Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Raubein, Großmaul, Hasardeur, Hallodri — der tollste Hecht aller Zeiten

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Update zu Herz des Positivismus:

Wer etwas wie diesen Roman schreibt, sollte dann auch die Hauptrolle spielen müssen.

Daniel J. Gall: Hochseeabenteuer gesetzter mittelalter Herren oder todgeweihte Piraten, 2. Juli 2007.

Marlon Brando, Donald Cammell, Madame Lai, Cover marebuch April 20091979 war der Roman fertig, durfte aber nicht zu Lebzeiten der beiden Autoren veröffentlicht werden. Heißa, was das für ein Bestseller geworden wäre.

Marlon Brando und Donald Cammell schätzten sich ein Leben lang gegenseitig, ihre Freundschaft pflegten sie anhand hochfliegender Filmprojekte. Ihr Werden, Vergehen, Durchspielen, Beatmen, Verkaufen und Begraben wechselten wie Liz Taylors Ehemänner, ein Film kam dabei nie zustande. Immerhin den Roman Fan Tan, für den man wenigstens keine Schauspieler zusammencasten, Funds raisen und Produzenten beknien musste, sondern den man in regelmäßigen Südseeurlauben in der Palmenhütte zusammenschreibseln konnte, hat Brandos Witwe China Kong 2005 von David Thomson vollenden lassen und freigegeben. Die deutsche Fassung erschien 2007 als Madame Lai wo sonst als beim marebuchverlag und jetzt im April 2009 ebenda als Taschenbuch.

Eine grandiose Räuberpistole ist es geworden. Über Marlon Brandos Genie als Darstellungsarbeiter wurde im Lauf eines halben Jahrhunderts das Nötige gesagt, Donald Cammell hat 1968 mit Performance Tarantino vorweggenommen: nichtlineare Erzählweise, Schnitte wie in Musikvideos, Cut-ups, überdeutliches Gevögel als Kunst und Drogenverherrlichung nicht zu knapp — man kann es gut oder schlecht finden, wegweisend auf alle Fälle.

So ein Regisseur versteht sich natürlich besonders gut mit einem Schauspieler, der sich ab einem gewissen Ruhmespegel (der Mann hinterließ 20 Millionen Dollar und eine Inselkette in der Südsee) raushängen lässt, dass er’s eigentlich nicht mehr nötig hat, und sich seine Rollen, wenn überhaupt, danach aussucht, ob die Schauspielerin, mit der er seine Sexszenen hat, hübsch genug ist. Ihre Romanschreibeurlaube betrachteten die Kumpels als Familienangelegenheit.

Diesen Geist atmet auch Fan Tan. In den Worten des marebuchverlags liest sich das:

Madame Lai ist die ungefilterte Essenz von Marlon Brandos Träumen, Fantasien und Obsessionen — das Vermächtnis eines entfesselten Genies, in dem in einem Sturm aus Sex und Verbrechen zwei Giganten aufeinanderprallen.

Die beste einsehbare Besprechung von Ray Young puts it like this:

Marlon Brando, Donald Cammell, Fan TanThere’s been some talk in the press about how the novel’s main character, Anatole ‘Annie’ Doultry, is the kind Brando would have loved to play on screen. But this thin sketch of a man floats over a hackneyed plot, one that was to have been fleshed out (with co-author Donald Cammell, the film director) for a movie that never went beyond the planning stages. Brando and Cammell’s combined notes—napkin doodlings? inebriated rants? audio tapes encrusted with lunch?—were culled together by film critic David Thomson, whose stamina and endurance should not go unnoticed. Filling less than three hundred pages, Fan Tan is a numbing chore to read, and Thomson’s task would’ve pushed a lesser man to the brink.

Not that the work is entirely without purpose or narrative structure. Strikingly odd imagery comes alive during all-too-brief passages, such as one concerning an hallucinatory drug experience, and another with a tortured man’s consumption of his own toe. But they’re outweighed by so much rambling nonsense, tiresome blather about prison cockroach races and the rather bland profile of the soldier of fortune making shaky deals with a Dragon Lady.

