Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

An Gorta Mór

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Elke macht preußische und irische Kulturgeschichte:

Elke Hegewald„Wat der Bauer nich kennt, det frissta nich“, musste schon der Alte Fritz vor über zweieinhalb Jahrhunderten zur Kenntnis nehmen. Denn seine preußischen Bäuerlein wollten um nichts in der Welt die Kartoffel, dieses seltsame Gewächs aus der Neuen Welt, auf ihren Äckern anbauen. So beschloss er kraft seiner Wassersuppe ohne Kartoffeln und kraft kaiserlicher Befugnis, seine Untertanen zu ihrem Glück zu zwingen. Zumal selbige sich ungefragt und stetig vermehrten und zudem immer wieder Hungersnöte durchs Land marodierten, denen es etwas entgegenzusetzen galt.

Am 24. März 1756, fast auf den Tag genau vor 253 Jahren, ordnete also Friedrich II. per Kartoffelbefehl an, dass auf den brandenburgischen Feldern das knollige Saatgut aus- und zur Ernte zu bringen sei:

Wo nur ein leerer Platz zu finden ist, soll die Kartoffel angebaut werden, da diese Frucht nicht allein sehr nützlich zu gebrauchen, sondern auch dergestalt ergiebig ist, daß die darauf verwendete Mühe sehr gut belohnt wird. (…) Übrigens müßt ihr es beym bloßen Bekanntwerden der Instruction nicht bewenden, sondern durch die Land-Dragoner und andere Creißbediente Anfang May revidieren lassen, ob auch Fleiß bey der Anpflantzung gebraucht worden, wie Ihr denn auch selbst bey Euren Bereysungen untersuchen müsset, ob man sich deren Anpflantzung angelegen seyn lasse.

Friedrich II.: Circular Ordre. 24. März 1756

Immerhin dauerte es auch danach noch etliche Verordnungen und an die dreißig Jahre, bis der nahrhafte, wohlschmeckende Erdapfel sich in deutschen Landen durchgesetzt hatte. Mjamm, und was wären wir heut ohne ihn.

Robert Warthmüller, Der König überall, 1886

In Irland geschah Umgekehrtes. Die Kartoffel, von der dort heute im Gegensatz zu anderen Gegenden keiner mehr so recht weiß, wie sie da hingekommen ist (die Legenden reichen bis zu Plünderungen der Vorräte aus gestrandeten Wracks der besiegten spanischen Armada), hatte die Bevölkerungsexplosion zur Folge statt zur Ursache. Sie war schon am Ende des 17. Jahrhunderts zum billigen und fruchtbaren Sattmacher auf der Grünen Insel geworden, wo die kleinen Pächter unter den Abgaben an Getreide und Tierprodukten für die britischen Landlords stöhnten.

Die existenzielle Abhängigkeit vom Knollenanbau war durch die herrschenden Zustände quasi selbst gemacht. Und führte auf dem durch die britischen Zollschutzmaßnahmen zur Agrarregion degradierten Eiland zusammen mit der Wirtschaftspolitik der englischen Herrscher 1845–1849 in eine nationale Tragödie: Die aus Nordamerika eingeschleppte Kartoffelfäule (blight) vernichtete mehrere Jahre hintereinander die Ernte und verursachte die Große Hungersnot (The Great Famine), von den Iren in ihrem Gälisch An Gorta Mór oder auch An Drochshaol genannt. Unter diesem Namen ist das Drama in die Geschichte und tief in das Gedächtnis des Volkes eingegangen.

Die Folgen waren katastrophal. Die kleinen Pächter, welche weiterhin die geforderte volle Pacht an Exportgütern den Engländern in den Rachen werfen mussten, konnten selbige nicht mehr aufbringen. Sie wurden zu Tausenden mit Gewalt von Haus und Hof vertrieben. Die berüchtigten Brecheisenbrigaden unter Polizeischutz rissen – wie beim Ballinglass Incident — ihre Häuser nieder, den Nachbarn wurde verboten, sie zu beherbergen. Sie irrten im Land umher, strömten in die Städte und krepierten am Wegesrand an Hunger und Seuchen. Und die so notwendige Hilfe für das zugrunde gehende Volk der Iren zerfaserte zu einem erheblichen Teil in politischen Grabenkämpfen auf der Mutterinsel. Auf- und Widerstand gegen das Elend und die Abhängigkeit von den Briten formierten sich, wurden jedoch leicht niedergeschlagen. Nicht ohne eine Saat zu hinterlassen, aus der dereinst ganz anderes als Kartoffeln wachsen sollte.

Den Hungernden blieben zwei Möglichkeiten: sterben oder auswandern. Für viele wurde die Kleinkriminalität zu einem Ausweg, der Deportation nach Australien hieß. Vielleicht sind sie unterwegs einem Nantucketer Walfänger begegnet. Andere vielleicht nicht, die versuchten, mit Kind und Kegel ihr Glück in Kanada und den USA zu finden. And Thousands were sailing — gen Westen.

