Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Durch den Schlick schrammen

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Update zu München am Meer III: Der größte Buchladen Deutschlands:

Da ist mir wieder ein ganz exquisites Blättchen unterlaufen.

Meeresküste mit Schiffen heißt es und ist von Johan Christian Clausen Dahl 1834 gezeichnet.

Es war in dem schönen, leider recht abgelegenen und daher vergriffenen Band Deutsche Romantik. Aquarelle und Zeichnungen, 2000 bei Prestel herausgegeben Jens Christian Jensen vom Museum Georg Schäfer in Schweinfurt, der die gleichnamige Sammlung ebenda dokumentiert.

In angenehm altmodisch ausführlicher Akkuratesse stehen bei jedem einzelnen Bild Künstlerbiographien, Beschreibungen der Technik und des Zustands jeden Exponats sowie alles Notwendige, was man an Historie und Zusammenhängen weder in Wikipedia noch im Brockhaus findet. ISBN 3791324268, die ist googlefähig. Gefunden bei texxt in der Sendlinger Straße.

Der Band legt uns endlich einen Grund nahe, nach Schweinfurt zu reisen. Stilecht müsste man es heimlich tun und unter einem sach- und fachfremden Vorwand, am besten einen Strohmann vorschicken. Vergleichbar hat Georg Schäfer, ein ansonsten eher rechteckiger mittelständischer Firmenvorstand, seine Sammlung zusammengetragen. Seine Liebe zum aquarellistischen und zeichnerischen Treiben der deutschen Romantik, wie es unter Mitwirken von ausgebildeten Künstlern und noch mehr Dilettanten florierte, um nicht zu sagen: ganz so epidemisch wucherte wie heutigentags die Photographie mit Mobilfernsprechern, gestand er nur seiner Familie und engsten Freunden ein. Unabkömmlich in seinen Brotgewinsten, beauftragte er Agenten, Versteigerungen im ganzen Land zu anzureisen, und stattete sie mit großzügigen Budgets aus, um einen möglichst umfassenden Querschnitt durch seine bevorzugte Periode zu horten. In der Sammlung Georg Schäfer ist nichts wirklich vollständig, aber alles reichhaltig und bunt. Quantität kann eine Qualität sein.

Von Dahl hat Herr Schäfer etliche Blätter gesammelt, selbst innerhalb seines nicht gerade überhypeten Gesamtwerks immer noch nicht die bekannteren Dresdener Ansichten, sondern Nebenprodukte maritimen Anstrichs. Zum Beispiel diese hingeworfene Studie aus wenigen Strichen.

Aber wie das sitzt! Gemäß der Bildlegende ist es in Feder/Tinte und Pinsel/Tusche in Grau auf dünnem, weißem Papier ausgeführt. Eine abgespeckte, sparsame Technik für klare Ansichten. Es dürfte gar kein Strich mehr sein. Die Perspektiven jeden Details sind so geschwind und zielsicher mit der Feder eingefangen wie mit dem Auge wahrgenommen. Der Vergleich ist anachronistisch und darf mir als gewollt popkulturalisierend angekreidet werden — aber das ist die Meisterschaft eines Comiczeichners.

Ich kann Georg Schäfer gut verstehen. Mit ausreichenden Mitteln wäre es nicht meine letzte Idee, eine Sammlung wie die seine einzuhamstern. Das Buch kostet bei texxt noch weniger als auf Amazon, bisher war ich es nur zwei-, dreimal besuchen. Jedes Mal brauchte ich nicht unter einer halben Stunde für unser knospendes Techtelmechtel. Beim Anblick von dem Dahl fiel mir schon beim Kennenlernen umgehend die Klappe runter; gut, dass sie bei texxt für solche Fälle zwei Sofas in die Kunstbandecke gestellt haben (Kellergeschoß, hart backbord).

Als ich zuletzt aufwartete, standen zwei Exemplare feil. In dem linken davon fehlte ein paar Seiten vor dem Dahl ein Blatt, offenbar von einem begeisterten Kunstfreund in aller Eile schlampig und ohne Schneidewerkzeug noch aus dem selben Druckbogen gerissen. Noch ein exquisites Blättchen anscheinend, und: Nein, das war nicht ich. Wenn Sie kommen, um es zu erwerben, passen Sie also auf, dass Sie das unverstümmelte erwischen, oder — ein echter Tipp — verleiten Sie Münchens hübscheste Buchhändlerin, die jungische Magere mit dem ehrlich aufmerksamen Blick, Pferdeschwanz, entwaffnend freundlich aber diskret, zu einer Fachsimpelei über Buchpreisgestaltung. Dann hab ich wenigstens eine Ausrede, mir die 26 (statt 58) Euro zu sparen.

Dahls Biographie nach müsste 1834 die Ostsee Modell gesessen haben. Es sieht aber richtig aus wie Meer, auch wenn solche polnischen Baggerseen nicht einmal uns fränkische Hinterländler weiter scheren sollten.

Johan Christian Clausen Dahl, Meeresküste mit Schiffen, 1834

Bild: Johan Christian Clausen Dahl: Meeresküste mit Schiffen, Feder/Tinte, Pinsel/Tusche in Grau auf dünnem, weißem Papier, 1834, aus der Sammlung Georg Schäfer in: Deutsche Romantik. Aquarelle und Zeichnungen, München: Prestel 2000, Exemplar bei texxt, Sendlinger Straße 24, München, eigene Digitalphotographie Juni 2009.

Written by Wolf

22. July 2009 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

3 Responses

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  1. Wow… sehr schön das. Das würd ich auch besuchen.

    Uhuuund: Jau, auf nach Schweinfurt! Und wenn’s wegen des kuscheligen Kunstbuchcafes wäre. Hach, schon son Name schmilzt wie zarte Schokolade die Seele runter, nicht? ;o) Gugge, und es hat sogar sonntags ganztägig geöffnet. Sowas brauchen wir ganz woanders als in Schweinfurt. – Und noch viiel mehr…

    Ist der tolle Doppel-E.T.Amadeus vom Janssen auch vom texxt-Besuchen? (Wassn, jahaa, hab mich brav bis …+1 durchgeklickt.) :o)

    Stöberhexe*

    hochhaushex

    23. July 2009 at 2:20 am

  2. Den E.T. krieje mer später :o)

    Wolf

    23. July 2009 at 5:58 am

  3. […] leave a comment » Update zu Durch den Schlick schrammen: […]


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