Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Der arme Belsazar

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Elke hat Kapitel 34: An der Kajütstafel gelesen:

Die Welt hat nie eine gute Definition für das Wort Freiheit gefunden.

Abraham Lincoln

Elke HegewaldIch nehme mir mal – ganz undefiniert – die Freiheit, mich heuer bei Tische, respektive in unserem sinnbildlichen Meer nach dem unlängst besungenen Walfischprinzip zu betragen. Zumal das melvillesk ist, wie uns unser Käpt’n glaubhaft referiert hat. Und weil dem Anschein nach die Walgründe dieses Kapitels von meinen Waljägerkollegen schon weitgehend abgefischt sind.

Zum Glück scheint ja jeder von uns sein ganz eigenes Walfischprinzip zu haben. Oder, um (joah, sind wir Melvilleasten oder sind wir Melvilleasten?) mal ein anderes Bild zu bemühen: Jegliches, das wir lesen, schicken wir durch das ganz private Prisma in uns drin. So dass das helle Licht unserer Gedanken, das hinter dem eingesogenen Plankton aufscheint, darin im höchstpersönlichen (Blick-)Winkel, am eigenen Wissen, Erinnern und Vergleichen gebrochen und reflektiert wird. Kopfkino im besten Sinne – und das ist gut so, bei aller Vorgabe.

Ich such also mal halbwegs zu sortieren, was mir beim Nachfischen noch so ins Netz gegangen und wohin meine abseitigen Lesestrahlen gefallen sind.

Ritter der Tafelrunde

Es fängt an wie stinknormaler Schiffsalltag an Deck und ist wohl auch einer. This means seinen Verrichtungen nachgehen, ‘ne ordentliche Positionsbestimmung vornehmen, sich bekochen und bedienen lassen, Essen fassen, je nach Rangordnung mit dem armen Teigkopp seine derben Späße treiben oder auch nicht. Und schon erhebt sich die erste Frage: ob denn auf einem Walfänger wie der Pequod die Anstellung eines Stewards eine Personalunion mit dem gängigen Smutje darstellt, der die für ein Walfangschiff immerhin wohl recht fürstlichen Fütterungen gemeinhin auch noch selber ausheckt, statt sie lediglich zu kredenzen. Wissen wir doch spätestens seit der Herrschaft des Londonschen Seewolfs oder so, dass die Typen in der Kombüse in aller Regel Sonderlinge sind und allerorten schon gern mal die Suppe auslöffeln müssen, die den wilden Kerlen nicht schnell oder wohlschmeckend genug auf den Tisch kömmt. Was sich wiederum, so oder so, häufig auf ihren Charakter auswirkt.

In der Begünstigung des Attentats auf die Sonne durch Herrn Jendis vermute ich eher einen Übersetzungslapsus denn einen Vorgriff auf Ahabs trutzige Ansage. – Oder benennen das die Insider gar mit diesem Translator-Terminus? Gehört hab ich es so jedenfalls noch nie und gäbe hier auch der Rathjen-Version den Vorzug.

Was die beiden in den Tischsitten verfremdet angelegten Gesellschaftsentwürfe des feudalen Sultanats und der frantic democracy angeht, die Jürgen ja bereits sehr eingängig abgehandelt hat, so ist das ja alles gut und schön, aber irgendwas stimmt an denen trotzdem nicht, da hat er Recht, der Jürgen.

Das augenscheinliche Offiziersritual, einander der Rangfolge nach an die Tafel zu rufen, das bewusst zelebriert und ganz praktikabel erscheint, motiviert ja durch die Anwesenheit ihres finsteren Kapitäns vielleicht noch das ehrfürchtige bis unterwürfige Schweigen der nachrangigen Chargen von gestandenen Seebären am Tische. Zu dem Melville beiläufig sogar einflicht, dass der Alte Tischgespräche keineswegs untersagt habe (Jendis, Seite 252). Doch erklärt es irgendwie in keiner Weise die übermäßig sklavische Befindlichkeit des kleinen Flask – von der muss wohl irgendwas aus ihm selber kommen. Und solches, nachdem er noch an Deck seinen Gang zur Tafel geradezu clownesk vorbereitet hat. Präventives Kompensationsverhalten oder was?

Als sei das nicht dicke genug, avanciert er aus lauter Angst, unbotmäßig zu sein (die ihm offenbar auch kein Schwein abverlangt – außer er selber), gar zum vor sich hin hungernden butterless man. Tsss… da lässt uns unser hausheiliger Schreiber so einiges zum Walfischen offen, mein lieber Schwan! Sollte dieses gar an den Anweisungen der noch höheren Obrigkeit liegen, der der gute Flask gleichfalls blind ergeben ist? Ich musste dabei nämlich wieder an die bigotte und zu (Lach-)Tränen rührende Abschiedsrede des alten Bildad in Kapitel 22 denken, wo der so inständig an die moralischen Tugenden und die Sparsamkeit der Männer – auch in Butterfragen – appellierte.

