Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Save my soul but bring your toys

with one comment

Schon wieder ein Update zu Country Mermaid
(und nebenbei zu And it will be the last thing I do):

(Muss leider sein, außerdem wird’s nach unten zu spannender.)

Die Geschichte fängt an, wie seit den aristotelischen Poetiken des Barocks keine Geschichten mehr anfangen sollten: Ich lag im Bett und wachte mit einer Textschleife im Ohr auf. Wahrscheinlich schwebte ich sogar im dramaturgisch hilfreichen Ausnahmezustand eines Urlaubs, in dem man sich auf den Haupthandlungsstrang beschränken kann.

In groben Zügen hörte sich der Text schon so an, wie der aufmerksame, treue Moby-Dick™-Leser ihn kennt. Zur Erinnerung:

R.: Cowgirl is yearning
Mermaid is burning
Cowgirl is dreaming
Mermaid is screaming.

1. Cowgirl went the stormy sea to look
Mermaid showed her how the country shook
Cowgirl tried a big ship out without her shoes
Mermaid can’t take boots on but she even got the blues. — R.

2. Cowgirl called the winds and gave no damn two cities drowned
Mermaid watched her heart break, as the third one died she frowned
Cowgirl rode the whale and watered the electric bull
Mermaid can’t take step by step to unbreak the rule. — R.

3. Cowgirl pushed three buttons and the sirens all went on
Mermaid pulled the sailors down their boats now three are gone
Cowgirl shot the sirens out but only hit the boys
Mermaid Mermaid save my soul but bring your toys. — R.

Der Trick daran ist: Ich will nicht entscheiden müssen, ob es darin um ein oder zwei Mädchen geht. Von mir aus sehen Sie’s als zwei Seelen, ach, in einer Brust oder zwei widerstrebende Mächte, denen die Jungs auf dem Meer ausgesetzt sind. Und hey, das Meer symbolisiert so ziemlich alles, oder was haben wir bei Melville gelernt?

Auf jeden Fall sind es ein oder zwei sehr reizvolle Mädchen — Cowgirls, Seejungfrauen, Sirenen und wie solche Grenzgängerinnen zwischen den Elementen alle heißen blicken auf eine enorme Fanbasis herab. Schon wenn man sie im banalen Leben antrifft, erkennt man ihre mythische Dimension; mich wundert niemand, der von ihnen gebeutelt wird. Für diese Country Mermaid(s) stelle ich mir jemanden zwischen Idgie Threadgoode und Amelia Earhart (nicht identisch mit Elli Pirelli) vor, womöglich, ich wette was, auch noch mit roten Haaren. Solche sind hinreißend und machen einen fertig. Der Text ist demnach in seinem Surrealismus höchst lebensnah.

Ein mythischer Text mit dem Zeug zum Volkslied also. Erst mal in den Weblog damit, dann kann man’s vorzeigen. In den Monaten, seit ich das Ding geschrieben hab, gab es Anwandlungen, da wollte ich nicht mal der Urheber davon sein. Dergleichen wächst auf den Bäumen, wabert in der Luft, lauert als Nährstoff im Essen (meistens in Bier) und manifestiert sich nur durch jemanden. Volkslieder haben keinen Urheber, außer juristisch vielleicht. Das macht es zum Folk Song, was ein bisschen anders definiert ist als das deutsche Konzept vom Volkslied, aber nahe dran.

Und sobald die ersten vergleichenden Exegeten ankommen, um vorzurechnen, dass Ladyhawke genau die selben Reimwörter für den Refrain auf Paris is Burning verwendet hat, will ich mich noch nicht mal auf Kryptomnesie hinausreden — sondern darauf hingewiesen haben, dass es um andere Themen und vor allem eine grundlegend andere Musik geht. Im Marketing sagt man: Das kannibalisiert sich nicht. Als ich oben, anfangs der Geschichte, mit der Textschleife im Ohr aufwachte, mag das Radio gelaufen sein, vielleicht hat sogar der Zündfunk Ladyhawke gespielt. Vor erstaunlich wenigen Jahrhunderten lebten mehrere literarische Genres davon, dass sich, o Wunder, Herz auf Schmerz reimt, da ist Yearning auf Burning noch lange nicht ausgereizt.

