Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Das tut nicht nur dem Seemann weh

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Zuerst wollte ich Elkes jüngste Abhandlung über Lili’uokalani — die Blume von Hawaii (Update, Update!) mit dem Lied Aloahe von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung garnieren. Die Idee wurde verworfen, weil das Lied zu zu starker Rum mit zu vielen Umdrehungen ist; das zieht jede Wissenschaft runter. Hat Elke doch ohnehin etliche Illustrationen dazugeliefert, die nicht mehr auf ihre kompakte Textmenge passten, da durfte man nicht noch mit allzu prominenten Klamaukeinlagen draufhauen.

Die Erste Allgemeine Verunsicherung, neben H.C. Artmann, guter Luft, einer dankenswert wenig verbreiteten Bierparodie, einer luxuriös pralinesken Todesverliebtheit, Komm, süßer Tod und Wolfgang Ambros Österreichs bester Exportartikel und gar nicht so verschieden von der Aufzählung, wie man unbedacht glauben möchte, trat passenderweise in mein Leben, als ich besoffen war.

Erste Lüge: Verkatert war ich. Bei einem Schulkameraden eingeladen, um Beethovens Fünfte auf Platte zu hören, zusammen mit noch einem, der für sowas zu gewinnen war, und unerfahren im Umgang mit Johnny Walker Red und Black Label. Mein Abend endete damit, dass ich auf dem Fußboden im Klo Clever & Smart-Heftchen las, mein nächster Tag fing an mit elenden Kopf- und Kreuzschmerzen, einem Muster auf der Stirn von der Klofußumpuschelung und einer Dose Tigerbalm, die ich auf dem Spiegelbrettchen fand und zur Hälfte für ich weiß nicht mehr was aufbrauchte. Ich erschien pünktlich zum Frühstück mit zwei weiteren Schulkameraden und stank entsetzlich nach Tigerbalm.

Das Radio lief. Erste Allgemeine Verunsicherung: Go, Karli, Go.

Sancta Caecilia, war das gut.

Dergleichen hatte man nie zuvor gehört. Schon gar nicht auf Bayern 3. Da lag genau der Tiefgang unter dem Text, von dem sich ein verkaterter Vorabiturient ernst genommen fühlen, und genug Gaudifaktor in der Musik, dass sich seine Kumpels, die mit ihrer Mittleren Reife schon mal was Gescheites lernen gegangen waren, ihre kleinstadtmittelständische Feierabendeuphorie rausholen konnten. Neu war der Mut zur Peinlichkeit, die Lust am indiskutablen Geschmack, um eines saudummen Lachers mit dreifachem Boden willen. Das war lustig, aber nicht blöd. Da konnte man mitsingen, ohne sich zu genieren, weil eine Message hat’s ja auch. Das konnte man bierselig auf Grillfeiern grölen, und erst wenn man den Ohrwurm nach Hause trug, merkte man den Trojaner: Moment mal, was lallen wir da eigentlich? Leicht halbseiden in Wortwahl und Gehabe, wie ein Callgirl, das keine Nutte geheißen sein will. So sexy, so unernst und so schamfrei aufreizend wie Ganzkörper-Fishnets unter einem Trenchcoat.

Verunsicherung waren mir nachmals das, was ich als mein erstes großes Rockkonzert betrachtete, die Geld oder Leben-Tour in der Erlanger Stadthalle 1986. Da hatte ich frisch den Führerschein und durfte allein mit Mutters Laubfrosch hin. Spätestens hier rückte Mastermind, Stimme nebst Gesicht der Band Klaus Eberhartinger in die Riege meiner Vorbilder auf: Zu dieser Attitüde eines rausgewachsenen Zuhälters passte also ein Lachen, und man konnte hochgescheite Sachen sagen, ohne dass es gleich jeder merkt. Groucho Marx goes Hugo Egon Balder, mein Typ war gerettet. Hinterher stand ich, platt von dem zurückliegenden Beschuss mit Kalauern und dieser unverschämt psychogenen Mischung aus Cabaret, Kabarett, Songwriting, Schlagerschnulze und Schweinerock, noch lange an den Laubfrosch gelehnt, rauchte eine und kam mir fürchterlich erwachsen dabei vor.

Heute erinnern sich die Aficionados, dass die Verunsicherung von Alfred Biolek in Bios Bahnhof vom Studentenkabarett in eine breite bundesdeutsche Öffentlichkeit gerückt wurden. Der Mann hat vor seiner Karriere als Witzigkoch immerhin Monty Python nach Deutschland gezerrt, ebenfalls ursprünglich ein Studentenscherz von Medizinern, das könnte nicht besser passen.

Damals waren drei Platten von ihnen bekannt: Spitalo Fatalo, À la carte und Geld oder Leben, alle prall vor zitierfähigen Reimen, die in der Literatur monolithisch herumstehen und seit der Erstverwendung durch den Haupttexter Thomas Spitzer auf ewig verbrannt und endlich mal einen Literaturpreis wert sind, kommt schon, ihr Stiftungen, wenigstens fürs Gesamtwerk. Manche dieser rhetorischen Diamanten entstehen durch den Reim österreichischer auf englische und hochdeutsche Wörter oder waghalsige Enjambements, die den Sätzen an Stellen das Kreuz brechen, die man vorher gar nicht gesehen hat, das geht freilich nur in so hochspeziellen Kontexten.

Später hörte ich läuten, dass es mehr als drei Platten geben, die Spitalo Fatalo nicht ihre erste, sondern dritte sein musste, und fuhr extra mit dem Zug ins grenznahe Salzburg, um mal in einem österreichischen Plattenladen zu kramen. Leider aussichtslos, alles voll Mozart, auch schön, und halbtags angestellter Kassenhausfrauen. Die Café Passé erschien erst später wieder als CD, ihre anerkannt allererste 1. Allgemeine Verunsicherung scheint es ins CD-Stadium geschafft zu haben, ist aber verschollen.

Go, Karli, Go (das spricht sich bitte knallhart kanzleideutsch aus, ohne englische Diphthongierung) blieb lange mein Lieblingslied, nicht zuletzt weil meine Kumpels mir einredeten, das Lied handle von mir.

Auf der gleichen Platte findet sich ihr einziges maritimes Lied. Ist aber gar nicht maritim. Sondern sozialkritisch. Merkt man bloß nicht gleich. Jedenfalls nicht besoffen unter Versicherungskauffrauen und Speditionssachbearbeitern. Typisch. Aloahe. Aus: À la carte, 1984. CD vergriffen, Text von Thomas Spitzer:

1.: Es war vor langer, langer Zeit
Eine Braut und ein Matrose
Im Hafen der Glückseligkeit.
Er gab ihr eine Rose.
Sie wollten sieben Meere sehn,
Die Braut und der Matrose,
Und allen Stürmen widerstehn —
Ay, das ging in die Hose.

Bridge: Heut steht sie in der Kombüse
und putzt traurig das Gemüse.
Legt sie sich nicht in die Riemen,
gibt es einen auf die Kiemen.

Refrain: Hey, hey, aloahe!
Das gibt’s nicht nur auf hoher See.
Hey, hey, aloaho!
Frag nicht wieso.
Hey, hey, aloahe!
Das gibt’s nicht nur auf hoher See.
Hey, hey, aloahö!
Bevor du untergehst, sag mir adieu.

2.: Die Mannschaft rackert im Akkord,
Es zittert der Matrose.
Täglich geht einer über Bord:
Zu viele Arbeitslose.
Die Angst macht seinen Rücken krumm:
Wo ist Dein Stolz, Matrose?
Zu wenig Mumm und zu viel Rum,
Ay, das führt zur Zirrhose.

Bridge: Und der Käpten treibt ihn an,
Hol ihn der Klabautermann!
Doch er denkt nicht an Meuterei,
Er fürchtet sich vorm schwarzen Hai.

