Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for September 2009

Der Fluch des Albatros

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Vorläufige Stoffsammlung für
Kapitel 42: Die Weiße/Das Weiß des Wals (“I remember the very first albatross I ever saw” ppp.)
und Kapitel 52: Die Pequod trifft die Albatros/Die “Pequod” begegnet der “Albatros”,
in enger Verupdatung zu Barks’ Thierleben und Überall ist Entenhausen:

Der Entenhausener Bericht The Not-So-Ancient Mariner, empfangen und übermittelt durch Carl Barks, erschien deutsch als Der Fluch des Albatros (WDC 312) in TGDD 71, beide 1966. Heute am besten erreichbar in Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See, herausgegeben von Frank Schätzing (seufz!) im mareverlag, März 2006.

Der Gang der Handlung nach BarksBase:

Cover Walt Disney's Comics and Stories, The Not-So-Ancient MarinerDaisy hat beim Quiz der Wunderweiß-Waschmittel-Werke [Bluefog Blubber Company] eine Reise mit der »Korallen-Königin« [Fatsonia] gewonnen und fährt zusammen mit ihrer Tante Melitta [Aunt Drusilla] in die Südsee. Weil Gustav mit demselben Schiff fährt (er ist zur Beat-Weltkonferenz nach Samoa eingeladen), beteiligt auch Donald sich an dem Wunderweiß-Quiz. Er kann die letzten zwei Strophen aus dem Gedicht »Der Fluch des Albatros« [Ancient Mariner] und gewinnt ebenfalls eine Fahrt mit der »Korallen-Königin« — allerdings im Laderaum, wo er von Daisy nicht viel sieht. Er schleicht sich an Deck, wo er versehentlich einen Albatros abschießt — was letztendlich dazu führt, daß Donald über Bord geht. Die dadurch bewirkte Fahrtverzögerung hat zur Folge, daß Donald die Bordpreisfrage richtig beantwortet — und sich eine Kabine erster Klasse leisten kann.

Im Original wird die Ballade »The Rime of the Ancient Mariner« ([in der Fassung von] 1798) von Samuel Taylor Coleridge zitiert. CBVD enthält zusätzlich die Originalfassung.

Empfohlen werden ausdrücklich Gustave Dorés 1876er Illustrationen zu Coleridges Ballade. Aufallend an der deutschen Fassung ist der einleitende Satz: “Alle Seeleute glauben, daß es Unglück bringt, einen Albatros zu töten. Ob das wohl stimmt?”, der explizit vom Töten spricht, obwohl nach verbreiteten Fällen von Traumatisierung durch den Tod von Bambis Mutter der Tod aus allen Disney-Veröffentlichungen herausgehalten wird (einzelne Rückfälle, z.B. Mufasa in König der Löwen, 1994). Dieser, sofern es einer ist, Aberglaube stammt aus dem antiken Griechenland, wo der Albatros Poseidons Lieblingsvogel war.

Im deutschen Comic wird sichtbar, daß die Ballade aus dem Buch Seegedichte stammt, nach allem vernünftigen Dafürhalten ein fiktives Buch. Zumindest die letzte, geflügelte Strophe “Weh mir Frevler, dass ich schoss den Schicksalsvogel Albatros! Dreimal wehe, dass ich traf! Dafür trifft mich des Schicksals Straf’!” stammt eindeutig von der Hauptübersetzerin Dr. Erika Fuchs, der Rest ist wahrscheinlich ein Stück alte, anonyme Fan Fiction avant la lettre. Der Einfluss von Coleridge auf Barks ist heute als Parodie anerkannt: Die angeführte Strophe übersetzte Frau Fuchs aus dem Original bei Coleridge/Barks:

“God save thee, ancyent Marinere!
“From the fiends that plague thee thus—
Why look’st thou so ?’—With my cross-bow
I shot the Albatross.

Im Volltext nach der offiziellen Homepage der D.O.N.A.L.D.:

Der Fluch des Albatros

Gustave Doré, Ancient Mariner. I shot the albatrossSchaumgekrönte Wellen branden
gegen Kap Kanaster an.
Bald werd’ ich dort wieder landen,
wo dereinst mein Weg begann.

