Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Überall ist Entenhausen

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Update zu Proposing a city in which I would not, in fact, be allowed to exist
und Ich verbitte mir solche zoologischen Spitzfindigkeiten! (Eine regelrechte Walschule):

Vielleicht gibt es ja sogar Bielefeld?

Nadja, ca. 2001.

It is not down in any map; true places never are.

Chapter XII: Biographical.

Everything you can think of is true.

Tom Waits/Kathleen Brennan, aus: Alice, 1992/2002.

An seinem 23. Geburtstag traf ihn der Schlag. An der Kasse vom Getränkemarkt, in dem er das Bier für die Feier zahlen wollte, war es plötzlich “so, als hätte jemand die Luft aus meiner linken Körperhälfte gelassen”. Durchblutungsstörung im Gehirn, Schlaganfall, die linke Körperhälfte erschlafft, seine Frau verließ ihn, er konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben: Kartograph.

Das war 1969. Statt dessen wurde Jürgen Wollina Diplomingenieur für Landkartentechnik. 1994 wurde alles besser: Da trat er der D.O.N.A.L.D. bei und gründete alsbald die Unterorganisation M.Ü.C.K.E. (Meisterhafte Überarbeitung chaotischer Kartengrundlagen Entenhausens) mit dem Ziel, den einzig wahren Stadt- und Umgebungsplan von Entenhausen zu erstellen [Update: Jetzt mit Wikipedia-Artikel]. Das hat sinnigerweise ziemlich genau 13 Jahre gedauert.

Noch sinnigerer Weise präsentierte Wollina diesen Meilenstein der Kartographie in einer Stadt, die nur unter den wohlwollendsten Definitionsverrenkungen überhaupt existiert, und dann noch zum 31. Kongress auf der Burg und Festung Sparrenberg.

Alles einhändig? Nicht ganz: Wollina gewann außer allerhand Gratisanfeuerung aus donaldistischen Reihen auch Christian Pfeiler, verdientes Mitglied bei S.N.O.W.L.S., anno 2008 f. aktuelle PräsidEnte und beruflich mit Stadtplanung vertraut, als rechte — oder hier passender: linke Hand.

Für das, was im Laufe der Forschung außer dem Stadtplan entstand, wäre das Wort “Nebenprodukt” eine Beschimpfung: Das bildgenaue Barks/Fuchstext-Stichwortregister von 740 DIN A4-Seiten heißt inzwischen respekt- und liebevoll Der Große Wollina. Leider wird die Konkordanz mit ihren 52.313 Stichworten immer noch nicht regulär verlegt — nicht einmal vom hassgeliebten Ehapa —, nur zum Selbstkostenpreis von 85, Leinen mit Silberprägung 120 Euro, von Wollina auf Zuruf hergestellt. Als Sonderheft 45 des Der Donaldist erschien schon mal “Entenhausen deine Brücken”, eine Beschreibung und Darstellung aller 61 Brücken in Entenhausen, die im Werk von Carl Barks vorkommen, mit umfangreichen kartographischen Angaben auf 112 Seiten. Beim Versuch, einen Verleger zu finden, musste sich Wollina angesichts des gemutmaßten Zeitaufwands fragen lassen: “Mal ganz im Vertrauen: Haben Sie gesessen?”

Das Korpus, nach dem geforscht wurde, war spätestens 2000 mit Carl Barks’ Tod abgeschlossen. Sein Gesamtwerk, erhältlich in der Carl Barks Library in 30 Bänden in 10 Schubern, umfasst etwa 700 Entenhausener Berichte. Wollina und Pfeiler analysierten demnach rund 6.500 Seiten — 52.000 Bilder, eins nach dem anderen, auf denen Barks ganz selten einen tatsächlichen Stadtplanausschnitt sichtbar macht. Jede einzelne Erwähnung von Ortsnamen in der Übersetzung von Frau Dr. Erika Fuchs wurde berücksichtigt und ins vorhandene Material eingepasst. Eine Auffassung “Es wird schon irgendwie stimmen” kam nie in Frage.

Das Begleitbuch in Falk-Planoptik zum Stadtplan, der soeben als Sonderheft 55 an die Mitglieder der D.O.N.A.L.D. verschickt wurde, gibt außer einem erschöpfenden Register Wollinas Forschungsgeschichte wieder: die Mühen der Erhebung, Relationierung, die immer wieder auftretenden Widersprüche in Barks’ unanfechtbarem real existierenden Duckiversum, die oft genug nahelegten, den Bettel hinzuschmeißen; gibt es doch kaum etwas Donaldischeres denn Scheitern.

Und dann die Digitalisierung als standardisiertes Bildmaterial. Schließlich mussten Barks’ vorgegebene Bilder aus den Frames gehoben, in plane Perspektive gerückt und auf Maßstab gebracht werden. Ohne CAD-Programmierung mit Pfeilers stadtplanerischen Kenntnissen in Rasterentzerrung wäre das gar nicht möglich gewesen. Wollina dokumentiert es mit anschaulichen Arbeitsproben.

Jürgen Bröker hat Jürgen Wollina für Die Zeit 49 vom 27. November 2008 in seinem Wohnort Pocking interviewt — für die letzten Zweifler: nicht auf der Witzseite Leben, sondern im Teil Wissen — und gleich zwei Artikel daraus gemacht: Ächz!! würdigt die Bedeutung von Wollinas Arbeit, Dem Erpel auf der Spur ihn selbst — und bringt einen sehr schönen, sehr großen Scan des Gesamtplans der lauschigen Weltstadt an der Gumpe von der Vulkaninsel bis zum Großen Erpelsee, von der Big-Dollar-Ranch bis zur Satanszacke, einschließlich sämtlicher bekannten Wohnsitze von Donald Duck, Daisy und Gustav Gans, aller Geldspeicher von Dagobert, aller Laboratorien von Daniel Düsentrieb, aller Brücken sowie aller nachweisbaren Straßennamen und Verläufe der ÖPNV-Linien auf dem Forschungsstand November 2008.

Der einzig wahre Stadt- und Umgebungsplan von Entenhausen im Format DIN A0 quer, gerollt kann beim Kassenwart der D.O.N.A.L.D. für ein Nichts bestellt werden, weil das N in D.O.N.A.L.D. für “Nichtkommerziell” steht.

Bei seiner Projektidee war Wollina 47. Heute wird er 62. Hoffentlich kann er für den Rest seiner Karriere noch anständig Orden für dieses Lebenswerk abstauben, das wäre donaldisch. Noch einmal die Hymne für M.Ü.C.K.E.!

Der einzig wahre Stadt- und Umgebungsplan von Entenhausen

Bild: Jürgen Wollina/Christian Pfeiler/M.Ü.C.K.E./D.O.N.A.L.D., Dezember 2008.

Written by Wolf

30. December 2008 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

2 Responses

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  1. […] leave a comment » Update zu Überall ist Entenhausen: […]

    Medienschau « Moby-Dick™

    21. February 2009 at 3:12 pm

  2. […] leave a comment » Vorläufige Stoffsammlung für Kapitel 42: Die Weiße/Das Weiß des Wals (”I remember the very first albatross I ever saw” ppp.) und Kapitel 52: Die Pequod trifft die Albatros/Die “Pequod” begegnet der “Albatros”, in enger Verupdatung zu Barks’ Thierleben und Überall ist Entenhausen: […]


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