Jajah… und unsere herzerfrischenden frantic Demokraten und edlen Wilden mitsamt ihrer ganzen urwüchsigen Lebensfreude und der Anlage, selbiges auch noch in vollen Zügen genießen zu können, ohne dass hemmende Schranken ihnen was anhaben können? Die fastbeinah schon dem Jedem-nach-seinen-Bedürfnissen-Dingens frönen? Was malträtieren die ihren dienstbar schlotternden Oberkellner so arg? So hätt das ja nich mal der Kommunismus wollen gewollt, glaub ich. Aber hey, es ist Melville, der muss uns das Leben nicht auch noch erklären. Oder wie sagte es Jürgen so schön?

Überhaupt hab ich – ihr wisst ja, wie gern ich spinn – mich während dieses ganzen großen Fressens und vorsichtigen Bissenzählens gefragt, ob es nicht mit dieser Kapitänstafel noch eine andere Bewandtnis hat. Schließlich fängt man doch gleich an, im Kopf Bilder umzublättern mit diversen anderen Tafelungen und bacchantischen Gelagen, die schon seit biblischen Zeiten gern hergezeigt werden – wenn nicht noch viiiel länger. Ihr nicht? Siehstewoll, ich sag doch, ich spinne. Und ‘ne Antwort hab ich auch nicht.

Doch wenn einem bei der Fressorgie der Harpuniere nicht umgehend, nun, kein kannibalisches Festmahl am Südseestrand, doch eine ausgelassen fressende, bechernde und rülpsende Ritterbande des Mittelalters vor Augen steht, dann weiß ich auch nicht. Über deren berühmteste des König Artus, der ja die runde Tafel erfunden haben soll (aus Gründen, die der Ahabschen Ritterrunde wohl zuwidergelaufen wären), heißt es, dass an ihr gespeist, beraten und sich vergnügt wurde. Sie hat vom alten Geoffrey Chaucer über Sir Thomas Malory, Shakespeare, Heine etc. bis Monty Python Generationen von Schreiberlingen inspiriert – warum nicht auch Melville?

Die Runde mit den Jüngern zum letzten Abendmahl mag man vielleicht nicht unbedingt hierher zitieren. Und ob es die heuer allseits beliebten Kapitänsdinner auf Kreuzfahrtschiffen in großer Abendgarderobe und müt lüppenspützendem Büssenzählen damals schon gab, weiß kein Walfänger nich.

Rembrandt van Rijn, Belsazar

Doch wo der Wolf sich schon in so dankenswerter Weise um die Einführung neuer Gestalten verdient gemacht hat, wartet da noch eine mitsamt ihrer schwelgenden Tafelrunde, die bei Melville zur Beschreibung von deren Erhabenheit oder Hoffart herhalten darf. Der erwähnte Belsazar nämlich. Genau genommen gab es derer sogar zwei und er meinte sie beide: der erste, seines Zeichens König von Babylon so um Fünfhundert und paar Zerquetschte vor Christus, muss demnach die Erhabenheit des Tafelvorsitzes zelebriert haben, ist aber langweilig. Der andere war ein Sohn des biblischen Nebukadnezar und das Beispiel für die Hoffart. Denn er entweihte bei einem wilden Festmahl die Gefäße Jehovas, die sein sauberer Vadda aus dem Tempel in Jerusalem geklaut hatte, und ließ sich aus ihnen vollaufen. Woraufhin umgehend eine unheilvolle Flammenschrift an der Wand erschien, die im Suff… öh, Quatsch, weil eine überirdische Unheilverkündung, kein Mensch außer dem Propheten Daniel zu lesen vermochte – das Menetekel.

… Belsazar ward aber in selbiger Nacht
von seinen Knechten umgebracht.

schrieb später Heinrich Heine in seiner Ballade zum Ereignis. Nun, fallllls Herman uns hiermit auch eine – sehr vage – Vorahnung bedeuten wollte, eins ist sicher: Ahabs Ritter und Knappen dürfen ihre Hände in Unschuld waschen – wir wissen ja schon, wer’s war.

Bilder: King Artus: Die Tafelrunde;
Rembrandt Harmenszoon van Rijn: Das Gastmahl des Belsazar, 1635.
Film: Knights of the Round Table, aus: Monty Python and the Holy Grail, 1975.

Written by Wolf

26. January 2009 at 12:10 am

Posted in Steuerfrau Elke

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