Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Before Sunrise

with 4 comments

Das sind die schönsten Kneipen heute: in denen man noch — oder muss es heißen: wieder? — rauchen darf. Und die bis 5 Uhr in der Frühe geöffnet haben. Die von einer einzigen Bedienung geschmissen werden — das ist kein Job für eine demotiverte Ein-Euro-Kraft, sondern für eine Fee. Und in denen du nach zehn Jahren wieder eingelassen wirst, als ob du nie draußen gewesen wärst, wo dich noch der größte Teil der Gästeschar kennt und sich einer nach dem anderen um ein paar Minuten Audienz zu dir gesellt an das heute noch durchgebumstere Kneipensofa — denn es gibt eins, das seit damals nur auf dich gewartet hat — in denen noch die selbe Fee wie damals regiert, und sie sich sogar dich als letzten Gast zum Hinauskassieren aufhebt. Solche muss man erst mal finden. Am besten benutzt du die aus deiner Jugendprovinz weiter, wenn du sie nach zehn Jahren besuchst.

“So, jetzt komm ich zu dir.”

Sabina mit a lässt sich neben mich aufs Sofa plumpsen und rummelt sich zurecht. Befreites Ächzen.

“Bild dir bloß nix ein”, sagt sie, “ich komm bloß nicht mit dem Block an deinen Platz. Kannst du vielleicht bitte mal deine ambulante Dichterstube aufräumen? Danke.”

“Für dich immer. Sogar in diesem Ton.”

“Welchem Ton schon wieder? Ich sag sogar noch bitte, von welcher Fachkraft hast du das früh um viertel sechse zuletzt gehört?”

“Du hast immer noch dein Kommando-Bitte-Danke drauf wie vor zehn Jahren.”

“Tägliches Training, mein Bester. Was machst du überhaupt inzwischen so?”

“Das willst du früh um viertel sechse wissen?”

“Als Schnelldurchlauf bitte. Du hast die ganze Nacht lang nichts anderes erzählt.”

“Nichts, wonach mich die Leute nicht ausgequetscht hätten.”

“Böse, böse heimatliche Inquisition.”

“Ich nenne es Audienz. Bei meinen Eltern war ich nicht.”

“Die leben noch?”

“Wollen wir es ihnen wünschen.”

“Der verlorene Sohn hat wenigstens bei seinen Eltern vorgesprochen, als er nach zehn Jahren mal daheim vorbeigeschaut hat.”

“Warum heißt er dann immer noch verlorener Sohn?”

“Aus dem gleichen Grund, warum du immer noch als einziger Sabina mit a zu mir sagen darfst.”

“Aha — das hast du gehört?”

“Hör ich irgendwas nicht?”

“Bestellungen nach Hühnersuppe?”

“Die ist so ein Aufwand…”

“Du heißt doch noch so — oder hast du geheiratet?”

“Hab ich. Aber schon wieder geschieden.”

“Wer war denn der temporär Glückliche?”

“Den kennst du nicht.”

“Heißt der jetzt auch Sabina mit a?”

“Nö, hat seinen Mädchennamen wieder.”

“Der vor…” — ich rechne mit allen zwanzig Fingern — “zwölf Jahren da drüben auf den Tisch gereihert hat…?”

“Ja, mein Gott, und den ich dafür nicht rausgeschmissen hab, sondern ihm den Platz freigewischt, Mut zugesprochen und einen Kaffee aufs Haus gemacht hab.”

“Mit Amaretto!”

“Nur kein Neid.”

“Sowas heiratet man doch nicht.”

“Hab ich nach zwei Jahren auch eingesehen.”

“Zwei Jahren gleich?”

“Ach, Akademikerehen…”

“Mich wolltest du ja nicht.”

“Hast du vielleicht gefragt?”

“Mit jedem Wort.”

“Die waren alle so verwaschen.”

“Auf Wasserschlucker gehst du doch erst recht nicht.”

“Und du so?”

“Danke der Nachfrage. Als ob du nicht die ganze Nacht meine Lebensgeschichte ein paarmal zusammengelauscht hättest.”

“In allen Versionen.”

“In allen freigegebenen.”

“Die sind frustrierend genug.”

