Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

The Poet, the Physician, the Farmer, the Scientist (My Antediluvian Baby)

with 2 comments

Update zu Gone Stag:

Thou art perfect then, our ship hath touch’d upon
The deserts of Bohemia?

Shakespeare: A Winter’s Tale III,3

Ich war ein lausiger Soldat. Ich war Urlaubssachbearbeiter bei den Fernmeldern in Kötzting, weil ich zu faul zum Verweigern war. Irgendwann war es mir egal, wie oft mein Geschäftszimmerfeldwebel, ein blaurasierter Wichtigtuer von fünfundzwanzig, mich am Tag anschiss. Ich hielt aus, versuchte einen Sinn darin zu sehen, Soldaten wenigstens ein paar Tage in Urlaub zu schicken, und wartete aufs Wochenende. An den Wochentagen besoff ich mich allabendlich viehisch und sang Lieder zur Klampfe.

Freitags zum Dienstschluss war es schon dunkel. Meistens war ich der Letzte in der Schreibstube, der die Schicht vom Fernmeldeturm abwartete und alle ins Wochenende schickte, bevor er zusperren durfte. Von der Kaserne ging es bis zur Bushaltestelle stetig bergab. Der letzte Bus des Tages, vielleicht sogar der einzige, was mich nicht wundern würde, fuhr vom Bahnhof aus nach Cham, von wo ein gewisser Bahnverkehr in Richtung Nürnberg herrschte. Dann wälzte er sich eine unverhältnismäßig lange und umständliche Strecke durch den Landkreis mit ein paar Ortschaften, deren Namen selbst ihre Einwohner vergessen. Jedes Mal war ich der einzige Fahrgast.

Schon in der zweiten Woche, in der ich mitfuhr, erwartete der Busfahrer mich, ein junger Schnauzträger mit Fußballermatte. Wir grüßten uns stumm. Zwei arbeitende Mannsbilder in ungeliebten Jobs zur falschen Zeit am falschen Ort, solche erkennen einander. Er wartete nicht auf weitere Mitfahrer und warf den Diesel an, sobald ich saß. Auf dem vorderen Sitz, damit ich möglichst schnell wieder rauskam, mein kleines Sturmgepäck neben mir auf dem Fensterplatz. Er stellte Bayern 3 an, weil klar war, dass man das mit mir machen konnte.

Einmal grüßte er mich nicht mehr. Er wartete, bis ich saß, warf seinen Diesel an und fing an, wie es sein Job war, mit seinem Geschaukel durch die Oberpfalz. Auf Höhe Chammünster fragte er: “Stört’s, wann i rauch?” Ich hatte ihn noch nie sprechen gehört.

“A wo”, sagte ich, “i rauch höchstens mit.”

“Mogst aa oa?” fragte er und schüttelte, ohne den Blick von der Landstraße zu wenden, sein Zigarettenpäckchen in meine Richtung. Er nahm den Zigarettenanzünder vom Armaturenbrett, ich kramte in meinen Grünzeughosentaschen. Wir rauchten stumm. Das war seine Entschuldigung dafür, dass er nicht gegrüßt hatte.

In diesem Moment brach auf Bayern ein neues Lied los. Ein altes, damals schon, so alt wie ich, 1968. Atlantis von Donovan. Und plötzlich konnte Cham mit seinem Bahnhof, mit seinen Zügen in meine Heimat, gar nicht weit genug weg liegen. Der Busfahrer rauchte und bekam einen Blick, wie ihn Seeleute, Cowboys und Country-Musiker haben — Leute, die viel in die Ferne sehen, den Horizont absuchen — Männer, die Dinge kommen sehen. Er wischte sich die Augen, vielleicht weil ihm Rauch hineingekommen war.

Das Lied dauerte fünf Minuten, dann passierten wir das Chamer Ortsschild. Noch nie war mir Cham so vertraut vorgekommen; ich wusste, wo man zum Bahnhof abbiegen musste, wo das Moonlight lag, in dem die Nicki verkehrte, zwei Gassen weiter in der Altstadt sollte noch ein neunzigjähriger Bürstenbinder praktizieren, und dass ich da vorn am Eck mal ins Mephisto wollte.

Verkehrsdurchsage. “Des is a Musik”, sagte ich atemlos, er sah mir meine Geschwätzigkeit nach. Unsere Zigaretten waren gleichzeitig ausgegangen.

“Nächste Woch!”

“Nächste Woch.”

Fünf Minuten erinnerten sich zwei Mannsbilder, die nicht hierher gehörten, daran, dass der Mensch eine Stimme hat. Nicht nur eine innere, die nach zu vielem Schreien nach Liebe heiser wird. Dass der Mensch träumen darf und warten, dass etwas anfängt, aber sich nicht wundern, wenn er den Moment verpasst hat.

Ich habe nie herausgefunden, ob das gut ist oder schlecht. Lieder wie Atlantis lehren uns an eine höhere Instanz glauben, denn sie sind ihr Medium. Und gerade Schleifen wie Way down below the ocean, where I wanna be, she may be kann man endlos vor sich hin singen, mindestens bis nach Nürnberg, sicher bis nach Amerika. Der eine greift mit ihnen im Ohr Sachen an, dem anderen genügt das Wissen um ihre Melodie. Das sind die, die ihr Leben verrauschen lassen. Wieder unter denen jammern die einen darüber, die anderen lernen es nach ein paar Jahrzehnten der Verzweiflung endlich hinzunehmen. Das sind die Weisen.

Wahrscheinlich ist schon die Frage nach Gut oder Schlecht unzulässig. Es ist wie es ist, und fürs Universum ist die Schöpfung damit erledigt, oder was sonst lernen wir aus Büchern wie Moby-Dick? Man muss sich nicht persönlich getroffen fühlen, wenn man einem Lied wie Atlantis begegnen darf. Schon gar nicht, während man durch die meerferne Oberpfalz gondelt.

In der nächsten Woche grüßten der Busfahrer und ich uns stumm. Auf Höhe Chammünster fragte er: “Stört’s, wann i rauch?”

“A wo”, sagte ich, “i rauch höchstens mit.”

Bayern 3 spielte Nicki.

Lied: Donovan: Atlantis, 1968, auf: Barabajagal, 1969.

Written by Wolf

14. April 2009 at 12:24 am

Posted in Fiddler's Green

2 Responses

Subscribe to comments with RSS.

  1. Jetzt weißt, warum ich manchmal lieber Musik von einem ollen Radio passieren lass’, anstatt mir bewusst eine bestimmte Koinserve reinzuziehn. Ein scheiß Tag und dann passiert einem “Atlantis”. It`s magic, auch wenn es dem Universum wie immer stinkegal ist.

    Vroni

    19. April 2009 at 11:42 pm

  2. […] a comment » Update zu If You Miss Me on the Harbour, The Poet, the Physician, the Farmer, the Scientist (My Antediluvian Baby) und Ihr seid so […]


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: