Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Perliana

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Hille Perl die Waldfee, Uwe Arens, Sony MusicHille Perl sieht mich. Mich als erstes, als die Fahrstuhltür aufgeht, beim Kramen in CDs, ein Zeichen, aber wofür bloß. Sie tritt mit Los Otros und dem Stockwerkleiter instrumentenbeladen heraus und verteilt sich ums Podium.

Die größte Kaufhausabteilung für klassische Musik Deutschlands, die beim Beck am Rathauseck, macht Matinee. Ihre erste, weil Hille Perl mit ihren beiden Jungs gestern ein richtiges Konzert hatte und heute Abend schon weiter muss. Hab ich heute früh in der Zeitung gelesen: Ui, Hille Perl. Sofort hin. Von der Großmeisterin der Viola da Gamba und Professorin für Gambeninstrumente an der Hochschule für Künste Bremen hab ich eine CD mit abseitigen Bach-Konzerten, solo. Dafür, dass es Bach ist, macht die wirklich Spaß.

Hille Perl soll wohl gothic aussehen und wirkt wie die blühende Lebenslust. Sie ist schön wie Schneewittchen und sympathisch wie deine erste Liebe. Offener, klarer Blick, den sie mit jedem im spärlichen Publikum — zwei Sitzreihen sind nicht voll geworden — einmal wechselt, ansteckendes Lächeln. Sie erinnert sehr an eine Katze, eine schwarz-weiße, in Bewegungen und Färbung. Kurzes Röckchen mit hochraffinierten Netzstrumpfhosen, gehobenes Wolford. Los Otros, ihre Unterstützung Lee Santana (nicht verwandt) und Steve Player, sind schrullige Musiknerds. Schon beim Aufbauen der Instrumente ein eingespieltes Team, Frau Perl stimmt ihre Gambe noch vor dem Herausnehmen, im Kasten, an den Feuermelderkasten gelehnt. Das wird einen Sinn haben, irgendwas mit Resonanzkörper und Raumklang. Eine Combo, die bestimmt etwas aus dem macht, was sie vorzutragen gedenkt.

Ansage: Der Stockwerkleiter braucht ein Mikro, Frau Perl spricht ihre launigen, fachkundigen Worte unverstärkt, ihre Stimme trägt, einnehmend freundlich und unprätenziös. Himmel, die Dame ist als Professorin, Großmutter und Fee eine gleich dreifache Respektsperson, dabei möchte man jeden Moment hinaufrufen, ob sie hinterher auf ein Eis mitkommt. Wetten, dass sie Vanille mag?

Es gibt Auschnitte aus ihrer neuen CD Kapsbergiana, eine Sammlung aus einem Jahrzehnte lang verschollenen Notenbuch von einem gewissen Johann Hieronymus, vulgo Giovanni Geronimo Kapsberger, das kürzlich in der Universitätsbibliothek von Yale wieder entdeckt wurde: Libro terzo d’intavolatura di chitarrone. Das sieht Frau Perl ähnlich, dass sie sich auf sowas stürzt. Zum hundertelfzigsten Mal die Vier Jahreszeiten einfiedeln mögen derweil die Powermiezen, die als Mitnahmeartikel neben der Kasse liegen.

Eine Mutter hat zwei sehr kleine Mädchen mitgebracht und lagert sich mit ihnen neben den Sitzreihen an den Heizkörper. Frau Perl winkt ihr jüngstes Publikum zu sich und fragt sie aus, ob sie denn auch ein Instrument spielen. Es entsteht die paradoxe und doch sehr passende Situation, dass Frau Perl sich auf Augenhöhe mit kleinen Mädchen kauert und dabei auf ihrem Podest stehen bleibt. Die Mädchen wollen mal Geige lernen, worüber Frau Perl sich glaubwürdig freut.

Dann nimmt sie zwischen ihren Otros Platz. Blickewechsel, Sammeln, Ernstwerden. Der erste Bogenstrich summt durch die Abteilung, dass die CDs in den Ständern aneinander vibrieren. Lerninhalt des Vormittags: Die Wannenklampfen mit den irrsinnig überlangen Hälsen heißen schon nicht mehr Lauten, sondern Theorben. Und klingen unerwartet lustig: zwei verschiedene Sätze Saiten, bestimmt eine Oktave auseinander, die sich schon auf einem einzelnen Instrument gegenseitig ins Wort fallen und klimpern und hüpfen und brummen für zwei. Frau Perls Gambe hat keinen Ständer, sie muss ihn auf ihren Stiefelschäften lagern; leider obliegt sie der Unsitte, beim Musizieren die Augen zu schließen, was schon vor Nick Hornby verboten war. Das darf nur sie.

Das ist jetzt nicht wahr, dass diese Musik von 1626 ist, oder? Das wäre jedenfalls vor der Erfindung der Polyphonie, und das schnurrt und singt und quasselt durcheinander und überrascht an allen Ecken und Enden, und davon hat es viele. Kapsberger ein früher Bach, gar Mozart, ja Bob Dylan? Nein, aber auf dem CD-Cover steht, sie haben es los otrofiziert. Gute Arbeit anscheinend.

Sie wissen offensichtlich nicht im Voraus, was sie alles spielen werden, immer wieder sprechen sie sich ab, auch während der Stücke, wenn der Dritte ein Solo drischt — man darf es getrost mit modernen Ausdrücken belegen. Das Programm sitzt noch nicht blind, aber sie verstehen sich, und wozu hat Frau Perl den besten Ruf für Improvisation. Zwinkert sie zwischendurch immer wieder den kleinen Mädchen am Heizkörper mit den kugelrunden Augen und den aufgesperrten Mündern zu oder ist das mein Wunschdenken?

So altmodisch bin ich aber dann doch, um verpasst zu haben, dass Autogrammstunden jetzt Signing heißen. Meet & Greet ist dann für U-Musiker? Das Ende war zu schnell, ist aber organisch gewachsen, man vermisst nichts, muss nicht nach Zugaben grölen, es ist wie es ist und es ist gut. Ich stelle mich hinten an das Signing, wo sich alle drei Otros um einen Stehtisch ringen und Audienz halten, und überlege eine Ausrede, warum ich ihnen keine CD abkaufen werde — und zwar eine, die nicht lautet: “weil ich die für fünf Euro und nicht für die achtzehn neunzig, die der Beck für einen Aktionspreis hält, aus dem Amazonramsch raushol”, ich Notnickel. Vielmehr lausche ich, was Frau Perl mit ihren Verehrern zu bereden hat, man versteht sie weit. Sie lacht fröhlich, stellt ehrlich interessierte Fragen, hört zu, antwortet angemessen. Darf ich die mitnehmen?

Ich hab mein blanko Reinschrift-Moleskine dabei, das trifft sich gut. Mal sehen, ob Frau Perl sich mit anderen Kunstformen außer Musik auskennt. Das nehme ich mir vor, weil ich es ihr zutraue, nicht etwa, um sie reinrasseln zu lassen. Die Seite nach dem Ahab-Cartoon ist dran. Den Wunsch, dass sie darin blättere, verdränge ich, bevor er richtig aufkommt, denn Eitelkeit ist Todsünde. Frau Perl ruft gerade nach hinten einer Bekannten zu, dass sie gerade noch die Tourdaten in ihren Computer reinschreiben konnte — “dann is er gestorben!”

“Kannst du mir was zeichnen?”

Himmel, ich habe Hille Perl geduzt. Ich komme in die Hölle. Kaum winkt von fern eine Ahnung von Internet in einem Subtext, schon duzt sich’s wie von selbst.

Frau Perl lacht hell auf. “Zeichnen is ganz schlecht bei mir”, sagt sie. “Aber er hier hat Kunst studiert” und schiebt mein Moleskine ihrem Nachbarn zu. “You studied arts”, sagt sie zu ihm, “you draw him a picture.”

“I knew it”, mault er und füllt mit Grandezza den größten Teil der Seite mit einer vierbeinigen Spirale. “It’s a Kapsberger”, erklärt er dazu und schiebt das Buch weiter. Alle kritzeln was, Frau Perl zuletzt, sie schiebt das Buch in eine zweite Runde, sie balgen sich darum wie die jungen Hunde, die Seite wird ein Kunstwerk. Frau Perl schiebt es mir in die Finger:

“Schön so?” Es ist eine echte Frage.

“Klasse”, sag ich. Wenigstens Anfassen verkneife ich mir.

“Alles Gute!” nickt mir Frau Perl zu, kaum bekomme ich mein Buch verstaut.

“Danke für eure Arbeit”, sag ich, und vorsichtshalber: “Keep the good work up.” Das sagt man doch so, oder?

Das hat der Beck strategisch gut ausgedacht, dass man erst mit Frau Perl sprechen und dann an dem Tisch mit ihren neun CDs vorbei muss. Auf der Aguirre geht es um historische mexikanische Freiheitskämpfer mit girrenden Lauten und gurrenden Celli. Soll gut sein.

Autogramm Los Otros, Samstag, 1. August 2009

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Bilder: Hille Perl by Uwe Arens/Sony Music;
Autogramm.
An ihren Videos muss noch üben: Hille Perl: Johann Sebastian Bach: Cello-Suite BWV 1011, Sarabande.

Written by Wolf

4. August 2009 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

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