Wind frischt auf, und mit dem Brausen
fliegt mein Schiff in Richtung Watt.
Schon gewahr’ ich Entenhausen:
Heißgeliebte Heimatstadt!

Lichtbestreuter Hafen — endlich
fährt mein Kurs mich an den Kai.
Vor mir wird die Skyline kenntlich
— da erklingt von Luv ein Schrei.

Gellend klingt er, so als ginge
grad ein Topgast über Bord.
Mit dem nächsten Rettungsringe
eile ich zum Unfallort.

Doch das Meer liegt bleigegossen,
niemand aus der Mannschaft fehlt.
Über meinen Schreck verdrossen,
hab’ ich es dem Maat erzählt.

“Was Euch eben so verdroß,
das war der Ruf des Albatros.
Wehe dem, der ihn vernimmt:
Sein Schicksal ist vorausbestimmt.”

Kaum gehört, ist’s schon geschehen,
und das Unglück zieht herauf.
Vor mir türmen sich die Seen
bis auf Leuchtturmhöhe auf.

Wie ein Jux der Elemente
tanzt im Sund mein stolzes Schiff.
Backbord drohen Felsenwände,
steuerbord das Teufelsriff.

Da, die Durchfahrt! Und es schießt rein;
Gott hat uns den Weg gesucht.
Vor uns muß die Insel Kniest sein,
wir sind in der Gumpenbucht.

Still verdümpeln kleine Wellen,
denn der Sturm zog hier vorbei.
Doch wie tausende Tschinellen
hämmert wieder dieser Schrei.

Wer verdenkt mir meine Rage,
als ich seinen Ursprung such’?
Auf der höchsten Takelage
sitzt der Vogel wie ein Fluch.

The Not-So-Ancient Mariner, 1966, 1st pageUnd der Maat brüllt ängstlich: “Boss,
er ist zurück, der Albatros!
Zweimal wehe, wer ihn schaut.
Sein Leben ist auf Sand gebaut.”

Ich vergesse Ruh’ und Sitte
— dieser Vogel macht mich krank —
und betrete die Kajüte
mit des Käpt’ns Waffenschrank.

Knarrend öffnet sich die Türe
und ermöglicht mir die Wahl
aus dem glitzernden Spaliere
voller kaltem blauen Stahl.

Das Kaliber sei ein solches,
daß vom Opfer nichts mehr bleibt,
das die Federn dieses Strolches
bis zum Erdtrabanten treibt.

Gut gezielt: Ich expediere
durch der Waffe langen Lauf
diesem großen Unglückstiere
eine Ladung Blei hinauf.

Doch die brav getroffne Leiche
stürzt herab wie ein Geschoß.
Fragt mich nicht warum, ich weiche
ihm nicht aus, dem Albatros.

Weh mir Frevler, daß ich schoß
den Schicksalsvogel Albatros!
Dreimal wehe, daß ich traf!
Dafür trifft mich des Schicksals Straf’!

Bilder: BarksBase; Gustave Doré, 1876; I.N.D.U.C.K.S., 1966.

Written by Wolf

8. September 2009 at 12:01 am

Posted in Laderaum

München am Meer V: Yarrrrr, sog i!

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Update zu München am Meer IV: What I Heard about the Apple Barrel:

Piratenflagge weiß-blau, Orleansplatz Bayernmarkt

Moby-Dick™ ist zuständig für Wal-, nicht Wahlkampf, macht jedoch darauf aufmerksam, dass in der anstehenden Bundestagswahl eine Neuerung installiert wurde: eine wählbare Partei. Die Wahlbenachrichtigungen wurden versandt, Sie können seit Tagen Ihre Briefwahlunterlagen bestellen, es gibt keine Ausrede mehr. Und bevor Sie wieder verdrossen auf unseriöse Spaßparteien (F.D.P., CSU) ausweichen oder zu Hause Ihre Frau verprügeln:

Und: Nein, das ist möglicherweise keine fertig ausgebildete Regierungspartei. Das ist möglicherweise nicht mal eine voll einsatzfähige Oppositionspartei. Das ist aber eine politische Partei, von der man sich nicht von vornherein aus Gewohnheit rundumverarscht fühlen muss. Sie üben noch, und sie tun es anhand wichtiger Themen. Die Älteren unter uns erinnern sich, wie’s mal mit den Grünen war. Wenn schon in einer parlamentarischen Demokratie ein gewisses Ausmaß an Parteipolitik nicht zu vermeiden ist, dann doch bitte mit Leuten mit dem Herzen am richtigen Fleck. Endlich geht das mal. Übrigens ist die Zweitstimme die wichtige.

