Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Up the rigging very leisurely

with one comment

Jürgen hat Kapitel 35: Im Masttopp gelesen:

Jürgen Jessebird SchmitteIch stand schon mal auf dem Münchener Olympiaturm – und fragte mich, ob der Boden wohl hält.

Ich stand schon mal auf dem Berliner Fernsehturm – und fragte mich, ob man sich wirklich gegen die Scheiben lehnen sollte.

Ich stand schon mal auf dem Petersdom in Rom – und fragte mich, wie ich da wieder runterkommen sollte.

Jürgen im Masttopp, ca. 1975Und das Foto zeigt mich in jungen Jahren nicht etwa beim Ersteigen des Klettergerüsts – sondern am höchsten Punkt meines Aufstiegs. Die Verzweiflung im Blick rührt daher, dass ich ja auch wieder runter musste. Rückwärts (Urlaub in Ostfriesland, ca. 1975).

Falls Sie es noch nicht verstanden haben, lieber Leser: ich leide unter Höhenangst. Ein äußerst unangenehmes und ziemlich nutzloses Gefühl. Was das mit Moby-Dick zu tun hat?

There you stand, a hundred feet above the silent decks, striding along the deep, as if the masts were gigantic stilts, while beneath you and between your legs, as it were, swim the hugest monsters of the sea,…

Hundert Fuß – das sind über dreißig Meter! Am Ende eines langen Stocks (etwas anderes ist ein Mast doch nicht!), der auf einer Nussschale festgemacht ist, die im Meer umher geworfen wird. Einen noch wackligeren Platz kann man sich kaum denken, oder? Allein die Vorstellung verursacht mir feuchte Hände. Und dann ja auch nicht in einem Krähennest, sondern gänzlich ohne Sicherung, nur auf zwei schmalen Brettchen:

Your most usual point of perch is the head of the t’ gallant-mast, where you stand upon two thin parallel sticks (almost peculiar to whalemen) called the t’ gallant crosstrees.

Und dann beschreibt der Herr Melville auch noch seinen (bzw. Ismaels) Aufstieg in den Masttopp als einen kleinen Sonntagsspaziergang, komplett mit freundlichen Plaudereien:

For one, I used to lounge up the rigging very leisurely, resting in the top to have a chat with Queequeg, or any one else off duty whom I might find there; then ascending a little way further, and throwing a lazy leg over the top-sail yard, take a preliminary view of the watery pastures, and so at last mount to my ultimate destination.

Entweder ist Melville der Fluch der Höhenangst völlig fremd – oder er gibt sich hier bewusst so nonchalant, um darüber hinweg zu täuschen. Immerhin, er gesteht dem Neuling zu, dass er sich da oben unwohl fühlen darf:

Jürgens SchlingernHere, tossed about by the sea, the beginner feels about as cosy as he would standing on a bull’s horns.

Aus ganz persönlichen Gründen also mag ich nicht mehr zu diesem Kapitel sagen. Pantheismus und die alten Ägypter, Nelson und Napoleon – da können sich andere mit vergnügen. Mir reicht die Vorstellung von schwindelnder Höhe und wildem Umhergeworfenwerden. Mehr braucht’s gar nicht.

Und vielleicht soll’s uns auch gar nicht mehr sagen: wir sitzen alle mal im Masttopp und werden herumgeschleudert. Und wenn wir uns nicht gut festhalten, dann versinken wir im Chaos um uns herum…

In diesem Sinne: freuen wir uns auf das Achterdeck! Fester Boden unter den Füssen (relativ)!

Bilder: Allesamt von Jürgen, ca. 1975, 2008, 2009.

Written by Wolf

24. March 2009 at 12:01 am

Posted in Steuermann Jürgen

One Response

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  1. […] Höhe gesellt, von wenigstens hundert Fuß? Nicht jedermanns Sache, wie wir seit der Phobie eines Schiffskameraden wissen. Doch hat sie, wie ich finde, durchaus ihren eigenen Reiz von Freiheit, die Vorstellung, aus […]


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