Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Das Ende des Pützpatzers

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Update zu 8 oder 9 oder 80 oder 90 Eimer und 2 E-Mails.

La Petite Twinkie, Concentrate, 20. April 2008Jürgen sagt:

Was mich daran erinnert, dass die Rathjen-Übersetzung im Juli ja im Taschenbuch kommt – und dann als kostenloses Lese-Exemplar auch ins Haus Wolf geliefert werden soll. Jedenfalls hat mir das die Dame vom Fischer-Verlag zugesagt… (Und ich hab’ ihr im Gegenzug eine Besprechung auf Moby-Dick™ zugesagt…)

Und Wolf darauf:

Ich krieg ein Leseexemplar? Hui, wow, wie find ich denn das… Fortgeschritten klasse find ich das ja. Besprechung zugesagt heißt, dass du sie schreibst? .ò)

Dieser Tage erfuhr auch ich durch eine ebenso überraschende wie überraschend gewichtige Post, mit welchem Wort ich ausnahmsweise Post meine, dass Jürgen schon am 28. Februar an Frau Ursula Kracht vom Fischer Verlag gemailt hat:

Hallo Frau Kracht,

mein Name ist Jürgen [Jessebird], ich arbeite in der Buchhandlung [Dings] in [Bums]. Mit großer Freude habe ich gesehen, dass Fischer im Sommer in seiner wunderschönen Klassiker-Reihe endlich auch den “Moby-Dick” bringt, noch dazu in der besten aller Übersetzungen: der von Friedhelm Rathjen. Ich habe Herrn [Buchhandelsvertreter] hoffentlich lange genug bearbeitet, so dass er wenigstens ein oder zwei Exemplare vorbestellt hat…?

Und dazu habe ich folgende Idee: Ich schreibe mit an einem Web-Projekt namens “Moby-Dick™” (unter ismaels.wordpress.com). Da lesen ein paar seltsame Gestalten den “Moby-Dick” und schreiben darüber. Wenn Sie eine bestimmt originelle Online-Besprechung der Fischer-Ausgabe haben möchten, dann senden Sie doch unserem Webmaster, Wolf Gräbel, eine Lese-Exemplar!

[Lieferadresse für wohlwollende Zuwendungen]

Der würde sich bestimmt freuen und seiner Freude auch Luft machen! Und dann könnte ich auch herausfinden, ob der “Pützpatzer”, der in der Ausgabe von Zweitausendeins drinsteckt, in dieser Ausgabe “behoben” ist… (Details unter http://planet9.wordpress.com/2008/01/10/moby-dick-ubersetzung-die-losung)

Schöne Grüße aus [Bums]!

[Unterschrift und Adresse für noch mehr wohlwollende Zuwendungen]

“Da lesen ein paar seltsame Gestalten den ‘Moby-Dick’ und schreiben darüber.” Herrschaften, was hab ich schon daran herumformuliert, wer hier eigentlich was tut, und so einfach wär’s gewesen. Die großen Wahrheiten sind ja immer die ganz einfachen (E=mc²). Also sagen wir es so schlicht wie möglich:

Das Leseexemplar ist da. Danke, Frau Kracht (verwandt?); danke, Jürgen!

Und das Spannendste: Der erwähnte Pützpatzer (cit. Rathjen/Jessebird, 2008) ist tatsächlich behoben. Es heißt jetzt in Kapitel 78: Zisterne und Pützen:

Ob’s nun so war, daß Tashtego, jener wilde Indianer, so unachtsam und leichtsinnig gewesen, für einen Augenblick seinen einhändigen Halt an den großen vertäuten Taljen, die den Kopf hielten, fahrenzulassen; oder ob der Platz, wo er stand, so trügerisch und schlickig; oder ob der Leibhaftige persönlich es gewollt, daß es so ausfalle, ohne seine besonderen Gründe dafür anzugeben; wie’s genau geschah, das läßt sich nicht mehr sagen; doch ganz urplötzlich, als die achtzigste oder neunzigste Pütz schlürfend hochkam — mein Gott! der arme Tashtego — der stürzte wie der entsprechend gegenläufige Zwillingseimer bei einem richtigen Brunnen kopfüber in dieses große Heidelburgher Faß hinunter und entschwand mit einem fürchterlichen öligen Gurgeln spurlos allen Blicken!