Das Bild ist vom Bayernmarkt am Orleansplatz in München — noch bis Sonntag, den 6. September, ist lustig. Beachten Sie Captain Ahabs Frau an der Ampel: Das linke Bein fehlt! (Vide From hell’s heart I stab at thee und Jürgens Ahabs Bein(e).)

Written by Wolf

4. September 2009 at 12:01 am

Posted in Fiddler's Green

Lieb, die Olle

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Update zu Walgesänge mit Begleitung:

Auf Myspace rumgurken ist was Feines. Ich hab dort fünfzigmal so viele Freunde wie im Facebook und kenn von keinem einzigen den Namen. Eine von ihnen will ein Matrosenmädchen sein, und nicht mal das stimmt. Sagt sie ja selber:

eigentlich bin ich gar kein richtiges matrosenmädchen. ne landratte bin ich. aber mein opa war matrose. deswegen darf ich mich auch so nennen, sagt der herr großpapa.

mein herz schlägt für wildes rumgeküsse, schmutzige schäferstündchen, mädchen und jungs mit eiern, ordinäres gefluche, old-school-tätowierereien, versoffene nächte, charles bukowski und heinz erhardt. und bier. und die schreiberei. die ist wichtig. die hab ich lieb, die olle.

und sonst… rock’n’roll.

ahoi.

Für solche herzlosen Gesellen allerlei Geschlechts, die davon noch nicht kaputt genug gegangen sind, bloggt sie (Obacht: Da sind schon mehrere Seiten aufgelaufen). Am Goethegeburtstag zum Beispiel sowas:

Matrosenmädchen ist ja gar nicht soKäthe war eine hübsche junge Dame. Alles andere als ein Fotomodell oder ein Mannequin, das wohl, aber mit so viel kleinen charmanten Makeln auf einem Haufen, dass man sie hinreißend finden musste. Ging gar nicht anders. Das süße Käthchen, das neben den hochgewachsenen Schönheiten aus dem Viertel viel zu kurz geraten wirkte, dessen Ohren ein bisschen zu weit abstanden, dessen Augen zu groß waren für das winzige Gesicht und das durch die Lücke zwischen seinen Schneidezähnen „La Paloma“ pfeifen konnte. Aber das mit 15 schon so kokett war wie die übertrieben geschminkten Damen in der verruchten Bar „Zur roten Laterne“, in deren Fenstern des Nachts immer die roten Blinkeherzen so einladend leuchteten. Zu schade war Käthe sich selten, etepetete wie ihre Cousine, die feine Jette, wollte sie nie sein, das verabscheute sie, und so machte sie sich gern die Hände schmutzig, wenn alle anderen „Igittigitt!“ schrien. Und sie verschenkte ihr Herz, wann immer ihr danach war. Einmal schenkte sie es dem Bauernjungen Paul mit den roten Haaren, der ihr immer so sehnsüchtig nachglotzte, wenn sie auf dem Weg in die Stadt am Hof seines Vaters vorbei radelte. Paul war es schrecklich peinlich, dass stets ein Hauch Kuhscheiße und Hühnerfurz in der Luft lag, wenn er seiner Angebeteten begegnete. Aber Käthe küsste seine Bedenken einfach so weg. „Scheiß auf die Kuhkacke und die Eierdinger“, hauchte sie und sagte ihm dann, er habe die schönsten braunen Augen, die sie je gesehen habe. Das war nicht mal gelogen. Auch wenn sie dem schönen Heinz gestern noch etwas ähnliches gesagt hatte. Aber der hatte nun mal die schönsten grünen Augen, die Käthe je gesehen hatte.

Die Mädchen im Viertel zerrissen sich die Mäulchen über das Mädchen mit den Segelohren, das so anders war als sie. So unanständig und liederlich. Flittchen nannten sie sie manchmal und sahen sich dann verschämt um, ob sie auch ja niemand gehört hatte. Flittchen sagt man nicht laut.

