Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Märchenstunde morgen (heute nicht)

with 6 comments

Update zu Zu schusslig für die Metadaten, aber am Copyright-Symposium La Paloma pfeifen
und Absurd and Nonprofit:

Tuani, 6. März 2010Einer der größten Buchhändler Deutschlands verbreitet ungescholten: “Zwei Sachen konnte ich mir nicht vorstellen, Bücher und Süßwaren”. So konnte es geschehen, dass einer der nationalen Buchhandelsriesen Thalia eigentlich kein Buchladen, sondern zutreffender gesehen Teil der Parfümeriekette Douglas ist — zusammen mit bol.de und buecher.de.

Vermutlich ist es sogar politisch so gewollt, dass sich nicht mal mehr der interessierte Bürger merken kann, ob gerade vorgestern ProSieben die Deutsche Bahn aufgekauft oder Nestlé mit General Motors fusioniert hat oder umgekehrt, mir doch wurscht; für eine gesunde Paranoia reicht es zu wissen, dass praktisch alle Verlage und Buchhandlungen unter den Dächern von Bertelsmann, somit Random House, oder Holtzbrinck zusammenlaufen — falls die nicht inzwischen alle miteinander Gerhard Schröder oder einem Dubaier Scheich gehören, das müsste mir dann genauso wurscht sein und Ihnen bestimmt auch. Spätestens seit selbst Oberchecker Harry Rowohlt uns vorgerechnet hat, wie er einst als Springer-Gegner eingeschlafen und als Springer-Autor aufgewacht ist, ignoriere ich zu meinem Seelenheil alle Elefantenhochzeiten, das belastet nur mein Kleinsparer-CPU.

Eine der guten Seiten der grassierenden Buchmesse zu Frankfurt: Ein paar Tage muss in den Zeitungen was über Bücher stehen. Da hat Birk Meinhardt für die Süddeutsche Zeitung vom 14. Oktober 2009 den vorbildhaften Artikel An der Kette recherchiert und ausgesprochen mutig geschrieben, und wieder gibt’s keinen Journalistenpreis dafür, weil er online nur im unheilbehafeten jetzt.de stand und seither im Süddeutsche-Archiv zwei Euro kostet. Mich freut auch die darunter entstandene Diskussion, für die sich offensichtlich eigens neue User registriert haben, um Stichhaltiges beizusteuern. Solange man die Pro- und Contraseiten so ungefiltert nebeneinander stehen sieht, muss man beiden ihre Berechtigung zugestehen. Ich wäre selber gern auf der Seite inhabergeführter Kuschelläden. Aber.

Die wirklich überraschende und erfreuliche Information aus den Kommentaren: Manche der kleinen Kuschelanten machen mit ausgewähltem Sortiment und sinnvollem Marketing einen besseren Schnitt als der konkurrierende Thalia am Ort. Müsste “man” nicht trotzdem den Hugendubel am Marienplatz böse finden, ein paar Kilometer weiter: die Mayersche und eben Thalia? Und wenn der Büchermoloch dicht macht — eröffnen dann die ganzen zur Wahrnehmung alternativer Karrierechancen unbefristet freigestellten Mitarbeiter hehre Stätten der Hochliteratur, singen das Gaudeamus und florieren und erneuern das Volk der Dichter und Denker? Und selbst wenn — wollte “man” das? Und hat man nicht gerade in den Abteilungen der Rolltreppenbuchhandlungen schon begeisterte und begeisternd engagierte bis sympathisch krautsköpfige Buchhändlertypen angetroffen, in den ums Überleben rudernden Schreibwarenklitschen, die mal ein Buchladen werden wollten, hingegen desillusionierte Misanthropen, der Herrgott sei ihrer Rente gnädig?

Das, was ich anstatt eines Herrgotts habe, bewahre mich davor, Handyverträge bei Kaffeesiedereien abzuschließen — aber welche Bank kann bitte mit Geld umgehen? Muss sich dann mein Buchhändler noch darum scheren, ob in seinem Merchandise überhaupt irgendwas drinsteht? Beschaffen soll er sie, und zwar spätestens über Nacht, und das funktioniert im deutschen System der Barsortimenter sehr ordentlich, last time I tried.

Das ist ein langer Artikel, hoffentlich können heute die Leser wenigstens lesen. — Noch einer? Auch die Seite der Armut findet derzeit in den Feuilletons ihre Poesie. Kirsten Küppers und Dirk Knipphals für die taz vom 10. Oktober 2009: Schuften fürs Zauberbuch.

Nämlich für die erste vollständige deutsche Übersetzung von Walt Whitmans Leaves of Grass, Grasblätter (für 39,90 lächerlich billig).

Man vergegenwärtigt sich so selten, welcher wünschbare Grundbestand an Büchern eigentlich noch oder schon greifbar ist — und von allein wäre mir in Jahren nicht aufgefallen, dass eine Übersetzung von Herman Melvilles New Yorker Nachbarn und Jahrgangsvetter Walt Whitman schlichtweg fehlt. Bis Anfang September. Und wie steinig der Weg dorthin war, hat sehr wohl mit dem ersten Artikel von oben zu tun. Es ist ein ergreifendes, bestürzend wahres Märchen über einen, von dem ergebnisorientierte Schnelldreher-Dealer unmittelbar leben. Dabei handelt er noch über Hanser, einen der aufrechten Inhaberverlage auf der guten Seite. Sie werden weinen beim Lesen, und wenn nicht, schenk ich dem ersten, der sich das einzugestehen traut, ein Buch der Lieder von Heine.