Henry Doyle, Emigrants Leave Ireland, 1868The island it is silent now
But the ghosts still haunt the waves
And the torch lights up a famished man
Who fortune could not save

Did you work upon the railroad
Did you rid the streets of crime
Were your dollars from the white house
Were they from the five and dime

Did the old songs taunt or cheer you
And did they still make you cry
Did you count the months and years
Or did your teardrops quickly dry

Ah, no, says he, ’twas not to be
On a coffin ship I came here
And I never even got so far
That they could change my name

Thousands are sailing
Across the western ocean
To a land of opportunity
That some of them will never see
Fortune prevailing
Across the western ocean
Their bellies full
Their spirits free
They’ll break the chains of poverty
And they’ll dance

In Manhattan’s desert twilight
In the death of afternoon
We stepped hand in hand on Broadway
Like the first man on the moon

And “The Blackbird” broke the silence
As you whistled it so sweet
And in Brendan Behan’s footsteps
I danced up and down the street

Then we said goodnight to Broadway
Giving it our best regards
Tipped our hats to Mister Cohan
Dear old Times Square’s favorite bard

Then we raised a glass to JFK
And a dozen more besides
When I got back to my empty room
I suppose I must have cried

Thousands are sailing
Again across the ocean
Where the hand of opportunity
Draws tickets in a lottery
Postcards we’re mailing
Of sky-blue skies and oceans
From rooms the daylight never sees
Where lights don’t glow on Christmas trees
But we dance to the music
And we dance

Thousands are sailing
Across the western ocean
Where the hand of opportunity
Draws tickets in a lottery
Where e’er we go, we celebrate
The land that makes us refugees
From fear of Priests with empty plates
From guilt and weeping effigies
And we dance

Phil Chevron for The Pogues
on If I Should Fall From Grace With God, 1988

Und gerieten damit oft genug doch nur vom Regen in die Traufe. Geschwächt durch Hunger, Krankheit und Seuchen überlebte ein großer Teil von ihnen die unsäglichen hygienischen Zustände und die Überfahrt auf den meist katastrophal ausgestatteten Emigrantenseglern nicht. Auf manchen Schiffen starben bis zu 40% der Hoffnungssuchenden. Was ihnen den Namen Coffin Ships eintrug und in den Wahlländern den Empfang mit offenen Armen für die Einwanderer erheblich in Grenzen hielt.

Den Ihren, die es auch nach der Landung nicht mehr geschafft haben, konnten die Iren wenigstens Denkmäler setzen. Auf solchen ist dann wie auf Kanadas Grosse Isle etwa zu lesen:

Thousands of the children of the Gael were lost on this island while fleeing from foreign tyrannical laws and an artificial famine in the years 1847–8. God bless them. God save Ireland!

Das hielt auch den Unmut und Kampfgeist wach. Wahrscheinlich ebenso wie die Tatsache, dass die Kinder der Grünen Insel im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ganz, ganz unten anzufangen hatten. Wie der Umstand, dass sie die schwerste, dreckigste Arbeit zu dreckigsten Löhnen taten und sich in der einheimischen Arbeiterschaft damit alles andere als Freunde schufen. Wie der aus trauriger Wahrheit entstandene geflügelte Sarkasmus, dass unter jeder amerikanischen Eisenbahnschwelle ein Ire begraben ist. Wie der nahezu völlige Untergang der gälischen Muttersprache unter den Auswanderern und das mit den Hungertoten unwiederbringliche Dahinsterben eines Teils ihrer kulturellen Identität. Wie der Kampf auf der richtigen Seite des amerikanischen Bürgerkrieges — als Warm-up für den eigenen.

Über zwei Millionen Iren kehrten in den zehn Jahren nach dem Beginn von An Gorta Mór in einem schmerzhaften Exodus ihrer Heimat den Rücken. Dazu zähle man die geschätzte Million der Toten. Und konstatiere, dass im Jahre 1841 das kleine Völkchen seine höchste Bevölkerungszahl ever von 8,1 Millionen und bei anhaltender Auswanderung 1901 mit 3,5 Millionen irischer Iren ihren Tiefpunkt und somit etwa die Einwohnerzahl einer Stadt wie Berlin erreicht hatte. Dann erschauert man schon heftig, wie dicht eine Nationalität, unverwechselbar wie jede andere auch, samt ihrer so sympathischen Kultur an den Rand des Aussterbens gebracht werden konnte, oder? Selbst heute reicht der Bevölkerungsstand der gesamten Insel noch bei weitem nicht wieder an den vor der Großen Hungersnot heran.

Vielleicht ist deshalb der Zusammenhalt der Iren überall in der Welt so groß, wie auch ihr Bewusstsein, wo sie herkommen. Sie halten die Erinnerung an das Schicksal ihrer Vorfahren in sich und ihren Kindern am Leben. – Wer nix davon weiß, darf sich gerne an einer kleinen Geschichtslektion via Youtube-Bildungsfernsehen erproben:

Und wer nicht glaubt, wie tief ihnen das alles nach Generationen heute noch geht, der höre gefälligst nur einmal auf ihre Hingabe und Inbrunst beim Absingen der Fields of Athenry beim Konzert ihrer Lieblings-Folkband oder in der irischen Fankurve eines Fußball- oder Rugby-Stadions.

The Jeanie Johnston

The Jeanie Johnston was the most famous of all the Irish emigrant ships.

It was a well-run ship and unlike other ‘coffin ships’ of its time, the Jeanie Johnston never lost a passenger to either the sea or disease.

The Jeanie Johnston was built in Quebec in Canada in 1847. It was purchased by Nicholas Donovan, a merchant from Tralee in CountyKerry, as a cargo cum passenger ship. He used the vessel to import timber and foodstuffs to Ireland and transported passengers on the return journey to U S and Canada.

The Jeanie Johnston made at least 16 voyages from Tralee to Baltimore, NY and Quebec between 1848 and 1855, carrying 200 passengers & a crew of 17 on each voyage lasting approx. 47 days.

Jeanie Johnston in Story Finder

Bilder: Robert Warthmüller: Der König überall, 1886;
Henry Doyle: Emigrants Leave Ireland, 1868;
Jeanie Johnston: Pilgrims Passages, 2007.
Videos: British Pathe Limited.

Extra recommendation for the annotated Pogues lyrics on Poguetry!

Written by Wolf

29. March 2009 at 12:01 am

Posted in Krähe Elke

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