Käthe wusste das, sie war ja nicht aus Dummsdorf, und eigentlich war es ihr egal. Aber da war gestern dieser Junge gewesen, der Neffe von Metzger Franz, ein Matrose, fast zu schön, um wahr zu sein, und er hatte sie so seltsam angesehen, als der Schlachter ihr ein Stück Fleischwurst geschenkt und dabei ihre Hand eine Sekunde zu lang festgehalten hatte. So, als wüsste er von all dem Gerede und ein bisschen so, als würde er sich vor ihr ekeln. Käthe hatte verlegen auf ihre Schuhspitzen gestarrt und sich geschämt. Dann hatte sie sich die Fleischwurst in den Mund gestopft und war davon gerannt. Geheult hatte sie nicht, nein, das war nicht ihr Metier, wie Mama immer sagte. Nein, das war es wirklich nicht und lieber hätte sie sich den großen Zeh abgehackt, als vor anderen Leuten salzige Suppe aus ihren Augen tropfen zu lassen. Aber durcheinander war sie. Nicht schön durcheinander, sondern dumm. Die Blicke des Matrosen hatten sie verunsichert. Zuerst. Jetzt machten sie sie wütend.

„Was bildet der sich eigentlich ein!“ schimpfte Käthe laut und stampfte mit beiden Füßen auf dem Boden auf. Dann schwang sie sich auf ihren grünen Drahtesel und sauste mit scharlachroter Rübe in die Stadt. Den Matrosen zur Rede stellen wollte sie, jawolljaja.

„Guten Tag, Herr Franz“, sagte sie mit fester Stimme, als sie die Metzgerei betrat.

„Guten Tag, Fräulein Käthe. Was kann ich für Sie tun?“ Der Metzger musterte Käthe unverhohlen, in seinen stumpfen Schweinsaugen blitzte es.

„Ich möchte bitte Ihren Neffen sprechen. Diesen Matrosen.“

„Soso. Jaaaaaaakob!“, schrie Herr Franz da. Seine Wangen glänzten rosig von Fett und Schweiß.

Wäh, dachte Käthe angeekelt. Wie konnte ich nur?

„Ja?“ Der schönste Kopf der Welt lugte hinter der Tür, die zur Schlachterei führte, hervor.

Und so wie man sie kennt, lässt sie einem das wieder stehen und warten bis in die Steinzeit, dass es weitergeht. Und weiter geht es dann doch nur mit katzengoldenem Satzgefunkel wie… aber nein, ich sag nix mehr, weil sie mir sonst nix mehr lesen bei ihr, wenn Sie das Beste schon kennen, reicht ja schon das da oben, complete and unabridged. Zu Ihrer Beruhigung kann ich aber sagen, dass sie in einzelnen Wörtern am besten ist, vielleicht sollte sie einfach mal eine Auflistung von tollen Wörtern hinschreiben, das geht ja schnell und kann sie gut, aber irgendwie würde doch auch was fehlen. Die Geschichte bestimmt.

Und die, ach Gottchen, sagen wir halt mal Philosophie dazu, oder wissen Sie ein besseres Wort dafür, sie weiß doch selber keins, weil sie gar keins braucht, die Philosophie, sagte ich, einer Schiffbrüchigen zwischen Tank Girl für die Generation 20plus, einer Amelia Earhart zu Wasser, wie sie vorm nächsten Verschallen in der Hafenkneipe mit einem damenhaft gedrechselten Glas voll Rum in der Faust eine neue Version ihrer Lebensgeschichte zum Besten gibt, und einer Poetry Slammerin, die zu viel Zeit im Bett verbringt, dafür einen Wortschatz hat.

Und Blut und Schleim und Dosensaft und Salzwasser. Ohne zu viel zu verraten. Klingt sowieso ekliger, als es bei ihrer Fingerfertigkeit dann unten rauskommt. Ist doch alles virtuell, das Flittchen macht doch nur Spaß. In transitivem wie intransitivem Sinne, ich hab sie durchschaut. Das Matrosigste an ihr sind nämlich die Segelohren, ätsch.

Matrosenmädchen. Home is nun mal where your heart is

Bilder: Matrosenmädchen, überaus privat, 2009.

Written by Wolf

1. September 2009 at 6:21 am

Posted in Wolfs Koje