 2008 at 11:44 am

Posted in Steuermann Jürgen

4 Responses

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  1. Hmmm… eine schlaue Erklärung hab ich für die Auslassung auch nicht.

    Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass es die von Jürgen ist. Denn was um Himmelswillen sollte der Nikolaus eins, der wie kein anderer ein ums andre Mal den Zement für unsterblichen Absolutismus anrührte, mit der DDR und dem Sozialismus zu tun haben? DEN schloss die deutsch-sowjetische Freundschaft ganz bestimmt nicht ein. ;o)

    Wenn man nur mal im alten Lenin kramt, der hat – im Gros zu Recht – kein gutes Haar an der ganzen Zarensippschaft gelassen (und vom blutig-grausigen Ende der Zarenfamilie wusste da auch noch keiner was).

    Ich glaub nicht mal, dass die Seifferts den fehlenden Passus selber verbrochen haben, es hätte auch zu d i e s e r Zeit damals keinen Grund dafür gegeben. W e n n da irgendwas politisch Motiviertes dahinter steckt, dann wars wahrscheinlich ein bekloppter Lektor oder Redakteur. Verunsichert und vorauseilend fürsichtig in der Endzeit eines Stalinismus (fast gänzlich ohne Lenin), in dem man gar nicht unversehens genug in irgendeinen Ruch geraten konnte. Das Amt für Literatur und Verlagswesen ward gerade aufgelöst, seine Kompetenzen ans Kulturministerium an wer weiß wen gegeben. Und der Stalin war zwar bereits 1953 verschieden, doch der XX. KPdSU-Parteitag mit Chruschtschows Geheimrede zur Abrechnung mit dem Stalinismus (Februar 1956) vielleicht gerade erst vorbei, dieser selber also noch lang nicht. Wenn man mal im Kalender zur damaligen Situation kramt, war es wohl eine bewegte Zeit voller Verunsicherung und Veränderung, wo dann vielleicht manch Einer nur ja in keinen Fettnapf tappen wollte – auch wenn manchmal gar keiner da stand.

    Trotzdem, eigentlich gibt es keinen vernünftigen Grund einer Melville-Verkürzung gerade um den despotischen Nikolaus. …Wo doch ’56 sogar grad erst der Jazz und der Eisler als jugendgefährdend ausgemacht wurden. ;o))

    hochhaushex

    9. November 2008 at 8:50 pm

  2. Wheeow, das war ja gleich der nächste Artikel… Und Eisler war so ein Unerwünschter? Den hätt ich ja eher in der Nachbarschaft vom Becher gesucht. Man weiß so wenig über seine annektierten Territorien .ò)

    Wolf

    9. November 2008 at 11:58 pm

  3. Liebe Elke: Ich hab’ ja garnicht behauptet, dass Seifferts die Auslassung produziert haben. Tatsache ist aber, dass in der “Seiffert-Übersetzung” die Stelle fehlt. Und wer genau dafür verantwortlich ist, nun – wer das rausfindet, der kriegt von mir eine Belobigung!
    Aber du bist mit mir darin eins, dass es irgendwie damit zusammenhängen muss, dass es eine DDR-Ausgabe ist, oder? Ob nun Übersetzer, Lektor, Zensor – irgendeiner wollte auf Nummer sicher gehen. Eine andere Idee dazu hätte ich nicht…
    Frage an den Käpt’n: bei Reclam & Aufbau fehlt auch der Zar?

    Jessebird

    11. November 2008 at 11:40 am

  4. Endlich nachgeschaut: Ja, auch in Reclam fehlt der Zar, insofern ist das schon korrekt…

    Wolf

    12. November 2008 at 4:37 pm


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