Näher besehen ist der Vierklang aus Yearning/Burning/Dreaming/Screaming sogar überraschend tragfähig: zwei defensive und zwei aktive Wörter, je eins aus jedem Reimpaar — die in dieser Reihenfolge geradezu alleinstehend eine Geschichte konstituieren. Das funktioniert in der Reihenfolge 1–3–2–4 ebenso logisch wie in 1–2–3–4, liegt sauber geflochten wie ein Zopf vor uns und trägt offenbar die Wahrheit selbst in sich. Wünschen wir Ladyhawke, dass wenigstens sie da selbst drauf gekommen ist.

Das ist der Refrain. Die drei Strophen fackeln eine atmosphärisch stimmige Geschichte ab, die dem Cowgirl nautische und der Mermaid erdverbundene Merkmale zuweist — so ist das gedacht. Das Mädchen, das zwei ist, richtet aus Neugier, aus Mangel an Vorsicht und Sorgfalt, vielleicht auch aus blankem Mutwillen, ihre Jungs zugrunde. Ihr Schiff kentert, zwei Städte versinken, so sind die nämlich. Drunter mach ich’s nicht.

Alles in diesem Lied ist 2, wenn nicht gar 2×2, wobei die Paarungen eher entzweit denn gebildet werden — alles voller Melvilleanischer Ambiguitäten, Dialektik und — typisch Mermaid: Widerspruch. Den What about Carson bin ich deshalb dankbar, dass sie auf diesen anthrazitfarbenen Text eine übermütig gut gelaunte Melodie gebastelt haben — so konterkarierend macht sie das Gebilde plastischer als mit redundantem Runterziehen. Text und Musik bilden das einzige Paar des Liedes, und das kabbelt mitsammen. Und es ist das, von dem man am meisten hat, so als Zuhörer. Toller Job, die Herrschaften Carson.

Auf Textverbesserungen werde ich aufmerksam und freundlich hören. Co-songwriting, anyone?

Die Illustration Remix hat Paperboatcaptain nach einem E-Maildialog aus dem Untertitel Melvilleanean Country Mermaid Heartbeat Remix gebaut. Mir entfällt, wie das im Oktober bis November 2008 zeitlich ineinandergreift, und was Paperboatcaptains Inspiration dabei war. Meiner Erinnerung nach hat sie zugängliche Momente und kann von interessierten Leuten sicher in einer Wortwahl, die ihr zusagt, danach gefragt werden.

Überhaupt der Untertitel: Die englische Wortbildung und Syntax gehen hier ineinander über und bilden je nach der Lesart, in der man Adjektive von Substantiven unterscheidet, eine andere Semantik (got it…?): Ist es ein Country Mermaid Heartbeat Remix, der Melvilleanean aussieht? ein Mermaid Heartbeat Remix aus einem Melvilleanean Country? oder doch der Heartbeat Remix einer Melvilleanean Country Mermaid? Englischlehrer, you tell me.

Ein zufriedenstellender Text, der bildgebend Verfahrende zu sehr ordentlichen Collagen inspiriert — zu schade, um ihn tonlos in einem Weblog vergammeln zu lassen. Für die Vertonung wünschte ich mir jemanden, der mindestens Country kann, Seemannslieder wären vermessen gewesen: Für sowas waren immer nur Shantychöre zuständig, die nach Heidi Kabel klingen, was sich erst im jüngeren Independent-Geschehen gebessert hat. Es fällt tatsächlich auf: Seit wir paar durchgeknallten Kulturnerds Moby-Dick™ betreiben, versteht sich plötzlich noch jemand anders als Freddy Quinn auf Seemannsromantik. Was dabei Ursache und Wirkung ist, will ich gar nicht so genau wissen.

Was machen eigentlich Carson Sage and the Black Riders? Von denen war ich im ausgehenden 20. Jahrhundert mal sehr angetan — für ein zahlendes Mitglied bei Radio Z und bekennenden Hörer des Erlangener Radio Downtown, es ruhe in Frieden, waren die mal schwer zu überhören. Die verstanden sich als erste Folkpunkband Deutschlands, und in die Sängerin Edda war damals über Nacht halb Franken verliebt, als sie auf den Regionalcharts mit ihrer Gebirgsbachstimme Garten Mother’s Lullabye trällerte. Ein Seemannslied hatten die auch, schon 1993: eine energische Version von Sally Brown. Letzte CD leider schon von 1995, aber klasse war die, für mich war die nie alt oder gar weg. Herrschaften, die wären’s.

Und siehe, als ob man drauf gewartet hätte, covern die sich seit 2007 selber als What about Carson. In leicht gewechselter Besetzung, aber die Verliebestimme — who the heck is Lucinda Williams? — und das charmante Gerotze sind immer noch da.