So steht

Whether it was that Tashtego, that wild Indian, was so heedless and reckless as to let go for a moment his one-handed hold on the great cabled tackles suspending the head; or whether the place where he stood was so treacherous and oozy; or whether the Evil One himself would have it to fall out so, without stating his particular reasons; how it was exactly, there is no telling now; but, on a sudden, as the eightieth or ninetieth bucket came suckingly up—my God! poor Tashtego—like the twin reciprocating bucket in a veritable well, dropped head-foremost down into this great Tun of Heidelburgh, and with a horrible oily gurgling, went clean out of sight!

Indigo Vapour, Cosy Sarah, 11. Februar 2007korrekt übersetzt in der neuen Ausgabe von Moby-Dick bei Fischer Klassik in der Übersetzung von Friedhelm Rathjen, Juli 2009, auf Seite 508. In den Hardcovers bei Zweitausendeins und mare stand noch auf Seite 484: “die achte oder neunte Pütz”. Das ist ein Übersetzungsfehler in einem minder schweren Fall (das “Heidelburgher Faß” hingegen ist keiner, vielmehr ein angemessen übertragener Melvillismus), der Herrn Rathjen nur unterlaufen konnte, weil er seine Übersetzungen unerschrocken gleich zweimal schreibt: das erste Mal von Hand; und da in einer reichlich doktoralen Handschrift. Jürgen hat’s gemerkt, Rathjen hat’s eingeräumt, ein Lektor bei Fischer hat’s verbessert. Sag noch einer, Weblogs hätten keine Macht.

Das Fischer-Taschenbuch enthält naturgemäß den gleichen Text wie das mare-Hardcover, das uns als Rathjen-Referenz maßgeblich bleiben soll. Denn das Taschenbuch enthält nicht: die bei mare zugehörige vollständige Einlesung von Christian Brückner, was auch denkbar unverschämt zu verlangen wäre — vor allem aber enthält es nicht die Illustrationen von Rockwell Kent. Bei fortschreitendem Lesen gewinnt die Übersetzung von Rathjen immer mehr gegenüber der von Matthias Jendis, die “nur” eine tiefgreifende Bearbeitung der Rathjenschen ist. Das bedeutet vor allem: Hardcover und Taschenbuch sind nicht seitengleich, was das Zitieren nicht gerade vereinfacht.

Die Verdienste der mare-Ausgabe sind ja ebendiese Brückner-Einlesung, nach der man unfehlbar noch lange diese verwegene, sensibel kratzige, blitzsauber dosierte Seebärenstimme mithören wird, und ebendiese Rockwell-Illustrationen, bei denen man ganz überrascht ist zu erfahren, dass sie darin erstmals in einer deutschen Moby-Dick-Ausgabe versammelt sind. Das Fischer-Taschenbuch behält bei: viele — nicht alle — begleitenden historischen Primärtexte aus dem Anhang von mare. Im einzelnen:

  • Owen Chase: Bericht vom Schiffbruch des Walfängers Essex;
  • Herman Melville: Notizen zum Bericht von Owen Chase;
  • Jeremiah Reynolds: Mocha Dick; oder der Weiße Wal des Pazifiks;
  • Herman Melville: Skizzen einer Walreise.

Immerhin: Der Mocha Dick von Jeremiah Reynolds gilt immer noch als wunder was für eine Rarität, dabei steht er seit Jahren leicht greifbar ungekürzt übersetzt bei Hugendubel rum, dank Herrn Rathjen und Kollaborateuren — allen voran Norbert Wehr; jetzt sogar als Taschenbuch, es gibt also keine Ausrede mehr. Das alles und noch mehr wurde 2001 von Rathjen für die Originalausgabe bei Zweitausendeins übersetzt. Ferner den gerade für Fachkollegen rasend interessanten Übersetzerbericht vom selben — dann noch Melvilles tabellarischen Lebenslauf, unterschiedlich von dem in der Auswahlausgabe bei Hanser und nicht in den Hardcover-Vorgängern — sowie, ebenfalls nicht in denselben und wie in den Fischer-Klassik-Ausgaben üblich, den Artikel zu Moby-Dick aus Kindlers Literaturlexikon, 3., völlig neu bearbeitete Auflage 2009 — übrigens von Klaus Ensslen und Daniel Göske, dem Herausgeber der Jendisschen Konkurrenzübersetzung bei Hanser.

