Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

München am Meer VIII: Carta Marina

with 7 comments

Christina Dichterliebchen macht ein Update zu Hic sunt leones, New York 1660,
Die Einsamkeit des Langstreckenläufers, Heimkehr und Freitagsfisch:

Donna Ricci als Christina DichterliebchenWahrscheinlich muss jeder das einmal mitgemacht haben: Einst dachte ich, man werde gesund, leistungsfähig und begehrenswert davon, wenn man jeden Tag, womit ich jeden Tag meine, bei Bruthitze wie Hagelschlag elf Kilometer durch vier verschiedene Nürnberger Stadtteile rennt. An Werk-, Sonn- und Feiertagen, immer gegen vier Uhr morgens, eine Zeit, die aus dem Kalender gefallen ist, damit es nicht wahr sein konnte. Außer meinen Aufsichtspflichtigen erfuhr niemand je davon, den Rest der Tage glaubte ich es selbst kaum. Ich nannte es Dauerlauf, Jogging fand ich affig. Zurück kam ich jedes liebe Mal atemlos, verschwitzt und missgelaunt, klüger wurde ich jedenfalls nicht: Bei einer gewissen seelischen Disposition wird man davon nicht körperlich fitter, nur gleichgültiger gegen die eigene Erschöpfung. Etwas wie Spaß, Stolz oder sonst eine Abart der Euphorie empfand ich kein einziges Mal.

Vor allem trug ich täglich zwischen den beiden Muskelkatern in meinen Oberschenkeln ein elend verzweifeltes Ziehen, einhergehend mit unerträglich nervensehrenden Gedanken an gut gebaute Mannsbilder, oft auch an nackte, mir nicht persönlich bekannte Frauen, die sich in meiner überreizten Phantasie bildeten, meist fünf bis zehn Jahre älter als ich und der nachmaligen Nicole Kidman in Eyes Wide Shut nicht unähnlich, einschließlich der Brille. Die körperliche Begleiterscheinung “da unten” begründete ich vor mir selbst mit Erweiterung meiner Blutgefäße und Schweißfeuchtigkeit; genauer beschreibende Worte dafür gestattete ich mir so wenig wie eine Stunde zuvor jegliche Gehpause. In der Badewanne danach brauchte ich immer unverhältnismäßig lange, erst damit konnte ich mich in einen Zustand körperlicher Zurechnungsfähigkeit versetzen. Auch hatte ich mir einen handlichen Fichtenprügel aus dem Nürnberger Stadtwald auf 24 Zentimeter Länge zurechtgeschnitzt und sogar wasserfest lackiert. Weder verstand noch verstehe ich, was mich am nächsten Tag wieder losrennen ließ, es musste aber mit Sehnsucht und Durchhaltewillen zu tun haben. Mit vierzehn fing ich damit an, etwa drei Jahre fügte ich es mir zu. Jungfrau blieb ich bis wenige Tage vor meinem Dreiundzwanzigsten.

Irgendwann zog ich nach München — eine Stadt, in der offenbar gerade wegen ihrer Meerferne erstaunlich viele seemännische Aspekte herumstehen, und die als besonders gut “benutzbar” gilt — im Unterschied zu “nur zum Anschauen”, vor allem in geschlechtlichen Belangen (haben Sie sich mal gefragt, was an den Sommerabenden hinter den Büschen im Englischen Garten so verhalten rummelt?), und die mich erst richtig lehrte, wie die Sehnsucht nach der Ferne und inniger Zweisamkeit schmerzen kann. Bis heute überlege ich, ob mich wenigstens das klüger macht.

1886 wurde in der Münchner Stabi ein Exemplar der Carta Marina entdeckt.

Carta Marina

Bild: Olaus Magnus: Carta Marina von Nordeuropa, ab 1539.

Danke an Fishing in the Past!

Written by Wolf

9. November 2009 at 12:01 am

7 Responses

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  1. Zeitgemäßer fernwehanregend: MarineTraffic hat eine Live-Karte davon, was momentan so über die Weltmeere schippert, eingefangen via AIS.

    Neben den Hochseeschiffen, die AIS wohl durch die Lappen gehen, fehlen auf dieser Karte aber auch die Seeungeheuer (vielleicht findet man welche, wenn man in Satellite-View ganz nah ranzoomt…)

    cohu

    9. November 2009 at 7:50 pm

  2. Holla die Seefee. Das bau ich gleich mal als Rettenden Link da rechts raus, wird mal Zeit für einen Wechsel. Die bisherige Idee wird dann erst die nächste. — Was der Link rettet? — Stunden!

    Wolf

    10. November 2009 at 7:59 am

  3. Ehre, wem Ehre gebührt: das hab ich natürlich von Metafilter, dort gibts auch noch ganz interessante Kommentare.

    cohu

    10. November 2009 at 9:41 am

  4. […] a comment » Update zu Carta Marina: A tramping of sea boots was heard in the entry; the door was flung open, and in rolled a wild set […]

  5. The map is from Wikipedia.

    Here in Spain running has become something you pay for. You pay between 6 and 30 euros to participate in one of those marathons. In Madrid there were 30 000 participants (or maybe I remember wrong).
    If each pays 30 euros..!!??? Finance the city.

    And the idea copuld really catch on! People love running! So have them run and pay! And abolish all taxes.

    I live on the main drag. There are some 40 000 inhabitants. On New Year’s eve I watched them run past my window. Awful. It took more than 5 minutes for them to file by. Also elderly men. Ridiculous.

    cantueso

    12. January 2010 at 10:31 am

  6. It’s obviously something you have to do once in a lifetime :o) You can pay 28 Euro in Munich to run 10 kilometers, as even I did last year, and I’m not suspicious to do a lot of sports. The whole Marathon is more expensive.

    Wolf

    12. January 2010 at 5:55 pm

  7. […] zurückgeschreckt, weil von selbst klar ist, dass man das mit ihr nicht machen kann. Als immer noch sehr junges Mädchen malträtierte sie sich jahrelang mit täglichen kilometerweiten Dauerläufen zu nachtschlafender […]


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