Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Mit einem alten Eichenbett (Der Krieg war aus)

with 3 comments

Update zu Vorabendvorstellung:

Hast du Tripper, Syph und Schanker,
bist du noch lang kein Kranker.
Erst wenn das Dingens kracht und zischt,
hat es dich erwischt.

Volksgut, ab ca. 1939.

Extrabreit waren mal Big Shots in der Neuen Deutschen Welle, die auch schon wieder erschütternd lange her ist, wobei man sich schon blöd genug vorkommen muss, wenn man sich als Punkband versteht. Nachdem sich Horst-Werner Wiegand und sein Nachfolger im Gesang Kai Havaii lange genug blöd dabei vorgekommen waren, vor einer Halle voll Halbglatzenträger “Hurra, hurra, die Schule brennt” zu johlen, erzählt letzterer heute lieber von kurz nach dem Krieg. Die Krächzestimme ist noch frisch.


Extrabreit: Besatzungskind direkt.

So erfährt man endlich mal von Kai Havaii das englische Wort für Amischnalle: Veronika Dankeschön:

Der Name ‘Veronika Dankeschön‘ stammt aus einer Broschüre der US-Army von 1945 zum Umgang mit den besiegten Deutschen und bezeichnete deutsche Frauen, die sich mit GIs einließen. Die Initialen standen für ‘venereal disease‘, also Geschlechtskrankheit. Ich fand diese Story interessant und habe dann in “Besatzungskind” meine eigene draus gemacht.

Außer in diesem überaus konstruktiven Randgruppen-Outing ist der schrecklich-schöne Frauenname von amerikanischer Seite belegt: am gültigsten bei Raingard Esser: Language No Obstacle: war brides in the German press, 1945–49 (Women’s History Review, Volume 12, Number 4, 2003):

The need to make a living – often not only for themselves, but for dependants too, in a situation of extreme poverty and shortages – also created another, less favourable image of post-war German women. Fräulein Veronika Dankeschön became the wayward sister of the Trümmerfrau. In American military circles Veronika Dankeschön was a euphemism for venereal diseases and their spread in almost epidemic proportions, particularly among the American occupation forces in post-war Germany. Prostitution was widespread and very welcome to ordinary soldiers. For obvious reasons, army officers and American government officials were less pleased with these developments and launched an aggressive media campaign against prostitution and German–American sexual relations in their zone. In countless cartoons and articles Veronika Dankeschön was depicted as a disease-ridden seductress. She was “at best” naively immoral and hungry for sex, “at worst” an Aryan siren who used her sexual powers to undermine the American victory through an attack on the soldiers’ morale and virility.

Darüber hinaus in Anja Schonlaus Dissertation Syphilis in der Literatur, 2005 — wonach der Name speziell für Syphilis und somit in einer Reihe mit den seit der Renaissance bekannten Euphemismen steht, die Promiskuität dem jeweils nächstöstlichen Volk zuschreiben: In England heißt Syphilis Französische Frankheit, in Frankreich Deutsche Krankheit, in Deutschland Polnische Krankheit und in Polen Russische.

Noch kompakter äußert sich Lexikologie/Lexicology von D.A. Cruse, ebenfalls 2005, im Eintrag über Veronikas:

Veronikas, ‘prostitutes’ (from Veronika Dankeschön = VD), Ami-Flittchen, -Hure; hoarding and smuggling criminalized the population whose Wirtschaftsdelikte were still tried according to Nazi laws.

Was immer im Osten so verrucht sein soll, hätte mich aufrichtig die erwähnte Broschüre, das Instrument der besatzerischen Aufklärung, nun ja: gejuckt.

“Jimmy kam aus Tennessee und er landete in der Normandie” — und noch fünf Monate bis zum 65-jährigen D-Day. Schon wieder sowas, das man feiern könnte, wenn man müsste.

Lied: Extrabreit: Besatzungskind, aus: Neues von Hiob, 2008.

The Veronicas

Eichenbett: Lisa & Jess, The Veronicas (“Take Me on the Floor“), Brisbane, Queensland, Australien, 2009.

Written by Wolf

30. January 2009 at 12:01 am

Posted in Wolfs Koje

3 Responses

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  1. “Prostitution was widespread and very welcome to ordinary soldiers.”

    …während die Offiziere und Generäle sich zweifellos ausschließlich mit Briefen an die Ehefrau und kalten Duschen beschieden :-)

    (Kannten die US-Soldaten vielleicht sogar das anzügliche Comedian-Harmonist-Lied, in dem es um eine reizende Dame gleichen Namens geht? Das kam 1930 raus, und es heißt sogar bei Wikipedia”: “Einer der Höhepunkte ihrer Tournee war das Konzert auf dem Flugzeugträger USS Saratoga in New York City vor der versammelten US-Atlantik- und Pazifikflotte im Juni 1934.”)

    cohu

    30. January 2009 at 2:51 pm

  2. Was an dem bekannteren Veronikalied so toll sein soll, verschließt sich mir nicht erst seit der Angenervtheit der Wölfin, die damit zu lange inkommodiert wurde. Vorpubertäre Anzüglichkeit in einer Form, die vielleicht mal zwei Strophen und einen Refrain lang Spaß macht, aber doch nicht pausenlos seit 1930. Interessant wäre jetzt, ob der VD-Doppelsinn schon auf dem Flugzeugträger 1934 bekannt war. Wenn das erst ab Besatzung regierungsseitig installiert wurde, eher nicht, oder?

    Natürlich schreiben Offiziere nur mit käuflicher Tinte an ihre eigenen Frauen. Guckst du kein M*A*S*H? :o)

    Wolf

    30. January 2009 at 7:09 pm

  3. […] Update zu Mit einem alten Eichenbett: […]


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