La Petite Twinkie, Tick-tock, 12. März 2009Faustregel für Buchhändler-Azubis: Hanser-Hardcovers werden btb-Taschenbücher, mare-Hardcovers werden Fischer-Taschenbücher. So auch bei den beiden konkurrierenden Moby-Dick. Der Vorteil an Hanser-btb-Lizenzen: Sie bleiben seitengleich. Das bleiben die mare-Fischer-Migrationen normalerweise auch, nur hier hat’s weder für die Rockwell-Illus noch den Rest des Anhangs gereicht. Schade, das ist ein Verlust. Gerade der Rathjen taugt jedoch, so ohne die teilweise diskutierwürdigen Verbesserungen von Jendis, als Schnellvergleich, was bei Melville wirklich steht. Und dazu ist das Taschenbuch wirklich gut: als Arbeitsgerät. Auch wenn ich weiterhin so frei sein werde, mein feudales mare-Hardcover mit Bleistiftgeschmier zu verunzieren, kommt es bei dem Fischer nicht so drauf an. Rathjen und Jendis bleiben weiter Kopf an Kopf mit eher graduellen als kategorialen Qualitätsunterschieden, als K.o.-Argument zugunsten Rathjen bleibt bestimmt wieder übrig: Er kostet 12,50 Euro statt 13.

Ich finde selber nicht, dass man Kultur von 50 Cent abhängig machen sollte. Wovon sonst, weiß ich allerdings auch nicht.

Die Rathjen-Übersetzung als:

War das jetzt die von Jürgen versprochene “originelle Online-Besprechung”? Da schenkt man in Dreier-Teamwork einer seltsamen Gestalt einen nagelneuen 928-Seiten-Oschi, an dem fast noch die Druckerschwärze verwischt, und er schreibt darüber mäkelige Fremdvergleiche. Allerdings wette ich meinen nahezu melvilleanischen Seemansrauscheflauschebart, dass das gute Stück noch häufige Erwähnung finden wird. Nein, echt, ungelogen, uneingeschränkt, unbenommen: Ist schon ein tolles Buch. Kaufen.

Cover Moby-Dick, Fischer Klassik, Juli 2009

Lustige Bilder: La Petite Twinkie: Concentrate, 20. April 2008, und Tick-tock, 12. März 2009;
Indigo Vapour: Cosy Sarah, 11. Februar 2007, mit dem Zeug zum Lieblingsbild.
Ernsthaftes Bild (größer als bei Amazon wird’s nicht): Fischer Klassik, Juli 2009.

Written by Wolf

28. July 2009 at 7:57 am

Posted in Reeperbahn

4 Responses

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  1. Das Bild auf dem Cover ist toll, steht da irgendwo, von wem das ist?
    (Also ich bleibe ja bei meiner badewannentauglichen Penguin-Loseblattsammlung, aber die hier vorgestellte Ausgabe werd ich sicher mal verschenken…)

    cohu

    28. July 2009 at 9:09 am

  2. Hach, das wollt ich sogar noch mit reinbringen: Statt Rockwell Kent innen ist sogar außen ein vermutlich lizenzfreies Bildchen von einem ungenannt bleiben dürfenden Künstler des Ottocento.

    Wolf

    28. July 2009 at 5:03 pm

  3. […] hat gemerkt, dass “unser” Friedhelm Rathjen 130 Stunden Bootleg-Material der Beatles durchgehört hat und uns in einem […]

  4. […] — eine annähernd zeitgleiche Parallelübersetzung, heute bei btb (übrigens mit einer Verbesserung von unserem Mitsegler Jürgen) mit abweichender Zielsetzung, beide Fassungen mit eigener Berechtigung. Es war ein Geziehe und […]


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