Wehrlose fordern: Weg mit Hartz IV, Verantwortliche tun wie geheißen; Bildungshungrige rufen nach Büchern, Geldhungrige liefern wie bestellt; am Ende kläffen sich alle gegenseitig in berechtigtem Zorn an, weil als einzig auszumachender Verantwortlicher nur “der Zeitgeist” bleibt.

Aber ich bin zynisch, oder was?

meadon, Reading in the Waves, 10. Januar 2008

Schnelldreher: Tuani, 6. März 2010;
Wasser bis zum Hals: meadon: Reading in the Waves, 10. Januar 2008.

Written by Wolf

15. October 2009 at 1:51 am

Posted in Reeperbahn

6 Responses

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  1. Hm. Wie ist denn die Whitman-Übersetzung? Lustigerweise hab ich grad im Juli eine gesucht, da war die ja schon fix und fertig, wenn ich das gewusst hätte :-D

    Aber irgendwie will sich das ganz große Mitleid mit dem Übersetzer (der natürlich, wie alle Märtyrer für die Große Kunst, sehr sympathisch wirkt) nicht einstellen. Kann das überhaupt was werden, 10 Seiten am Tag und das Arbeitsamt im Nacken? Wärs da, auch aus Übersetzerethos heraus, nicht sinnvoller, dem Herrn Verleger zu sagen: Hör mal, wenn ich unter solchen Bedingungen arbeiten soll, dann gibt’s eben kein Renommierprojekt für Hanser (Denn darauf läuft’s ja raus! Hanser profitiert natürlich enorm von dem Band, wenn auch nicht direkt über Verkaufszahlen). Stattdessen such ich mir nen normal bezahlten Job, übersetze die Grasblätter nach und nach nebenbei und stell sie ins Internet. Umsonst. Ätsch.

    Bei nem Roman ist das was anderes, aber bei Gedichten scheint mir das tatsächlich noch ein realistischer Plan. Jedenfalls besser als Zynismus, oder? :-)

    cohu

    16. October 2009 at 8:34 am

  2. Gute Frage, ob der Mann eine Auswahl gehabt hätte… Wieso eigentlich nicht? Aber durchgehalten hat er ja schon eine ganze Weile. 10 Lyirikseiten pro Tag sind kaum zu lesen, geschweige zu schreiben oder in historisch festgezurrter Form zu übersetzen — es muss einen Grund geben…

    Nu ja, es wird schon wo herkommen, dass ich nicht bei Suhrkamp, sondern bei WordPress bin .ò)

    Wolf

    16. October 2009 at 6:36 pm

  3. Ach komm, wir kennen doch den wahren Grund, warum Du nicht bei Suhrkamp bist – weil die in ihren dünnen Bändchen keinen Platz für Pin-Ups haben!

    cohu

    16. October 2009 at 8:29 pm

  4. Und angefangen hat der Douglas-Konzern ja auch mit Süßigkeiten, wenn mich nicht alles täuscht (Hussel). ;)

    Mein Lieblingsbuchhändler seit mittlerweile 25 Jahren ist neulich auch übernommen worden. Ich habe es zuerst nicht gemerkt – erst als ich mir den Preisaufkleber zuhause noch mal genau angeschaut und dann gegoogelt habe.
    Mittlerweile ist der Laden ziemlich “gesundgeschrumpft” worden, ebenso das Angebot. Würde mich nicht wundern, wenn es dort irgendwann auch Parfüm gibt.

    Dass es keinen winzigen Liebhaberladen, sondern einen alteingesessenen großen Familienbetrieb mit normalem Angebot getroffen hat, ist vielleicht das Traurigste. Die ganz kleinen Antiquariate oder Unibuchhandlungen werden schon eher ihr Publikum finden, denke ich. Aber dort finde ich dann selten Fantasy, englischsprachige Bücher oder auch mal einen Comicband zum reingucken. Und ich mache sowas sehr gern, ich mag auch die richtig riesigen Buchpaläste (die es hier leider nicht gibt).

    Von daher: Es juckt mich schon, auch wenn ich kein Vielleser bin. Es gibt hier schon einen Thalia neben dem anderen. Naja, wenigstens kann ich jetzt ohne schlechtes Gewissen gleich bei Amazon kaufen. Eat this, Thalia! ;)

    fernseherin

    16. October 2009 at 9:28 pm

  5. Stimmt eigentlich, solche Unternehmungen wie das hiesige und der Never Sea Land mit seiner Today’s Mermaid sind wohl doch mehr ein Fall für Hanser; die machen doch seit Jahren Melville rauf und runter (außer der Lyrik), und alles in sooolchen Backsteinen.

    Ja Herrschaften, Frau Fernseh! Welch Glanz! — Aber in Amazon immer schön die Marketplace-Krämer mit ihren Gebrauchtwaren berücksichtigen, gell. Dann läuft’s doch endlich drauf hinaus, dass selber schuld ist, wer sich Hardcovers zum Vollpreis kauft. (Au weh, wenn das der Jürgen hört…)

    Wolf

    17. October 2009 at 1:40 pm

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