Nor is it easy to picture Brando as ‘Annie,’ a character more suited to the Robert Mitchum of, say, Josef von Sternberg’s Macao wandering onto the set of Sam Fuller’s China Gate, tussling with Angie (‘Lucky Legs’) Dickinson in yellow face. Flat and underdeveloped in its irony and cynicism, the prose has a dash of old school jingoism and the tourist’s eye for Asian culture. As if to underline its own shortsightedness, the novel barely notices its one readily available metaphor, the structure of the Chinese casino game of Fan Tan in relation to ‘Annie’ in his everyday house of cards.

Da mag er Recht haben. Es kann aber auch um die Story hinter der Story gehen — dass die zwei Filmfreaks sich in einem Roman ausgetobt haben, den sie schon immer mal lesen und verfilmen wollten, bevölkert mit schönen Frauen asitischen Gepräges und ausgepichten Piratenhallodris, die sie sogar sein wollten. Ego-Literatur, wie man sie gerade im jungen Jahrtausend von Pubertierenden jeglichen Alters kennt und praktischerweise nach den ersten drei Beispielen nicht mehr bis zu Ende lesen muss. Einem gewissen brainsplatter fiel 2007 zum Hardcover auf:

Kleinigkeiten, die auffallen und unstimmig sind: ist es wirklich wahrscheinlich, daß ein Waffenschmuggler in Südostasien 1927 über den erst 1922 in englisch erschienen Tractatus Logico-Philosophicus räsoniert? Glauben die Chinesen tatsächlich an Wiedergeburt oder sind das nicht doch eher die Inder? Was ist mit “Schlehdorn” gemeint? Schlehe, Schwarzdorn oder keins von beiden?

Zum fast geflügelten Wort im Buch wird der Satz: “…, aber das ist eine andere Geschichte” mit dem Brando – ja, was eigentlich? Ich weiß es nicht. Bekommt Doultry nach langem hungern Essen gebracht, klingt das bei den Autoren so: “Im Mahlwerk seines Mundes erwachten die Speicheldrüsen unter dem köstlichen Anflug leichter Stiche.”

Stimmt ja alles. Trotzdem bleibt es dabei, dass das Setting mit der raubauzigen Schießbude von Personal und dem hanebüchenen Seemannsgarn von Plot einfach Spaß machen.

Randbeobachtung zum Kleine-Mädchen-Beeindrucken: Die deutsche Ausgabe ist möbliert mit einem Vorwort von Truman Capote, das Taschenbuch auch mit einem von der o.a. Witwe. Wenn wir unterstellen, dass er das zeitnah zur Fertigstellung des Romans 1979 geschrieben hat — zur Erstveröffentlichung 2005 waren alle Beteiligten schon tot –, war das drei Jahre, nachdem er im Alter von 52 als bester Nachwuchsdarsteller einen Golden Globe gewonnen hatte; Brando dagegen polierte sein Vermächtnis ein letztes Mal in Apocalypse Now auf. Warum so schnell, das Vorwort, und wozu ins Leere, werde ich mal weiter beobachten.

Es hat viel von Joseph Conrad: die Südsee voller europäischer Käuze, die am anderen Ende der Welt ihr Leben verändern, mit einem Anspruch ins Allgemeingültige — geschrieben von einem (respektive zweien), deren Baustelle eigentlich woanders lag: die von Conrad im polnischen Übersetzungsgewerbe (die britische Seefahrt war ja schon biografisches Fremdgehen), die von Brando und Cammell in Hollywooder Szenediskotheken. So hätte Conrad geschrieben, wenn er bei Sinnen gewesen wäre. Der eine lebt’s, der andere nicht, wieder andere wenigstens als Räuberpistole.

Unterstützet Moby-Dick™ und erwerbt Fan Tan und Madame Lai!

Trailer: Performance, 1970.

Written by Wolf

8. April 2009 at 12:07 am

Posted in Reeperbahn

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