Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Nemo contra Moby nisi Ahab ipse

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Elke hat Kapitel 33: Der Specksijnder gelesen:

Oh, Ahab! what shall be grand in thee,
it must needs be plucked at from the skies,
and dived for in the deep,
and featured in the unbodied air!

Kapitel 33, vgl. Jendis, Seite 249.

Elke HegewaldWer wundert sich hier denn noch über die sattsame Verschleppungspraxis eines Melville? Die doch nur den schwindeln machen sollte, der ausschließlich ein knapp und knackig bespanntes Walgerippe von Action-Opus erwartete. Und nicht “drei Bücher in einem […]: eine robuste Abenteuergeschichte, eine naturhistorische und mythologische Abhandlung über den Wal (aus der Perspektive seiner Jäger) und eine moralphilosophische Reflexion über die Natur des Menschen – in Melvilles Sicht ein gefährliches Wesen, beherrscht von unberechenbaren tiefen Leidenschaften, an denen alle optimistischen Utopien zunichte werden müssen”, wie Herr Dieter E. Zimmer es in seinem Beitrag zum Moby-Dick-Übersetzungsstreit (veröffentlicht in “Die Zeit” vom 15.11.2001 und im Schreibheft Nr. 57) so blumig formuliert hat. Der im ersten Teil auch noch ausnehmend gut zu unseren akuten “dämonischen” Faseleien passt.

Demnach oszillieren wir im aktuellen Kapitel wohl gerade zwischen Buch zwei und drei, stehen also voll im Stoff, nicht wahr, meine Herrn? Wobei ich nicht direkt finden kann, dass unser guter Melville bei dieser Konstellation übermäßige Rücksicht auf den Leser nimmt. Aber wollen wir das denn?

AhabWenn ich dann auch mal den hier ausreichend gewürdigten Specksjinder… Specksnyder… Speckschn… na, ihr wisst schon, diesen hochkarätigen Waloffizier, von dem der alte Ahab garantiert besser als wir wusste, was er an ihm, erst recht in Mehrfachausführung, hat, mehr oder weniger längsseits liegen lassen dürfte? Die von Jürgen an dieser Stelle angemerkten Melvilleschen Satzmonster mit erschöpfender Auskunft sind mir, glaub ich, zum ersten Mal so richtig um Weihnachten (Chapter 22) und beim schaumgewordenen Bulkington bewusst geworden.

Ich versuche ja auch immer, für mich herauszuzotteln, was unser hochverehrter Autor nun gerade mit diesem Kapitel bezwecket, das den Wal wieder mal noch friedlich und weit in der Ferne blasen lässt. Denn in der oben zitierten büchernden Dreifaltigkeit hat natürlich ein jedes von ihnen seinen tiefen Sinn – denk ich mal.

Und natürlich geht es auch hier um Ahab und sogar die ehrenwerten Harpuniere halten letztlich dazu her, den Schleier um sein finsteres Wesen wieder ein bisschen zu lupfen. Und mir kommt es so vor, als ließe bei dero ganzer Loyalität gegenüber seinen besten Männern (so sie denn bedingungslos gehorchen) doch zum ersten Mal im bisherigen Verlauf – und im halbwegs vagen Ausblick, versteht sich – die langmütige Unterschwellensympathie seitens Mr. Melville für seine Ahabsche Heldenschöpfung ein Stückchen nach. Wenn man das mal so sagen darf.

Der Wolf hat so ein schönes eingängiges Bild gebraucht: das Nah- und Fern-Zoomen dieser Kapitänsgestalt vom Individuum zum verallgemeinert passierenden Phänomen. Und aus dem schwermütigen Vorgesetzten auf einem schwankenden Schiff im großen Ozean, der die seefahrerischen Gepflogenheiten einhält, wird ein (maskierter) Diktator in seinem Reich uneingeschränkter Macht, und ein besessener mit dämonischer Ausstrahlung dazu.

