Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Der arme Dough-Boy

with 3 comments

Jürgen hat Kapitel 34: An der Kajütstafel gelesen (und dazu die passende Musik gehört):

Democracy is two wolves and a lamb voting on what to have for lunch.
Liberty is a well-armed lamb contesting the vote.

Benjamin Franklin

Jürgen Jessebird SchmitteMan könnte sich vorstellen, dass ein “normaler” Leser des Moby-Dick dieses Kapitel liest – und gleich wieder vergisst. Selbst wenn man es liest mit dem festen Vorsatz, etwas darüber zu schreiben, bleibt nicht gleich etwas hängen. Das, was hängenbleibt, ist eigentlich fast schon zu offensichtlich.

Zum Einen werden uns en miniature zwei gegensätzliche Gesellschaftsentwürfe aufgetischt. Da haben wir die bis zur Selbstzerfleischung gezwungen wirkende Tischgesellschaft der Offiziere (das dürfte ein feudales System sein – Sultan und Emire) und die buchstäblich wilde Ungezwungenheit der Harpuniere („frantic democracy“).

Dann ist da noch der arme Flask, der trotz seines gesellschaftlichen Aufstiegs vom Matrosen zum Steuermann in einer blöden Situation steckt: von den „Großen“ ist er der „Kleine“ – und damit der Gekniffene, kommt zuletzt, muss als erster fertig sein mit dem Essen und wird einfach nicht mehr satt…

Warum das so ist? Eine wirklich schlüssige Erklärung bleibt Melville uns schuldig. Eine der Merkwürdigkeiten der „sea-usages“ eben. Vielleicht fühlen sich die Steuerleute unwohl am „ivory-inlaid table“ des Kapitäns, nicht in ihrem Element? Das würde zwar die devote Haltung gegenüber Ahab erklären (der nun auch wahrhaft eine respekteinflößende Person ist, ein „mute, maned sea-lion“), aber nicht die strikte Beachtung der Rangfolge untereinander. Wenige Seiten vorher hat Stubb seinem Untergebenen Flask von einem ziemlich respektlosen Traum über Ahab erzählt – und nun hat Flask darauf zu achten, wann Stubbs Mund leer ist – denn er muss ja vorher fertig sein. So ganz passt das nicht zusammen. Will uns der Autor damit was sagen?

In starkem Kontrast dazu die zweite Tischgesellschaft. Die Harpuniere, „frantic democracy“. Das Essen als sinnliches Erlebnis, ohne lästige Regeln und Schranken. Hier sind alle gleich, jeder frisst, was er kann. Keiner bleibt hungrig. „Edle Wilde“? So scheint es auf den ersten Blick, so stellt man sich das Zusammenleben „solcher“ Menschen doch vor…

Das wäre doch jetzt nachvollziehbar und politically correct: Demokratie vs. Pseudo-Feudalismus. And the winner is… Demokratie (natürlich).

Es gibt aber ein Detail, das mir keine Ruhe lässt. Das ist der Steward, Dough-Boy. Mal ehrlich, so als Durchschnitts-Mitteleuropäer oder was auch immer, jedenfalls ganz entschieden als Nicht-Harpunier: Wo würden Sie lieber das Essen servieren – in der Runde um Ahab oder bei den wilden Kerls? Ahab und die Steuerleute werden Dough-Boy wohl nicht groß beachten, sie lassen ihn seine Arbeit tun. Tashtego, Daggoo & Queequeg dagegen drangsalieren den armen Kerl und werden sogar handgreiflich. Nur zum Spaß sicher – aber Dough-Boys Furcht ist echt.

Dieses kleine Detail ist es, das die ganze idealisierte Darstellung wieder ins rechte, sprich realistische, Licht rückt. Gesellschaftsentwürfe, gleich welcher Ausrichtung, sind eine feine Sache – man sollte darüber aber nicht das wirkliche Leben vergessen. Mancher (wie Flask) lebt nicht gut unter dem einen System, mancher (wie Dough-Boy) leidet unter einem ganz anderen.

Das ist dann der Melville, wie ich ihn mag, nicht dogmatisch, sondern praktisch, mit einem Blick aufs richtige Leben statt auf irgendwelche Ideologien.

The Crew of the Pequod, Dunechaser, 28. Februar 2006

Bild: Dunechaser: The Crew of the Pequod, 28. Februar 2006.
Film: Walt Disney: Ben and Me, 1953: Part 1, Part 2, Part 3.

Written by Wolf

14. January 2009 at 12:10 am

Posted in Steuermann Jürgen

3 Responses

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  1. “Two wolves…” ist garnicht von Benjamin Franklin? Da muss ich aber mal dem Piper-Verlag Bescheid geben – aus “Scheinbildung” habe ich das Zitat nämlich…

    Jessebird

    15. January 2009 at 10:14 am

  2. Jau, ich kannte das auch mit der Zuschreibung an Franklin. Fragt sich, wie lange, denn “the second sentence especially might not even be as old as the internet”…

    Wolf

    15. January 2009 at 11:06 pm

  3. […] des feudalen Sultanats und der frantic democracy angeht, die Jürgen ja bereits sehr eingängig abgehandelt hat, so ist das ja alles gut und schön, aber irgendwas stimmt an denen trotzdem nicht, da hat er […]


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