Refrain: Hey, hey, aloahe!
Das gibt’s nicht nur auf hoher See.
Hey, hey, aloaho!
Frag nicht wieso.
Hey, hey, aloahe!
Das gibt’s nicht nur auf hoher See.
Hey, hey, aloahö!
Bevor du untergehst, sag mir adieu.

3.: Nur manchmal denken sie zurück,
Die Braut und der Matrose:
Was ist geblieben von dem Glück?
Eine verwelkte Rose.
Ihr Traumschiff ist ein alter Kahn,
Eine bediente Dose.
Sie haben sich total verfahrn,
Die Braut und der Matrose.

Bridge: Es ist kein Wind mehr in den Segeln,
nicht einmal mehr, wenn sie [kegeln].
Statt Liebe macht die Pest sich breit,
im Hafen ihrer Einsamkeit.

Refrain: Hey, hey, aloahe!
Das gibt’s nicht nur auf hoher See.
Hey, hey, aloaho!
Frag nicht wieso.
Hey, hey, aloahe!
Das gibt’s nicht nur auf hoher See.
Hey, hey, aloahö!
Bevor du untergehst, sag mir adieu.

Fade-out: Hey, hey, aloahe!
Das tut nicht nur dem Seemann weh.
Hey, hey, aloaho!
Uns ebenso.
Hey, hey, aloahe!
Das gibt’s nicht nur auf hoher See.
Hey, hey, aloahö!
Bevor du untergehst, sag mir adieu.

Text: Thomas Spitzer
Musik: Thomas Spitzer, Nino Holm, Eik Breit, Klaus Eberhartinger, Günter Schönberger
Sänger: Klaus Eberhartinger

Written by Wolf

25. September 2009 at 1:13 am

Posted in Laderaum

4 Responses

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  1. Sehr rischtisch und aloahe, das tut sogar der Meerfrau weh. Aber bei EAV bin ich bekennende Masochistin. ;o)) Die Verunsicherung ist ja sogar, auch so um deine Vorabizeit, glaub ich, über die Mauer geschwappt und über mich hereingebrandet. Allerdings vorwiegend bis ausschließlich als knallhart mundartelnder Märchenprinz, wenn meine umnebelte Erinnerung mich nicht trügt – da Dorfdiscomacho war gerad noch schlagerklamottig und identifikationsfähig genug wider die Unterwanderung. *g* Von welchem Kanal ich den Banküberfall hatte (und viel mehr damals auch schon nicht), weiß ich gar nimmer.

    Hihi… und über die Kabarettnummer, die mit den Russen kömmt, hätte da seinerzeit so mancher womöglich auch weit weniger gelacht als die heute selber…

    Yeah. Go, Wolfi, go.
    Und dankschön auch, für den sensiblen Umgang mit meiner Aloah-Prinzessin. :o)

    hochhaushex

    27. September 2009 at 4:31 am

  2. Wenn’s Banküberfall und der Märchenprinz waren, dann allerdings um die Zeit meines frühen Rockertums, die sind nämlich auch auf der Geld oder Leben. Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich sogar noch weiß, das wievielte Lied auf welcher Seite…?

    Wolf

    28. September 2009 at 12:05 am

  3. Wer auch Bock auf anderes als die Schwarze Tinte hat kann dem verstorbenen Deutschen Dichter im Original lauschen und huldigen. Dort offenbart der Verstorbene seine dunklen Seiten von Pangermanismusattacken bis Homophobie,

    Sein durchgeknallter Großneffe ist noch aktiv und der absolute Überhammer Wahnsinn und/oder Genie sind vererblich.

    Helmut Qualtinger

    21. October 2009 at 9:36 pm

  4. Irgendwie, Herr Irgendwer, geht jetzt was durcheinander mit den Verunsicherungen, Qualtingers und Artmännern. Trotzdem danke für lohnende Links .o)

    Wolf

    21. October 2009 at 11:25 pm


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