Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Gesponnen Garn

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Update zu Die Zukunft war noch nie, was sie mal werden sollte:

Der Präsenzbestand der Sammlung Prinzhorn innerhalb der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg enthält rund 5000 Arbeiten von etwa 450 Patienten psychiatrischer Anstalten von 1880 bis 1933, die meisten von 1919 bis 1922.

Die Künstlerpatienten entstammten allen Altersstufen, sozialen Schichten und Berufen, 80% waren männlich. Ihre Dauer der Internierung war unterschiedlich, oft bis zum Lebensende, und teilweise wegen fehlender Krankenakten nicht immer zu klären. Gesammelt wurden sie aus dem Geist der Moderne heraus, die nach authentischer Kunst suchte, worüber sie außer “primitiver” und Kunst von Kindern auch die der Geisteskranken entdeckte.

Die Datenbank der inventarisierten und katalogisierten Bestände ist noch im Aufbau. Eine nahezu vollständige Photothek kann auf Anfrage eingesehen werden. Etwa zwei Drittel der Krankenakten konnten ermittelt und in ihren wichtigsten Daten erfasst werden, für deren Zugang muss man wissenschaftliche Zwecke nachweisen.

Der Kaufmann Josef Heinrich Grebing wurde 27-jährig in die Heilanstalt Heidelberg-Wiesloch eingewiesen, da blieben ihm noch weitere 34 Jahre zum Malen.

Sammlung Prinzhorn Heidelberg, Josef Heinrich Grebing, Neu zu bauende Luft-Arche

Das Wesen der Kunst liegt nicht in der Bestätigung des schon Bekannten, sondern vielmehr in der Provokation und der Grenzerweiterung.

Dem, was unter dem Etikett “Kunst der Geisteskranken” verstanden wird, kommt daher eine besondere Bedeutung zu: Hier zeigen Menschen, deren Zentrum aus einem von der Mehrzahl der Menschen akzeptierten Konstrukt der “Wirklichkeit” ver-rückt ist, welche Bilder sie sich von der Welt machen. Andere Horizonte, andere Meere. Die Koordinaten einer vertrauten Welt sind für solche “Entdecker” unbekannt oder nicht maßgebend. So erkunden die einen unerschrocken, was ihnen an Visionen und Geschichten aufsteigt oder versuchen, wie Josef H. Grebing (*1879 — †1940) mit seinen faszinierenden Zahlenkolonnen, Systemen, Listen, Plänen und Kalendarien, die Welt mit neuem Sinn zu erschließen.

Sein früher geregeltes Kaufmannsleben ist durch seine psychische Erkrankung ins Unwegsame, Unbekannte entglitten und Rettung scheint ihm all jenes zu sein, welches geordnet, systematisiert, aufgelistet und kunstvoll verziert werden kann.

Das von mir hier ausgewählte Blatt, mit farbigen Tuschen in Miniaturschrift mit Zahlen und Buchstaben, in pedantischer Exaktheit beschrieben, muss für Grebing ein Debakel gewesen sein. In der unteren Zahlenreihe hat er sich aus Versehen verschrieben, eine Zahl musste übermalt und verbessert werden, die schöne Ordnung, der vermeintliche Rettungsring im tosenden Meer des Nichts, das rettende Koordinatensystem ist zunichte gemacht.

Wenn, um einen aktuellen Bezug zu schaffen, der moderne Künstler Roman Opalka eine fehlerhafte Zahl in seinem Lebens-Zeit-Kunst-Konzept “Opalka 1965–∞” als “Dokument der Irreversibilität von Zeit” betrachtet (Kunstforum Nr. 150, S. 171), so erachtete J. H. Grebing den seinen wahrscheinlich als katastrophales Missgeschick, als freien Fall ins Bodenlose seiner weggeschlossenen Existenz und ganz subjektiv eben auch als Unumkehrbarkeit seines seelischen Schiffbruchs.

Wir, die wir privilegiert sind einzutauchen in die so anderen Meere der Patienten, dürfen nie vergessen, dass die meisten langsam und ohnmächtig darin ertrunken sind.

Torsten Kappenberg, Museumsassistent & Fotothek

Josef Heinrich Grebing wurde 1940 im Rahmen des Euthanasieprogramms der Nazis in der Tötungsanstalt Schloss Grafeneck ermordet.

Weiterführende Lyrik: Ernst Herbeck: Im Herbst da reiht der Feenwind, Gesammelte Texte 1960–1991,
hg. Leo Navratil bei Residenz Salzburg 1992 — ein Jahrhundertbuch.