Edda, in jeder, auch öffentlichkeitsbetreuender Hinsicht, die Stimme der Kapelle, konnte sich mit dem Text anfreunden, und was soll man sagen: Country Mermaid hatte am 2. Mai 2009 in der Bamberger Blues Bar (kenn ich nicht, klingt aber ganz lustig) Uraufführung. Den ganzen Terz mit der Übermittlung von Vorabversionen aus den Bandproben — die Ärmsten arbeiten ja noch mit MiniDisc, was weder der Mixer noch der Roadie aus meiner Nachbarschaft nachvollziehen können — soll man erheiternd und belehrend auffassen. Ein Probenmitschnitt mit dem Handy klang wie durch zwei Türen aus der Besenkammer, dafür stehe ich heute in stolzem Besitz einer tollen, kaum je gebrauchten MiniDisc. Das Wichtige ist: Es hat Ohrwurmqualität und der Band gefällt’s.

Die Uraufführung hab ich verpasst, die zweiten Aufführungen werden aber erfahrungsgemäß sowieso immer die besseren — und die Sänger sind textfest geworden und verteilen die Silben geläufiger auf die Melodie, gell, Edda? Also eine Woche später auf zum Brauereifest des Schanzenbräu — abermals verwirrender Weise nicht auf dem Gelände der Brauerei zu Gostenhof, sondern auf dem der Nürnberger AEG, Halle 50. Das Bier soll laut Edda das beste Nürnbergs sein, was sich meiner lückenhaften Kenntnis des Expat entzieht, weil es das Zeug zu meiner Nürnberger Zeit noch nicht gab — was man aber allein daran erkennt, dass der Saitenhengst Linus neuerdings über dem Bräu wohnt: basisdemokratisches Indiebier für basisdemokratische Indiebands.

Wie’s war? — Schwer zu finden. Man konnte sich an ein paar anderen Versprengten orientieren, die aussahen, als ob sie dringend auf ein Brauereifest strebten, einer von ihnen kannte die Handynummer des Bruders vom Veranstalter und konnte uns fernlotsen lassen. Außerdem: der Parkplatz voller Oldsmobile, von denen die mitgeführte Wölfin begeisterter war als von der lauten Musik, die keiner versteht, Ford Thunderbirds, Pontiac Sunbirds, tiefergelegte Chevrolet Pickups und in welche Überbleibsel der Sechziger man sein Geld noch so reinhängen kann. Schwer, über die entspannten Beine der dazwischen lagernden Punks einen Weg zu finden, irgendwo dröhnte Musik. Das Lied erkannte ich: die letzte Strophe Country Mermaid. Pünktlich zum Schlussakkord (G7, glaub ich) stand ich vor der Bühne.

Edda schwitzte vor Hitze, Begeisterung und Schanzenbräu Rot und rief: “Ist vielleicht der Wolf da?”

Himmel, die meint mich. Ich winkte. Die Band winkte zurück. “Welcome, Mr. Melville!” rief Edda noch, dann spielten sie Red is the Rose mit einem hinreißend zweistimmig a cappella zusammengeschnulzten Intro und den alten Lyrics-Killer Heather on the Moor und noch eins und eins, das ich gar nicht kannte.

Und dann mussten sie räumen, hinterher wollten Smokestack Lightning rauf, schließlich waren die auf dem Event-Flyer am größten gedruckt. Jemand erbarmte sich und verlangte nach “Zugabe!”

Meine Stunde — in der sich endlich mal der Archos AV400 von 2004 bezahlt machte. Außer Backups behalten kann der nämlich auch Tonaufnahmen. Klingt fast so gut wie das bandeigene Handy (vielleicht sogar wie eine MiniDisc) mit dem Vorteil, dass man die Sounddateien, die drin sind, auch wieder rauskriegt. Und meinen Enkeln kann ich jetzt erzählen: Die Leute haben dazu getanzt.

Hinterher musste es schnell gehen, Pouty und Linus fingen eilig mit dem Abbauen an, kaum dass Edda den Sprung ins Publikum zu mir runter tun konnte. So hab ich sie aufgekratzt und euphorisch vom Spielen gekriegt — und ein hinreißend herzlich freundliches (und verschwitztes) großes Mädchen erlebt. Das Gegenteil von einer Zicke. Die Gebirgsbachstimme wohnt in einem Pfundshaus.