Zar Nikolaus I.Der Goethe-Bezug ist recht offensichtlich und wahrscheinlich, und von “jene[m] kleine[n] Bröckchen Latein, das da lautet: “Nemo contra Deum nisi Deus ipse”, das Melville selbst späterhin im Pierre wörtlich so zitiert, bis zum Vergleich mit dem eisernen und bis ins Mark despotischen Zaren Nikolaus: “Unterwerft euch, ihr Völker, denn Gott ist mit uns” — ist es dann nur noch ein Schritt. Dessen ach so berühmtes “Manifest an die europäischen Völker”, das er anlässlich der ’48er Revolution offenbar eigenmächtig im Namen der von ihm höchstselbst wiederbelebten Heiligen Allianz verkündete, war leider nicht aufzufinden, so dass ich euch auf eine Sekundärquelle (mit Anmarkerungen) verweisen muss.

Übrigens treten Melvilles dämonisch transzendetalistische Anklänge hier nicht zum ersten Mal herfür. Erinnert ihr euch zet Be an den Text und den Shakespearischen Anmerkungskram zu Kapitel 26 um die (mangelnde) Seelenstärke des armen tapferen Knappen Starbuck im Dunstkreis seines Ritters:

… brave as he might be, it was that sort of bravery, chiefly visible in some intrepid men, which, while generally abiding firm in the conflict with seas, or winds, or whales, or any of the ordinary irrational horrors of the world, yet cannot withstand those more terrific, because more spiritual terrors, which sometimes menace you from the concentrating brow of an enraged and mighty man.

Kapitel 26, vgl. Jendis/Göske, Seite 201 f., 951.

So, und zu guter Letzt verrat ich euch noch, wie ich auf den im aktuellen Kapitel frisch anwachsenden Negativ-Touch durch Mr. Melville kömm, was seinen dämoischen Käpt’n angeht. Denn dazu musste mir einfach Kapitel 16 einfallen, wo ich in der Besprechung der herzwarmen Brandrede des alten Peleg auf den guten Menschen Ahab doch selber schon die zwei Seelen herbeiverglichen hab, die der Goethe seinem Faustus eingepflanzt. Es gibt davor eine Stelle, in der Ismael über die Waljäger-Quäker von Nantucket philosophastert und explizit da eigentlich nur den Ahab meinen kann. Und die sowohl die siebzehn Kapitel weiter herbeizitierte “Dichtung und Wahrheit” wie auch die Melvilleschen Anlehnungen geradezu erschauernd und verfinstert wiederfindet:

So that there are instances among them of men, who, named with Scripture names–a singularly common fashion on the island–and in childhood naturally imbibing the stately dramatic thee and thou of the Quaker idiom; still, from the audacious, daring, and boundless adventure of their subsequent lives, strangely blend with these unoutgrown peculiarities, a thousand bold dashes of character, not unworthy a Scandinavian sea-king, or a poetical Pagan Roman. And when these things unite in a man of greatly superior natural force, with a globular brain and a ponderous heart; who has also by the stillness and seclusion of many long night-watches in the remotest waters, and beneath constellations never seen here at the north, been led to think untraditionally and independently; receiving all nature’s sweet or savage impressions fresh from her own virgin voluntary and confiding breast, and thereby chiefly, but with some help from accidental advantages, to learn a bold and nervous lofty language–that man makes one in a whole nation’s census–a mighty pageant creature, formed for noble tragedies. Nor will it at all detract from him, dramatically regarded, if either by birth or other circumstances, he have what seems a half wilful overruling morbidness at the bottom of his nature. For all men tragically great are made so through a certain morbidness. Be sure of this, O young ambition, all mortal greatness is but disease.“

Kapitel 16, vgl. Jendis, Seite 139 f.

Und nun sage noch einer, dass da nicht Abkühlung zum 33. Kapitel hin als Gänsehaut den Rücken runterläuft. Oder? War ja auch Zeit, schon aus Rücksicht auf den Leser, nä.

Bilder: Captain Ahab: Be Awesome, 26. Februar 2008;
Zar Nikolaus I.: WDR;
Lied: AC/DC: Highway to Hell, aus: Highway to Hell, 1979.

Written by Wolf

11. November 2008 at 4:22 am

Posted in Steuerfrau Elke

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