“Was fragst du dann?”

“Servicetraining, das sagt man halt so.”

“Du hast eine Ausbildung für diesen… für diese Parodie auf einen… also für das, was du seit zehn Jahren…”

“Sag jetzt nicht Falsches.”

“Also gut: für das, was du seit fünfzehn Jahren machst.”

“Sechzehn.”

“Entschuldige.”

“Gern geschehen. Du hast doch auch keine Schreibausbildung.”

“Du meinst, außer der Zeit in der Werbeagentur?”

“Ey, voll das Praktikum, Alder ey.”

“Und als Freelancer übernommen worden!”

“Fast so gut wie Festanstellung.”

“Nur effizienter.”

“Nicht zu vergessen deine selbstständige Zeit.”

“Und studiert.”

“Germanistik, hm? Weil kein Numerus Claudius drauf war.”

“Ich würd’s wieder tun.”

“Um unfallfrei ein Buch lesen zu können.”

“Und auf euren mickrigen Tischen jederzeit ein Büro zu eröffnen.”

“Das war ja leicht. Jetzt zeig mal, wie schnell du’s auflösen kannst.”

“Ein Löffelstiel. Es ist weniger geworden seit Eröffnung. Irgendwer hat mir einen Druckbleistift gestrapst.”

“Au weh. So einen für acht Mark?”

“Stärke HB, 0,7.”

“Die besten.”

“Deine Empfehlung vor zehn Jahren.”

“Zwölf.”

“Beherzige ich bis heute.”

“Du bist so gut.”

“Und du rechnest auch immer noch in Mark.”

“Fühlbare Währung.”

“Es ist immer genau ein Buch, das nicht mehr zurück in den Rucksack passt.”

“Hey, der ist gut, den nehmen wir nächstes Jahr für den Februar.”

“Reicht der Platz jetzt für deinen raumgreifenden Rechnungsblock, du Servicekraft?”

“Früher hast du mich eine Fee genannt.”

“Und heute bist du glücklich geschieden und darfst nicht übermütig werden.”

“Welches Buch passt denn nicht mehr rein?”

“Das beste.”

“Moby-Dick.”

“Northwestern-Newberry.”

“Es soll keiner sagen, dass du dir nicht selbst treu bleibst.”

“Es ist Alchimie. Ich bin auf der Suche nach dem idealen Buch.”

“Lernt man das nicht in Germanistik?”

“Nicht mal auf Marketing- und Vertriebsassistent für Buchhandel und Verlage.”

“Den Titel kannst du jetzt aber langsam aussprechen, hm?”

“Langsam nicht mehr.”

“Kein Wunder, ist ja schon halb sechse.”

“Ist ja gut! Reichen zwanzig Öcken?”

“Das hättest du gern.”

“Die zwanzig Öcken? Och, da steh ich drüber.”

“Alter Schnäppchenjäger. Einundvierzig fuchzig bitte.”

“Damit’s nicht so aufgerundet aussieht, oder was?”

“Und Spielraum für Trinkgeld bleibt, du Fuchs.”

“Sagtest du nicht, du denkst noch in Mark? Dann kämen die zwanzig ungefähr hin.”

“Und bleibt sogar noch was übrig. Gib mir vierzig und wir reden nicht mehr drüber.”

“Stimmt so.”

“Geht doch.”

“Was ist denn das ideale Buch? Ich brauch was zu lesen.”

“Sabina mit a. Das ist ungefähr so, wie wenn du in die Parfümerie kommst und fragst, womit man sich hier waschen kann.”

“Weiß schon. Glaubst du, meine kulinarischen Künste werden hier gewürdigt?”

“Hühnersuppe?”

“Schinken-Käse-Baguette.”

“Die zieht solche Fäden.”

“Du sollst sie ja auch bei dir behalten.”

“Das ist meine kulinarische Kunst.”

“Jetzt weiß ich, warum deine Eltern nicht mal mehr fragen, ob du kommst.”

“Das ideale Buch, teure Freundin, beinhaltet Moby-Dick, und zwar dreimal.”

“Weil man bis zum Schluss sowieso vergessen hat, was am Anfang war?”

“Damit man das Original mit der Überserzung direktvergleichen kann.”