Gleich darauf deckte sich Getümmel darüber. Die Bandjungs riefen Edda zu sich, nach hinten raus die Schießbude verräumen, schnellschnell, wir kriegen alle nix geschenkt. “Ich komm gleich wieder!” versprach Edda noch, was die Wölfin dazu benutzte, mich am Hemdzipfel zu ziehen, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass es hier heiß, voll und stickig sei. Wer da widersprechen wollte. Die ebenfalls mitgeführte Welpin der Wölfin spendierte Holundersaft, Thunderbirds mussten bewundert werden, und dann war’s schon wieder so spät und ein langer Tag und wir auch nicht mehr die Jüngsten.

Nächstes Mal wird sich wohl ein genaueres Kennenlernen mit allen drei Carsons einrichten lassen, es sind noch nicht alle Lieder der Welt geschrieben, am Ende sogar ein zusätzliches Seidel Schanzenbräu oder was immer vor Ort zum Ausschank kommt. Dass sie einen Country-Rap bestellt haben, kann ich ohne Preisgabe von Geheimnissen verraten; mehr als dass es der erste seiner Art wird, weswegen mir diesmal der Verdacht des Plagiarismus noch ferner liegen wird, weiß ich nämlich selber nicht.

Von Elke, unserem Mann in Berlin, weiß man, dass manche Städte für aufstrebende Bands Studios samt Equipment verleihen und ihnen sogar einen Tonmeister nebendran setzen. Das könnte Nürnberg ruhig mal für seine alten Recken Carson leisten. Bedienen können die ein Studio schon selber, schließlich reden wir hier nicht von Beschäftigungstherapie für zehnjährige Hiphopper, sondern einer Neustarthilfe für gestandene Zirkusgäule. Da hat Nürnberg bedeutend mehr davon, stimmt’s, Nürnberg?

Was genau hält einen eigentlich davon ab, eine neue CD zu bauen? Nach 15 Jahren mal wieder eine neue Platte von einer Kapelle zu kaufen, die man mal gemocht hat, finde ich nicht übertrieben — mir fallen aus dem Stand mindestens drei sehr viel beklagenswertere Comebacks ein.

Nochmal Elke: Die Gute hat Beziehungen zum Berliner Tschechow-Theater. Über’s Jahr winkt daselbst eine Weblog-Lesung mit Moby-Dick™, beschallt von What about Carson. Schreibt schon mal ein paar Lieblingsartikel, die ihr da vortragen wollt, Jungs — das geht an Jürgen und Stephan, oder muss ich wieder alles allein machen?

Soundtrack ist, was Wunder, der Mitschnitt vom 9. Mai der Country Mermaid. Auf Feinheiten in der Abmischung kann ich bei dieser Aufnahmetechnik keine Rücksicht nehmen — mal abgesehen davon, dass ich im Arrangement eine Fiddle oder wenigstens Steel Guitar vermisse. Betrachten Sie’s als Preview. Von zwei Leuten wurde innerhalb der ersten Woche eine Studioversion bestellt, es muss also ohnehin weitergehen. Bilder vom Event auf Flickr.

Abschließend lässt mir Miss Wet T-Shirt Nürnberg Edda “Mann o Mann, wie seh ich denn da aus” Ruß keine Wahl als fürchterlich anzugeben mit ihrer, jawohl, Stimme:

Wolf du bist ein echter Hammer!! Ich find das Youtübchen klasse und der Sound is gar nicht so schlecht. Schöner Live-Eindruck mit echten, riesigen Schweißflecken!

Was nach der dritten Strophe aus Cowgirl und Mermaid wird, heißt Realität außerhalb des Mediums. Neugierig wär ich schon gewesen: Was eine Geschichte ist, die hört ja nach ihrem Ende nicht auf zu funktionieren. In zehn Jahren vielleicht. Gut gemacht — und jetzt weitermachen.

What about Carson, Schanzenbräufest Nürnberg, 9. Mai 2009

What about Carson sind:

  • Edda Ruß (Gesang, Heimorgel);
  • Dietrich Pfund (Gitarre, Schlagzeug)
  • Andreas Linus Steinert (Gitarre, Mandoline, Banjo, Akkordeon, Gesang)

und spielen am Donnerstag, den 21. Mai 2009 in der Nürnberger Desi nachmittags und draußen, jedenfalls irgendwann zwischen 15 und 4 Uhr, auf dem Radio-Z-Sommerfest!

Written by Wolf

17. May 2009 at 8:30 am

Posted in Reeperbahn

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