Josef Heinrich Grebing, Doppelseite Notizbuch

Bilder: Josef Heinrich Grebing: Neu zu bauende Luft-Arche; Inv. Nr. 624/12 recto;
Notizbuch 1912–1921: Haus des Eigensinns, Berlin.

Written by Wolf

13. January 2009 at 2:21 am

Posted in Meeresgrund

5 Responses

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  1. Oh, was für eine Fundgrube! Die mich fasziniert, begeistert, verzaubert… tief berührt… und (v.a. im Angesicht des historischen Hintergrunds) betroffen macht.

    Und nachdenklich….

    Oha! Schreibt also immer noch wer am Kapitel ‘entartete Kunst’! – wie auch im Haus des Eigensinns angemerkt; und nicht zu Unrecht, wie ich finde.

    Wer definiert – zumal in der Kunst -, was geisteskrank und ver_rückt ist? Und wer will sich anmaßen zu postulieren, welches Bild von der Welt zu malen und mit welcher Motivation, erst recht im Kontext von Kunst, das richtige ist? – Das sollte zumindest eine zulässige Frage sein, sogar wenn man nur das angeführte Zitat in sich nachhallen ließe:

    „Das Wesen der Kunst liegt nicht in der Bestätigung des schon Bekannten, sondern vielmehr in der Provokation und der Grenzerweiterung.“

    Oder dürfte man dann nicht andersherum jeden Künstler und seinen höchsteigenen Blick auf die Welt auf seine Art ver_rückt nennen, sogar den armseligen Dilettanten, der man selber ist und der sich womöglich nicht mal zu selbigen zählen darf…? Wieviele mögen wohl unter den/uns „Nichtinternierten“ sein (heißt das etwa tatsächlich auch heute ‘interniert? – furchtbares Wort), die sich solcherart vor dem Ertrinken an eben dieser Welt zu retten suchen?

    Hmmm… vielleicht hätten es andere Gedanken als diese werden sollen zu so einem Blog – mit mehr Kompetenz als Emotionalität und Aufgewühltsein? – aber sie kamen einfach so.

    Sehr spannender Beitrag, der einen nicht so schnell wieder loslässt. Danke, Wolf.

    hochhaushex

    13. January 2009 at 11:50 pm

  2. Wieso danke — ist doch bloß ein bissel was zusammenkopiert .ò)

    Eine alte Frage, wo Genie aufhört und Wahnsinn anfängt oder umgekehrt; ich hab den Versuch aufgegeben, sie zu entscheiden: Es gibt Sachen, bei denen ist man froh, dass man sie nicht verantworten muss. Schätzt heute noch irgendjemand Kunst, die zu einer saudummen Zeit mal als entartet eingestuft wurde? Das ist doch heute schon fast ein Qualitätsmerkmal…

    Der als weiterführend verlinkte Ernst Herbeck war mit Schizophrenie “interniert” oder wie man das immer politisch korrekt bezeichnen mag — was man seiner Lyrik auch anmerkt: Die Sprache ist vorne und hinten kaputt, Sätze nicht zu Ende geführt, Bilder wüst zusammengestellt — und genau das ist die Freude daran. Die so zusammengefasste Kunst von Geisteskranken richtet sich wohl danach, ob die Künstler den entsprechenden medizinischen Befund aufweisen, manches aus ihren künstlerischen Hervorbringungen macht einfach nur einen hellen anarchischen Spaß.

    Wolf

    14. January 2009 at 12:26 am

  3. Wieso danke? – Hehe, und wer hats erjagt, ercopyt und ergräbelt? ;o))

    Ei, und du hast wohl den Herbeck selber? So wie du schwelgst und was man so drumherum schnökert, versucht’s einen ja gleich auszuprobiern, ob da auch im Winter der Feenwind reiht. Was meinst? :o)

    hochhaushex

    14. January 2009 at 6:27 am

  4. Ein empfehlenswertes Buch zum Thema psychische Erkrankungen (in dem Fall: manische Depression) und Kunst ist übrigens Kay Redfield Jamisons’s “Touched with Fire” – wissenschaftlich fundiert, liest sich aber wie ein Roman.
    (Kein deutscher Verlag hat sich bisher dazu herabgelassen, Frau Jamisons exzellente Bücher zu übersetzen, bis auf ihre Autobiographie, die man bei Goldmann als rührseliges Frauen-Memoir verramscht hat. Tsk.)

    cohu

    14. January 2009 at 10:26 am

  5. Den Herbeck empfehl ich tatsächlich aus eigenem Bestand — und Frau Cohu wollen wir auch mal was glauben :o)

    Wolf

    14. January 2009 at 10:44 pm


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