“Auf Doppelseiten parallel?”

“Du bist ein kluges Mädchen.”

“Welche Übersetzung?”

“Friedhelm Rathjen und Matthias Jendis.”

“Ich bin ein kluges Mädchen und kann schon bis zwei zählen.”

“Daher dreimal.”

“Das wird aber schwierig mit den Doppelseiten.”

“Was glaubst du, wieso ich immer noch keinen Verlag hab?”

“Allein deswegen — hätte ich nie bezweifelt.”

“Und weil die Illus von Rockwell Kent dazwischen müssen. Und zwar alle.”

“Geht nix mit Aufklappseiten?”

“Wie der Centerfold? Ein Popup-Buch über dreieinhalbmal achthundert Seiten?”

“Das kann nicht mal ich im Kopf rechnen.”

“Und du könntest es auch nicht in deinen Rucksack stopfen.”

“Plus Anmerkungsapparat.”

“Und zeitgenössische Kritiken.”

“Auch alle.”

“Und Seemannsglossar.”

“Und Billy Budd.”

“Und Bartleby.”

“Im Original und ein oder zwei Übersetzungen.”

“Und die Gedichte.”

“Einschließlich Clarel.”

“Gut, dass der nur einmal übersetzt ist.”

“Bis jetzt!”

“Dann ist ja noch Platz für ein paar CDs voll Einlesung.”

“Nicht unter Christian Brückner.”

“Wo denkst du hin.”

“Es läuft auf die Sämtlichen Werke hinaus.”

“Nämlich die von Herman Melville.”

“Muss man das dazusagen?”

“Fürs Exposé schon.”

“Seit wann denkst du so adressatenbezogen?”

“Als ob ich kein Akademiker wäre.”

“Deshalb brauchst du die Geschäftsfrau in mir.”

“Kommentiert und illustriert und mit erschöpfendem Begleitmaterial möbliert.”

“Lesebändchen, im Schuber.”

“In Walhaut gebunden?”

“Nein, das gibt schlechtes Karma für die Alchimie.”

“Du bist begabt. Warum sind wir eigentlich weder Kollegen noch verheiratet?”

“Fängst du wieder an?”

“Na gut, ich hab so viele Jobs, auf die eine oder andere Tour bin ich jedermanns Kollege.”

“Wenn es dich beruhigt: Ich hab ja auch all die Jahre auf dich gewartet.”

“Sag bloß, der Portwein…”

“… ist aus der gleichen Flasche, die du vor zehn Jahren angefangen hast.”

“Wird nicht viel verlangt, hm?”

“Seltener als Hühnersuppe.”

“Musst du davon reden?”

“Einen zur Verdauung?”

“Hab ich die Flasche nicht geschafft?”

“Ich hab noch eine.”

“Zehn Jahre länger abgelagert, als draufsteht.”

“Und in zehn Jahren willst du auch wieder was.”

“Du bist so ein Schatz.”

“Eine Fee, wie du zu deinen charmanten Zeiten anzumerken beliebtest.”

“Was ist mit den drei Wünschen?”

“Werd nicht unverschämt. Mit deinen vierzig Steinchen fährst du ganz gut.”

“Fünfzig.”

“Prost, Alter.”

Es ist dann noch ein sehr schöner Morgen geworden.

Jubliäumssoundtrack: The Muffs sind volljährig! Erster Auftritt am 25. Januar 1991
in The Shamrock, Los Angeles: I Don’t Like You.

Written by Wolf

25. January 2009 at 1:43 pm

Posted in Mundschenk Wolf

4 Responses

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  1. Wer keinen Portwein bestellt, ist selbst schuld!

    BillyBudd

    25. January 2009 at 5:47 pm

  2. Und der Kim Shattuck würdest selbst du eine Hühnersuppe abkaufen; die erinnert eh so an Sabina mit a.

    Wolf

    25. January 2009 at 10:32 pm

  3. […] leave a comment » Update zu Before Sunrise: […]

  4. […] a comment » Update zu Before Sunrise: Jeden Tag les ich mein Horoskop in der Bild. (Was dann? Was dann?) Dann koch ich mir ein Ei, weil […]


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